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Publikation & Erkenntnis
25. April 2018

Sebastian behielt Recht. In den darauffolgenden Wochen und Monaten wurde er unter Kennern und Fachkollegen schon als Hawking der Dunklen Energie gepriesen. Er hielt an verschiedenen Tagungen Reden und begeisterte viele für das relativ unbekannte Gebiet der Dunklen Energie. Gerne zeigte er seine Herangehensweise, doch niemand konnte komplett nachvollziehen wie man allein mit seinen Instrumenten diese Resultate erzielen konnte.
Und zudem konnte niemand das visuelle Ergebnis wahrnehmen, dass Sebastian selbst regelmässig sah. Der blau-schwarze Blitz war ein Phänomen, das sich für ihn über die Zeit zu einer konstanten blau-schwarzen Aura entwickelte und das anscheinend nur Sebastian vorbehalten war.

 

Eine Frau betrat sein Labor. Schulterlanges, schwarzes Haar. Rehbraune Augen. Ebenfalls Kittelträgerin. Johanna hielt Sebastian die aktuelle Ausgabe des Magazins „Science“ hin mit einem Bild vom Aufbau seines Experiments und der Überschrift Dunkle Energie. „Sogar Titelseiten in Fachzeitschriften zierst Du inzwischen!“, proklamierte sie. Sebastian lächelte selbstzufrieden, legte das Heft auf den Tisch neben ihn und runzelte dann die Stirn. „Hast Du kurz Zeit?“, fragte er seinen Gast, deren Neugier er damit schon geweckt hatte. „In einer halben Stunde habe ich aber die nächste Besprechung“, warnte sie.

Wie schon etliche Male zuvor und inzwischen auch etwas optimierter führte er seinen Versuchslauf durch. Die Geräte brummten, die Sensoren fiepten, die Lampen blinkten und die Zeiger auf den Monitoren schlugen aus. Alles begleitet von dieser für Sebastian inzwischen altbekannten Aura.

„Und Du hast wirklich nichts gesehen?“, fragte er Johanna angespannt, als der Testlauf abgeschlossen war. Sie schüttelte den Kopf und musterte Sebastian besorgt: „Geht es Dir auch wirklich gut? Wann hast Du das letzte Mal ausgiebig geschlafen? Gegessen? Warst Du schon beim Arzt?“, sie stockte kurz, „Nimmst Du irgendwelche Aufputschmittel?“ Er schüttelte den Kopf, sich selbst und die Situation nicht verstehend. „Mir geht’s gut“, beruhigte Sebastian sie und fügte hinten leise an, „denke ich.“ Sie legte eine Hand auf seine rechte Schulter und blickte ihm tief in die Augen: „Pass auf Dich auf, ja? Als ich in Deinem Alter war, hab ich auch oft über die Stränge geschlagen. Inzwischen weiss ich, dass wohldosierte Arbeit bessere Resultate erzielt.“ Sebastian neigte den Kopf und empörte sich gespielt: „Jetzt hör doch auf, Du bist nur knapp 5 Jahre älter als ich. – Aber danke, ich werde schon schauen, dass ich nicht daran zugrunde gehe.“ Sie lächelte sanft: „Gut, denn die Welt braucht Dich.“

Mit diesen Worten verliess sie das Büro. Sebastian blickte ihr durch die verglaste Tür gedankenversunken nach, bevor er sich wieder seiner Maschinerie widmete.

 

Die Gedanken nach seiner eigenen Gesundheit liessen ihn auch nach mehreren Tagen nicht los. Er seufzte und beobachtete sich am nächsten Morgen im Spiegel. ‚Johanna hat Recht‘, dachte er, ‚eine Untersuchung schadet sicher nicht.‘ Schnell hatte er einen Termin vereinbart und näherte sich diesem mit Sorge und Neugier.

„Sie sind top-fit dafür, dass sie den Grossteil ihres Lebens sitzend vor einem Computer verbringen“, bescheinigte ihm sein Hausarzt. Sebastian verzog das Gesicht etwas: „Ich jogge ja noch, so festgewachsen bin ich an meinen Maschinen nun auch wieder nicht.“ – „Ich könnte ihnen höchstens etwas Vitamin D verschreiben. So Sonnen-entwöhnt wie sie sind, würde ihnen das sicherlich nicht schaden“, meinte der Arzt und begann etwas auf einen Zettel zu schreiben. Sebastian zuckte mit den Schultern und war im Kopf schon weiter. Er war also kerngesund und nahm sich selbst die Freiheit zu behaupten, dass er auch geistig nicht Irre wurde.

 

Unzählige Labor-Experimente später war Sebastian leider nicht schlauer geworden. Er konnte die Kritik an seinem Experiment verstehen und tüftelte monatelang daran, wie er auf diese Ergebnisse kommen konnte. Und stellte sich auch immer die Frage, warum nur er gewisse visuelle Effekte wahrnahm. Die sich auf beunruhigender Weise über die Zeit hinweg häuften.

Es vergingen weitere Monate. Inzwischen schrieb man das Jahr 2006. Sebastian war zwar als Wegbereiter zu neuen Denkweisen bekannt, seit seiner ersten Entdeckung blieb der nächste grosse Durchbruch allerdings aus. Trotzdem, oder genau deswegen, gab er nie auf. Für ihn war klar, dass er nur hartnäckig genug bleiben musste. Wie beim ersten Mal würde der nächste Erfolg die Frucht langer und harter Arbeit sein. So begann er seine Testdurchläufe immer mehr zu modifizieren. Denn nur ein Wahnsinniger würde stets das Gleiche tun und unterschiedliche Resultate erwarten.

Eines Abends hatte er eine ganz spezielle Konfiguration vorbereitet. Es würde ein einmaliges Experiment werden, denn die Maschinen verbrauchten bei dieser Last extreme Mengen an Energie. Und sein Forschungs-Budget war begrenzt. Er atmete einmal tief durch und begann dann die virtuellen Hebel in Bewegung zu setzen. Wieder flackerten diverse Lampen auf. Die Maschinerie summte vor sich hin. Die erhöhte Spannung war als Surren in der Luft zu vernehmen und Sebastians Haare standen etwas auf. Leicht mulmig war ihm, flackerten doch schon die Deckenlampen im Labor. Zum Glück führte er das Experiment in der Nacht durch, da waren mehr Stromreserven vorhanden. Wieder begann die blau-schwarze Aura stärker zu werden. Die ganze Maschinerie strömte Wellen dieses besonderen Lichts aus. Plötzlich ging alles sehr schnell. Über ihm zerbarst eine der Neonröhren, die das Labor erhellten und eine halbe Sekunde später war der ganze Raum dunkel.
‚Das war wohl die Sicherung‘, schoss es ihm durch den Kopf, woraufhin er vorsichtig aus seiner gebückten Schockstarre hervorlugte. Glassplitter der Röhre rieselten von seinem Rücken und klirrten auf den Boden. Nein, es war nicht ganz dunkel. Er musterte mit offenem Mund und weiten Augen die abgeschaltete Maschine vor sich. Das Leuchten war noch immer da. Seine Aufmerksamkeit fiel nach unten, auf seine Hände. Auch diese waren von einer leichten blauen Aura umgeben. „Heureka“, flüsterte er völlig baff, stand auf und trat einige Schritte zurück.

Er verstand es.

Auch wenn es sonst niemand glauben wollte. Aber seine aussergewöhnlichen Forschungsresultate gingen einher mit der Erstarkung einer Fähigkeit, Dunkle Energie spüren und auch sehen zu können. Seine Gedanken rasten. Er kramte sofort aus einer Schublade einen Notizblock hervor und fing an eifrig unter diesem geisterhaften blau-schwarzem Licht etwas hernieder zu kritzeln. So war es diesmal der Zufall, der ihn auf eine völlig neue Fährte geführt hatte.

Nun begann er sein neustes Forschungsobjekt genau zu studieren: Sich selbst.

edited on 25.04.2018, 12:39 by Ashielf
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Walked paths
Durchstarten16. May 2018

Ein erneuter Kontrollcheck beim Arzt ein Jahr nach seiner letzten Untersuchung verschaffte Sebastian Sicherheit: Er war kerngesund. Was immer mit ihm auch geschah, es war etwas Neues, Unbekanntes…

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