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16. May 2018

Ein erneuter Kontrollcheck beim Arzt ein Jahr nach seiner letzten Untersuchung verschaffte Sebastian Sicherheit: Er war kerngesund. Was immer mit ihm auch geschah, es war etwas Neues, Unbekanntes und vor allem etwas, dass nicht messbar war. Und es war unglaublich aufregend.

Im Laufe eines Jahres konnte er ein Verständnis für die Eigenheiten der Dunklen Energie aufbauen. Sebastian wurde klar, dass sie wie Luft überall zu finden war. Und dass sie nicht nur bei ihm oder in seinen Labormaschinen, sondern ausnahmslos in der gesamten Umwelt vorhanden war. Diese neue Welt, in die er blickte, war allerdings auch gefährlich. Am schlimmsten war die Phase, als er das Aufkommen von Dunkler Energie immer besser auch im Alltag erkennen konnte, aber sich noch nicht zurechtfand. Manchmal fühlte es sich so an, als würde er Schwimmen lernen, indem er direkt ins kalte Wasser sprang. Oder als wäre seine Brille ständig verschmiert. Oder als würde sein rechtes Auge andere Dinge sehen als sein Linkes.

Gerade wanderte er gedankenversunken einem speziellen Muster in der Luft nach und beobachtete dieses innig. Erst ein lautes Hupen riss ihn aus diesem Tagtraum. Er war unbewusst auf die Strasse gelaufen und dabei fast überfahren worden. Eilig ging er zurück auf den Gehweg. Mit weichen Knien suchte er sich die nächste Bank und ruhte sich aus. Wieder fand er unzählige Muster und Strukturen in seiner Umgebung, die er noch nicht einmal im Ansatz verstehen konnte. Doch dann wurden sie von etwas anderem überschattet. Ein Mann auf der anderen Strassenseite hatte ebenfalls eine ähnliche Aura wie er selbst um sich. So etwas hatte er noch nie gesehen. Sebastian wollte diesen Moment nicht verstreichen lassen und eilte zu ihm, natürlich wieder fast einen Unfall provozierend. Die Aufmerksamkeit des Fremden hatte er so ohnehin, weswegen Sebastian ihn auch gleich ansprach.

„Guten Tag, hätten Sie kurz Zeit?“, fragte er geradeheraus. Etwas zögerlich antwortete der circa 25-jährige Mann: „Wie, wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Kennen Sie das Themengebiet der Dunklen Energie?“, fragte Sebastian sogleich, begleitet von einem etwas angsteinflössenden, schon fast wahnsinnigen Blick. Sein Gegenüber schien sichtlich verwirrt und auch etwas verstört. „Ist das hier versteckte Kamera?“, fragte der Fremde und suchte die Umgebung ab. Sebastian lachte angespannt. Anscheinend hatte sein neu gefundener Kamerad keine Ahnung: „Nein, ich meine das Ernst! Sie scheinen ein Talent zu haben. Und wir könnten dieses gemeinsam ergründen!“ Die Mundwinkel des Mannes glitten nach unten: „Tut mir Leid, aber ich stehe nicht auf Männer.“ Mit diesem Satz machte er Anstalten zu gehen. Sebastian verwarf die Hände und stellte sich ihm in den Weg: „Nein, bitte! Nur ein Experiment…“ Schroff stiess er den Professor beiseite und rief beim Weggehen zurück: „Lassen Sie mich in Ruhe, Sie Verrückter! Bevor ich die Polizei rufe!“ Sebastian hob die Hand zum Einhalt, liess sie aber wieder sinken. Er seufzte schwer und blickte umher. Einige Passanten waren stehen geblieben und musterten ihn besorgt. Ein paar hatten sogar das Handy gezückt in der Hoffnung, dass noch etwas Witziges passierte. Sebastian schluckte leer und machte sich eilig auf den Rückweg in sein Labor.

 

Abgesehen von diesen Anfangsschwierigkeiten begann für Sebastian der Himmel auf Erden. Er war der erste Mensch auf der Welt, der Zugriff auf die Macht der Dunklen Energie erlangt hatte. Dieses tiefergehende Verständnis ermöglichte es ihm, besser und nachvollziehbarer seine Forschungsresultate zu präsentieren. Seine Arbeit wurde an immer breiterer Front unterstützt. Und mit den dadurch eingenommenen Fördergeldern bildete er ein grösseres Team um sich herum. Bald schon zogen sie um in ein neues, geräumigeres Labor in Zürich. Es dauerte nicht lange bis sie eines der grössten Kompetenzzentren weltweit waren.

 

Gerade war er damit beschäftigt sein neuestes Laborinstrument zu konfigurieren, als er von Hinten gepackt wurde. Er schreckte auf und stiess den Pappbecher mit Kaffee um. „So schreckhaft habe ich Dich nicht in Erinnerung“, meinte Johanna lachend und fügte an, „ich dachte ich besuch Dich mal in Deinem neuen Bau.“ Sebastian seufzte erleichtert und versuchte sich locker zu geben. Als die Sauerei mit dem Kaffee beseitigt war, setzten sie sich an einen Tisch.

„Ich habe Essen mitgebracht“, sie deutete auf einen weissen Plastiksack mit asiatischem Essen. Sebastians Magen knurrte sich sofort zu Wort.

„Etwas beschäftigt Dich, das sehe ich Dir an“, konstatierte Johanna mit runzelnder Stirn, als das Essen ausgepackt war.

‚Soll ich es ihr sagen? Vielleicht verstünde sie, dass meine Resultate erst dank meiner speziellen Fähigkeit möglich waren?‘, fragte er sich in Gedanken. „Hey!“, riss Johanna ihn aus seinen inneren Wirren, „Rück schon raus damit.“

„Was wäre“, begann Sebastian wohlüberlegt, „wenn meine Forschungs-Fortschritte nicht allein auf mein Talent und meine Hingabe zurückzuführen sind?“ – „Wie meinst Du das?“, fragte Johanna neugierig, während sie sich die nächste Gabel Instant-Nudeln genehmigte. Er hielt inne, überlegte sich seine nächsten Worte gut. „Was, wenn ich ein naturgegebenes Talent habe, mit Dunkler Energie zu interagieren?“, sinnierte er und beobachte genau Johannas Reaktion. Sie verschluckte sich fast, als sie laut loslachen musste. Als sie sich wieder einigermassen gefangen und die Gabel im Nudelkarton abgelegt hatte, stemmte sie ihre Hände auf die Oberschenkel und musterte Sebastian von oben bis unten. „Du siehst für mich ganz normal aus. Willst Du mir als nächstes Deine geheime Identität preisgeben oder hast Du einfach zu viele Marvel-Filme geschaut?“, spottete sie. Sebastian seufzte. Sie stand auf, ging die zwei Schritte zu ihm rüber und packte ihn an den Oberarmen: „Hör zu Sebastian. Auch wenn es für Dich nicht einfach zu verstehen ist: Du bist einfach ein verdammt kluges Köpfchen! Wenn Du so weiter machst, wirst Du unser nächster Einstein! Also hör auf Dich selbst klein zu machen und die Ursachen Deines Erfolgs in externen Faktoren zu suchen! Du hast Jahre Deines Lebens hierfür investiert und Dir das alles verdient! Klar?!“ Sebastian war leicht berührt von dieser spontanen Motivationsrede. „In Ordnung“, entgegnete er schliesslich und stiess mit seinem Ess-Pappkarton ihren an, „Dann auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit.“

Nachdem Johanna gegangen war, schlich sich wieder dieses Gefühl der Verzweiflung ein. ‚Ich bin nicht verrückt. Ich kann Dunkle Energie inzwischen sogar spüren‘, bekräftigte er sich und fuhr sich durch die Haare. Sebastian konnte nicht riskieren, dass man ihn für durchgeknallt hielt. Er entschloss zu schweigen. Nachdenklich blickte er aus dem Fenster und musterte die belebte Stadt. Eine andere Frage beschäftigte ihn ebenso: ‚Bin ich der Einzige?'

edited on 16.05.2018, 17:39 by Ashielf
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Erwachen31. May 2018

Diese Frage stellten sich um 2006 herum auf der ganzen Welt Menschen, die allmählich jene Kraft der Dunklen Energie zu spüren und nutzen vermochten.

Darunter befand sich Leya Ranger, die…

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