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[2.2]
21. July 2018

Als sich die Welt wieder einrenkte, wurde ihm weiss vor Augen. Nach einem schier endlos scheinenden Marsch durch den Tunnel seiner Bewusstlosigkeit fand er sich geblendet durch die sich eröffnenden Horizonte, die ihm augenscheinlich für eine lange Weile umnachtet gewesen waren. Aus der um ihn her zerrieselnden Dunkelheit ersuchte er sie, er versuchte, sich aufzurichten, ohne auch nur den Anschein von Kraft zu besitzen. Er versuchte, auf dem leeren Blatt Papier sein Zeichen zu setzen, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Tinte zu besitzen, denn infolge seines ermüdenden Marsches war es ihm ein Ding der Unmöglichkeit, die Horizonte differenziert zu betrachten oder in ihnen Richtung zu finden. Er fand mit seinem wiedererlangten Augenaufschlag keinen sofortigen Halt.
„Yemon, Gott sei Dank, Yemon!“, warf sich aus der Unbestimmtheit eine Frau an seine Brust. Aus ihren schwarzen Augen durchquollen wilde Tränen die alten Betten ihres aufgelösten Gesichtes. 
Die Tränen waren ihm willkommen. Ein Unwetter, das das ausgebrannte Bewusstsein abzukühlen vermochte. Er atmete ein beim Anblick dieser Frau wie ob einer einfahrenden Erkenntnis, die sich bittersüss hinter der Stirn einnistete. Er öffnete seine Augen weit und sie wurden feucht, als er sie klar erkannte und von ihr ausgehend die Konturen begannen, sich durch seine Umgebung zu ziehen.
„Mutter“, fiel es ihm schwach über die Lippen und sie legte ihr zerweintes Gesicht dankbar auf seine Brust, schluchzend: „Du erinnerst dich, Yemon, du erinnerst dich, Gott sei Dank!“
Er erinnerte sich, als er sich in der reizlosen Wüste eines Krankenzimmers wiederfand. Durch das weite Panoramafenster flutete der helllichte Schein des Tages die blassen Mienen, Yemon entstierte der seinen, um der dargebrachten Richtung zu folgen, die Sonne war ihm endlich wieder aufgegangen und sie hatte die strömenden Zinnen der mütterlichen Krone mit ersuchtem Gold geflutet, doch sie war ohne alle Ordnung, die ihm aus der Kindheit hervorgehend mit auf den Weg gegeben worden war. Ohne Ordnung plätscherten ihm die Haare auf die Brust und er erhob bemüht seine Hand, um seine Mutter zu trösten.
Er erinnerte sich an das Krankenhaus, wie sich hier in seiner frühen Kindheit alles gedreht hatte. Ihm und seinem Bruder waren damals die Mandeln geschnitten worden. Der Krankenhauskomplex beinhaltete zahlreiche Gebäude und auf der gerüstumspandten Brücke vom Kinderspital zum Hochhaus, in dem er heute lag, hatte sich ein simplifiziertes Karussell befunden. Es hatte sich nicht von allein gedreht. Rundherum auf dem stählernen Rad hatten die Kinder Platz zu nehmen gehabt und auf jeder Position hatte es einen massiven, doch handlichen Teller gegeben, der zu drehen gewesen war. Dadurch hatte sich nicht bloss der eigene Platz zu drehen begonnen, sondern auch das gesamte Rad. Je mehr Kinder Platz genommen hatten, desto einfacher war es gewesen, das gesamte Rad in Bewegung zu versetzen. Doch je mehr Kinder Platz genommen hatten, desto schneller hatten sich auch die einzelnen Plätze gedreht.
„Ich erinnere mich, Mutter“, murmelte er, „Simon und ich sind die einzigen gewesen. Er hat das Karussell verlassen wollen, nachdem es Fahrt aufgenommen hatte. Aber ich habe ihn nicht gelassen. Er hat mir danach kein zweites Mal mehr Gesellschaft geleistet.“ Er hatte ihn ausgelacht und den Spass für sich selbst gehabt.
Er stockte augenblicklich, spreizte seine Finger erschüttert auseinander, fand nicht auf ihren Kopf. Selbst erschüttert stierte er auf die Handschellen, die seinen Arm an das Krankenbett fesselten.
„Gott sei Dank, Yemon“, schluchzte seine Mutter, „Du musst dem Kommissar sagen, dass du es nicht gewesen bist!“
Der Fokus wurde von seiner Mutter abgerückt und die Konturen zeichneten ihm das vollständige Bild: Das benachbarte Krankenbett war zwar frisch gemacht, aber keineswegs leer, auch wenn kein Kranker darin lag. Ein Mädchen, das er als seine Freundin identifizierte, hockte dort mit finster gesenktem Angesicht vor dem durchleuchteten Fensterglas, gleichermassen finster erhaschte er auf der gegenüberliegenden Seite die bewachte Schwelle aus dem Zimmer, zwei schwarz gekleidete Männer hatten vor ihr Position bezogen. Polizisten.
Hinter dem Kopf seiner Mutter und dem Fuss seiner Liege stand eine durchschaubare Vase mit einem Strauss von gestern gekauften Veilchen im letzten Stand des knapp bemessenen Wassers auf einem quadratischen Tischchen, von dem ein Stuhl quietschend zurückgeschoben wurde. Ein älterer Herr war aufgestanden. Ruhig gesellte er sich an die Liege, er wurde schon von Yemon mit tränender Bitte angestarrt, von Emotionen unberührt beliess er es jedoch beim üblichen Prozedere und so wies er im Handumdrehen seinen Ausweis vor: „Mein Name ist Folant. Ich bin der Kommissar und ich bin hier bei dir, um herauszufinden, woher du gekommen bist, Yemon.“

edited on 21.07.2018, 0:08 by Der Herr Koi
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[3]28. July 2018

Kommissar Folant erhaschte die ausgestreckte Hand in der Flut der offenen Ohren. Er war soeben am Ende seiner Geschichte angelangt und hatte nicht sogleich eine Frage erwartet, die grosse Mehrheit…

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