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Der Pionier
05. April 2018

Auf seinen Kopfhörern stimmten Simon & Garfunkel ‘The Sound of Silence’ an. ‚Wie passend’, dachte sich Sebastian, als das Lied mit ‘Hello darkness my old friend‘ begann.

Draussen war es dunkel. Wobei das keinen Unterschied machte, hatte er doch die Rollladen bereits am Nachmittag runtergelassen. Sebastian sass wie so oft schon seit Stunden in seinem Labor. In einer Forschungseinrichtung in der Stadt St. Gallen, Schweiz. Freunde behaupteten, dass das die Hauptursache für seinen hellen Teint war und er darum immer so bleich wirkte. Vielleicht waren es auch seine roten Haare, die den Kontrast zur Haut förderten. An den Seiten waren sie rasiert, oben hielt er sie etwas länger. An seinen breiten Schultern hing ein Laborkittel, der sich mit seinem strahlenden Weiss besser an die Haut anzupassen schien. Darunter blitzte ein stilsicheres, blau-weiss kariertes Hemd hervor.

Wir schreiben das Jahr 2004. Der 29-jährige Sebastian Berger forschte schon seit Jahren im Gebiet der Dunklen Energie und hatte zuvor mit insigni cum laude am Astronomischen Institut an der Universität Basel promoviert. Das Weltall hatte ihn schon immer fasziniert. Das grosse Unbekannte. Und die wenigen bekannten Antworten, die meist noch mehr Fragen zur Folge hatten. Zuerst galt sein Fokus unserem Sonnensystem, unserer Galaxie und dann fremden Galaxien. Irgendwann auf dem Weg schnappte er eine Frage auf, die ihn nicht mehr losliess.

 

Ein paar Info-Broschüren lagen in einer Ecke seines Labors. Anscheinend für interessierte Studenten und Praktikanten gedacht. Auf der Vorderseite konnte man die Einleitung lesen:

Den weitaus größten Anteil an der Gesamtdichte von Materie und Energie im Universum – nämlich rund 68 Prozent – macht ein Energiefeld aus, das den Kosmos beschleunigt auseinandertreibt: Dunkle Energie. Diese bisher rätselhafte Energieform wirkt der Schwerkraft der im Weltall enthaltenen Materie entgegen, welche die Expansion des Raumes bremst. Nach heutiger Kenntnis dominiert die Dunkle Energie, sodass sich das Universum auf ewige Zeit ausdehnen wird.

Doch was genau ist Dunkle Energie?
Dunkle Energie konnte bisher nur erforscht werden, indem ihr Verhalten im Grossen studiert wurde. Sprich: Mittels Beobachtung von Galaxien und beispielsweise durch laufende Messungen an Supernovae.

 

Dafür brannte Sebastian. Nach dieser Antwort suchte er. Woraus genau bestand ein Grossteil unseres Universums? In seinem Labor fanden sich zwar professionelle Teleskope und die nächste Sternwarte war gut besucht von ihm, doch verschiedenste andere Geräte hatten sich ebenfalls in seinen Räumlichkeiten eingenistet.

Er selbst sass gerade an einem hochgezüchteten Computer. Dieser sah aus wie ein modifiziertes Mikroskop, an dem man über ein Display tausend Dinge einstellen konnte. Flankiert wurde es von zwei Schrankgrossen Metallkästen, die durch ihre Fronten aus etlichen weissen Indikations-Lämpchen selbst wie der Sternenhimmel aussahen. Die gesamte Maschinerie brummte in regelmässigen Abständen auf. Über mehrere durchsichtige Kanäle war alles miteinander verbunden und schien einen einstudierten Ablauf durchzugehen. Das künstliche Licht umspielte Sebastians Gesicht, das nicht viele harten Kanten aufzeigte.

Er blickte dem ganzen Lichtspiel mit seinen kastanienbraunen Augen entgegen. Lauernd. Hoffend. Er verfolgte das laufende Experiment auf mehreren Monitoren. Strahlungsmesswerte, Temperatur, visuelle Indikatoren – egal was, er würde es erfassen. Seine Augen brannten vor Müdigkeit, die Lider hingen etwas. Das war nicht der erste Tag, an dem er über die Stränge zog. Doch er hatte das Gefühl, dass er kurz davor war. Wenn er sich nur genügend anstrengen würde. Wenn er sich nur genügend darauf konzentrieren würde.

 

Seine Augen weiten sich, als plötzlich ein blau-schwarzer Blitz durch die Rohre schoss und das Labor erhellte. Sofort hämmerten Sebastians Finger auf die Tastatur vor sich. Er ging die Video-Aufnahme durch, doch der blaue Blitz war nicht ersichtlich. Als nächstes studierte er die Messwerte und konnte schliesslich ein Muster finden.

‚Diese Erkenntnis könnte, nein, wird mein Forschungsgebiet weltweite Aufmerksamkeit und Fördergelder einbringen!‘, schoss es ihm durch den Kopf. Er stand hastig auf, wobei er seinen Hocker einen solchen Stoss versetzte, dass dieser nach Hinten umfiel. Er eilte zu seinem Drucker und sammelte die wichtigsten Papiere ein. Diese Nacht würde anscheinend noch kürzer sein, als erwartet.

edited on 16.04.2018, 13:32 by Ashielf
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Walked paths
Publikation & Erkenntnis 25. April 2018

Sebastian behielt Recht. In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde er unter Kennern und Fachkollegen schon als Hawking der Dunklen Energie gepriesen. Er hielt an verschiedenen Tagungen Reden…

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