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Erwachen
31. May 2018

Diese Frage stellten sich um 2006 herum auf der ganzen Welt Menschen, die allmählich jene Kraft der Dunklen Energie zu spüren und nutzen vermochten.

Darunter befand sich Leya Ranger, die seit kurzem in Los Angeles wohnte. Wie so viele vor ihr ist sie mit der Hoffnung angereist, reich und berühmt zu werden. Sie war 20 Jahre alt und befand sich in der Blüte ihres Lebens. Es hatte schon für ein paar kleine Werbeaufträge gereicht. Die Hoffnung lag jedoch auf viel Grösseres.
Sie prüfte sich noch einmal im Spiegel, bevor sie ihre Mietwohnung verliess:

Ein schöner dunkler Teint, bei dem natürlich auch gewisse Selbstbräuner nachhalfen. Blondes, gelocktes Haar, das bis zu ihren Schulterblättern reichte und perfekt sass. Stechende, azurblaue Augen, in denen man sich verlieren konnte. Ein filigranes Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn. Sowie eine wohl-proportionierte Figur begleitet von eleganter Kleidung in knalligen Farben. Mit ihren 1.70m hatte sie zwar keine Modelgrösse, aber auch so hatte sie genug zu bieten.

 

Das nächste Casting war in dieser Stadt nie weit weg. Leya hatte es inzwischen aufgegeben, sich einer Agentur anzuschliessen. Sie hatte absolut keine Lust auf diese Knebelverträge und vor allem nicht darauf, sich nicht wertiger als ein Stück Fleisch in der Aktions-Auslage zu fühlen.
Das Casting für heute Morgen drehte sich um einen neuen Agenten-Film, der laut Hörensagen Bond in nichts nachstehen sollte. Sie war unglaublich nervös und etwas müde. Sie hatte noch spät in die Nacht im Internet recherchiert und sich versucht perfekt auf die nur vage beschriebene Rolle vorzubereiten. Sie drückte die Tür des nichtssagenden Gebäudes auf und machte sich auf zum beschilderten Raum. Sie kam nicht weit, denn vor der Ziel-Tür hatte es schon eine ordentliche Schlange. „Wer ja auch zu schön gewesen“, murmelte sie. Wirklich überrascht war sie aber nicht. Sie war schliesslich nicht die einzige, die sich für eine Schauspielerin hielt. Aber hoffentlich jene, die heute eine werden würde.
Es dauerte über eine Stunde und einen ordentlichen Teil der Akkuladung ihres Smartphones bis sie endlich an der Reihe war. Die Beine taten ihr zwar weh vom langen stehen, aber als sie durch die Tür trat, wurde dieses Gefühl vom Adrenalin weggewaschen.
„Guten Tag, mein Name ist…“, begann Leya doch sie wurde unterbrochen. Am grossen Pult vor ihr sassen drei Personen. „Das interessiert uns nicht, Liebchen“, begann die ältere Frau, welche mittig sass und ihr einen Zettel reichte, „Bitte lies das einfach vor.“ Leya versuchte sich zu fangen und scannte das Blatt. Es war eine Szene die vermutlich mittig im Film anzutreffen war. Da stand ‚Achtung, die tollwütigen Barsche haben verdammte Laser auf ihren Köpfen!‘ So alleine wirkte der Spruch wirklich dämlich. Sie seufzte innerlich und versetzte sich in die Situation. Sie gab das Blatt der Produzentin - oder wer das auch immer war - zurück.
Theatralisch verwarf Leya die Hände, zeigte dann ins Leere und rief: „Achtung! Die tollwütigen Barsche haben verdammte Laser auf ihren Köpfen!“

Sie blickte in drei ausdrucklose Gesichter. Die Frau in der Mitte notierte etwas auf dem Zettel und meinte dann: „Vielen Dank, Liebes. Bitte melde Dich nicht bei uns, wir melden uns bei Dir.“ Leya fühlte sich etwas verloren: „Sie haben meine Kontaktdaten noch nicht.“ Ihr Gegenüber winkte ab: „Passt schon.“ Sie wollte noch etwas sagen, belehrte sich aber selbst etwas besseren. „Danke für die Zeit“, nuschelte sie noch, bevor sie das Zimmer wieder verliess und die nächste Frau ihre Chance wahrnahm.

 

Sie wanderte der Strasse entlang und liess ihre Gedanken schweifen. Die nächsten Termine waren erst am Nachmittag. Bis jetzt wollte es einfach nicht klappen. Mal war sie zu gross, an einem anderen Ort dann aber zu klein. Zu dick für das eine Foto-Shooting, zu dünn für den anderen Werbespot.

Auch der Nachmittag verlief nicht besser, als man ihr ganz unverblümt einen Schönheitschirurgen für ihre zu grosse Nase empfahl. Mit Tränen in den Augen ging Leya nach diesem langen Tag nach Hause. Unterwegs hatte sie sich noch eine Asia-Box mit egal-was-für-Inhalt-hauptsache-warm geholt. Daheim warf sie sich auf ihre Coach, gönnte sich ihre Nudeln, knipste den Fernseher an und versuchte sich abzulenken. Doch egal wo sie hin zappte, wurde sie an ihre persönliche Niederlage erinnert. Beim hundertsten Werbespot, in denen perfekt aussehende Menschen spielten, schaltete sie die Kiste ab.

Leya stand auf und ging ins Bad. Erschöpft entfernte sie ihr Makeup, wusch sich das Gesicht und blickte dann tief in den Spiegel. Sie hatte kein Geld für Schönheitsoperationen. ‚Ist meine Nase wirklich so gross? ‘, fragte sie sich selbst ins ungeschminkte Gesicht. Es fühlte sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Sie wusste nicht wie lange sie sich selbst angestarrt hatte, aber irgendwann war sie müde genug fürs Bett. Vielleicht würde der nächste Tag mehr bieten.

 

 

„Stand in the line just to hit a new low. You're faking a smile with the coffee to go. You tell me your life's been way off line. You're falling to pieces every time. And I don't need no carrying on”, schwingte es depressive aus dem Radio, “Cause you had a bad day. You're taking one down…“ Leyas Hand hatte endlich die Schlummern-Taste gefunden. ‚Ist das Lied noch immer in den Charts? ‘, stöhnte sie verschlafen und streckte sich noch fünf Minuten im Bett.

Irgendwann schaffte es sie doch noch raus und schlurfte gemütlich in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Sie riskierte es nochmal und schaltete das Küchenradio ein. Diesmal trällerte ihr James Blunt mit “You’re Beautiful“ entgegen. Sie spottete: „Wem sagst Du das, Junge? Aber die sehen das einfach nicht.“ In der Reflektion der Mikrowellentür musterte sie sich selbst und kam ins Grübeln. Eilig stellte sie die Tasse mit frischem Kaffee auf den Tresen und huschte ins Bad.

‚Diese Nase. Ist das meine? ‘, dachte sie verblüfft. Skeptisch musterte sie sich, doch auch der hundertste Blick bestätigte ihre Vermutung: Ihre Nase war tatsächlich kleiner geworden. Wo vorher noch ein normales Riechorgan hing, hatte es sich nun eine zierliche Stubsnase bequem gemacht. Sie kniff sich ordentlich in den Unterarm und der Schmerz bestätigte ihr, dass sie nicht träumte.
„Hätte ich gewusst, dass ich einen Wunsch frei hatte, hätte ich an was anderes gedacht“, meinte sie vollkommen überrumpelt von dieser Situation und zog an ihrer Nase. Sie wusste nicht recht, was sie denken sollte und ging zurück an den Frühstückstisch. Gedankenversunken löffelte sie ihre Müsli und beobachtete sich selbst im verzerrten Spiegelbild der Mikrowelle.

edited on 31.05.2018, 16:18 by Ashielf
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Walked paths
Formfrei15. July 2018

Ihren weiteren Tagesablauf ging Leya normal nach. Natürlich nutzte sie jede Möglichkeit, sich selbst zu inspizieren. Beispielsweise im Schaufenster des Kleiderladens, an dem sie vorbeiging oder im…

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