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Formfrei
15. July 2018

Ihren weiteren Tagesablauf ging Leya normal nach. Natürlich nutzte sie jede Möglichkeit, sich selbst zu inspizieren. Beispielsweise im Schaufenster des Kleiderladens, an dem sie vorbeiging oder im Spiegel in der Toilette, in dem sie sich ein kleines Mittagessen gegönnt hatte. Doch egal wie oft sie ihr Gesicht kontrollierte oder auch am Riechkolben zog, das Resultat blieb das gleiche: Ihre Nase war kleiner. Noch immer verstand sie nicht, wie so etwas überhaupt möglich war. Doch sie wollte verflucht sein, wenn sie nicht das Beste daraus machen würde.

Und siehe da, in einem der folgenden Castings erhielt sie tatsächlich eine Rolle in einem Werbespot. Es war nichts grosses, aber ihr Herz schien vor Glück fast zu zerspringen. Sie hatte endlich irgendwo einen Fuss in der Tür. Und Leya hinterfragte gar nicht, ob das jetzt an der neuen Nase lag, oder sie die Rolle auch so gekriegt hätte.

Für den Dreh dieses Werbefilms wurde ihr ein Skript mitgegeben, dass sie sich bis zur Aufnahme übermorgen verinnerlichen musste. Dazu hatte man sie noch gebeten, den Schönheitsfleck auf ihrer rechten Wange mit Schminke gut abzudecken. Freudestrahlend nahm sie alles auf. Man hätte ihr auch sagen können, dass sie sich bis übermorgen einen weiteren Arm wachsen lassen solle und sie hätte eingewilligt. In ihren Gedanken war der schwarze Punkt in ihrem Gesicht schon längst Geschichte.

 

Da sich einige Meter vom Studio ein Stadtpark befand, liess sie sich dort nieder. Schon alleine deswegen, da sich ihre Beine etwas wabbelig anfühlten. Etwas überwältigt von all ihren Emotionen, warf Leya ihren Kopf nach hinten und guckte hoch in den azurblauen Himmel. Einzelne weisse Wolken zogen sachte vorbei, während es sich einige Leute vor ihr auf der saftig grünen Wiese bequem gemacht hatten. Mit leicht zittrigen Händen zog sie zuerst ihr Telefon hervor und rief sofort ihre Mutter an. Überglücklich erzählte sie ihr, was gerade passiert war. Wirklich lange wollte sie sich aber nicht mit dem Gespräch aufhalten und meinte, dass sie jetzt ihren Text lernen müsse. Nachdem sie aufgelegt hatte, steckte sie das Telefon zurück in die Handtasche und zog stattdessen das knappe Dossier hervor. Noch immer mit einem Grinsen auf den Lippen begann sie, das bisschen Text auswendig zu lernen. In einem Anflug von Grössenwahn dachte sie sich: ‚Ich sollte es noch geniessen, so unbedarft in der Öffentlichkeit sitzen zu können.‘ Im Kopf spielten sich schon Szenen von heranstürmenden Fans ab, die alle eine Unterschrift oder ein Foto mit ihr knipsen wollten. Schliesslich konnte sie es nicht lassen und machte von sich und dem Skript ein Bild für ihre Instagram-Seite. Das war schliesslich der Beginn ihrer grossen Karriere. Dieser Schritt musste festgehalten werden.

Irgendwann wurde der Wind kühler auf der Haut. Die Sonne verschwand langsam hinter den Häusern und der Himmel wechselte in ein sanftes Abendrot. Leya streckte sich noch einmal, bevor sie aufstand und gemächlich nach Hause ging.

 

Am nächsten Morgen kontrollierte sie erneut ihre Nase im Spiegel und realisierte dabei etwas anderes. Ihr Schönheitsfleck war weg. Sie wischte sich über die Stelle, an dem er schon immer war. Zuerst von Hand, dann mit Wasser und Seife. Er kam nicht wieder zurück. Ihre Haut war schon ganz rot vom fielen Reiben. Leya hatte Angst, dass sie langsam wahnsinnig wurde. Sie liess sich auf die Wand hinter sich fallen, wo zum Glück flauschige Badetücher den Aufprall linderten.

Die Zahnräder in ihrem Kopf drehten wie wild. Dann traute sie sich endlich die Frage zu stellen: ‚Mache ich das? Aber wenn, dann …‘ Mehr Worte brachte sie nicht heraus, denn sie musste sich konzentrieren. Auf den dunklen Fleck auf ihrer rechten Wange, der seit sie denken kann da war. Der sie durch ihre gesamte Kindheit und Jugend begleitet hatte. Im Spiegel sah sie, wie sich ihre Haut an jener Stelle leicht kräuselte und da war er auch schon wieder. So als wäre er nie weg gewesen. Leya trat näher an den Spiegel heran und berührte mit ihrem Finger vorsichtig den Fleck.

Sie realisierte, dass sie ihre eigene Wunscherfüllerin war. Und wenn sie schon Form und Makel verändern konnte, zu was war sie noch fähig? In den nächsten Monaten lernte Leya immer besser ihre Fähigkeit der Formwandlung zu beherrschen. Was beim Verschwinden des Schönheitsflecks und etwas volleren Brüsten begann, wurde schon bald zur Änderung ihrer ganzen Erscheinung.

 

Natürlich benutzte sie ihr neues Talent dazu, spezifische Aufträge zu erhalten. Endlich konnte Sie anständig Geld verdienen, damit nach der Miete und Essen am Monatsende sogar etwas übrig blieb. Sie merkte jedoch relativ früh, dass sie so nicht ewig weitermachen konnte. Wenn sie ihr Äusseres ständig so stark veränderte, konnte sie selbst nicht berühmt werden. Denn sie wollte nicht, dass jemand über ihre Kräfte Bescheid wusste. Zu gross war die Angst, dass man sie für irgendwelche Labor-Experimente missbrauchen wollen würde.

Aber da war noch etwas anderes, was Leya zu einem Richtungswechsel veranlasste. Gewisse Vermittler und Agenten wollten mehr von ihr, damit ihr eine gewisse Rolle zugesprochen werden würde. Grabscher nach ihrem Hintern waren da noch harmlos zu dem, was sie bereits erlebt hatte. Sie entschied sich darum, ihre Fähigkeiten anders einzusetzen.

 

Die vielen Anpassungen für die verschiedenen Rollen waren ein gutes Training gewesen für das, was als nächste Folgte. Inzwischen war Leya in der Lage, ihr äusseres Erscheinungsbild komplett an andere Menschen anzugleichen. Nach vielen Stunden Übung konnte sie sogar ihre Stimme anpassen. Und das öffnete ihr unglaublich viele Türen. Es fing damit an, sich unter Identität eines Stars gratis Abendessen oder Zugang zu gewissen Veranstaltungen zu sichern. Aber warum dort aufhören? Sobald sie die Unterschrift einer Person kannte, konnte sie schliesslich auf die Bank gehen und Geld in deren Namen abheben. Oder teure Sportwagen mieten. Und wenn sie erwischt wurde, verschwand sie schnell in der nächsten Gasse oder Tür und wechselte ihr Aussehen.

Die Redewendung von den Waffen einer Frau nahm vollkommen neue Züge an. Leya konnte völlig frei von Konsequenzen leben. Denn jemand ohne festes Gesicht und Fingerabdrücken konnte man nicht verfolgen.

 

[Video: MARINA AND THE DIAMONDS - PRIMADONNA]

edited on 15.07.2018, 11:35 by Ashielf
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