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[4.1]
04. August 2018

„Ich bin der Kommissar und ich bin hier bei dir, um herauszufinden, woher du gekommen bist, Yemon“, positionierte sich Folant mit dem Rücken zur jungen Frau auf dem Nebenbett an die Liege Yemons, von dessen angespannten Brust die Mutter ihr unverwandtes Gesicht erhob, von perlenden Tränen umsponnen erröteten ihre Wangen, als sie sich ganz aufraffte, um dem Kommissar in die verdunkelten Augen zu blicken. „Herr Kommissar...“
Unbeeindruckt vom auf ihm lastenden Fokus strich er mit Zeigefinger und Daumen an seinem aschgrauen Kinnbart abwärts, ehe er beide Finger unter seine navyfarbene Strickjacke verschwinden liess. Mit dem Handrücken an der Brust seines weissen Rollkragenpullovers strebte er mit den Fingern vorwärts in die innere Jackentasche, aus der er eine Fotografie hervorzog, um sie vorzuweisen. Sie zeigte eine rotgelockte Dame.
„Yemon, erkennst du die Person auf diesem Bild?“
„Weshalb duzen Sie mich, Herr Kommissar...?“, wechselte Yemon die Thematik. Zerknirscht konnte er sein bebendes Schauen jedoch unmöglich vom Bild abwenden. „Sie kennen mich nicht...“
„YEMON...!!“, japste plötzlich seine Freundin hinter Folant auf. Dieser harrte mit dem Rücken zu ihr aus, Yemon hingegen schoss in seiner zerfurchten Konzentration mit sofortiger Wirkung zu ihr hinüber, sprachlos starrte er sie aus seiner Fassungslosigkeit an. „...bitte, Yemon, bitte...“, vergrub sie ihre Worte in ihren Händen, „Bitte beantworte die Frage des Kommissars.“
Schritt für Schritt, ein jeder ruckartig zurückgelegt, kehrte sein Schauen zum Bild der rotgelockten Dame zurück, ohne seine gespenstische Miene auch nur einen einzigen Millimeter von seiner Freundin fortzudrehen.
„Ihr Name ist...“, begann er. Die Zunge drohte, sich zu verhaken, als er vollendete: „Ihr Name war... Claire Dupont. Sie war die Freundin meines Bruders.“
Folant, hinter dem ein ersticktes Schluchzen zu erhaschen war, legte ihm das Bild auf die pochende Brust, um ein Porte-Monnaie aus der anderen Jackentasche zu ziehen und es vorzuweisen. Die Polizei hatte es im Treppenhaus der Sporthallen gefunden, aus denen Yemon gekommen war. Aus diesem Gebäude war er gekommen.
„Claire Dupont ist vor fünf Wochen vermisst gemeldet worden“, zeigte Folant auf, das Porte-Monnaie zur Fotografie auf die Brust legend, „Sie ist eine von sieben Frauen, die innerhalb der letzten fünf Wochen verschwunden sind. Wir haben sie unglücklicherweise noch nicht wiedergefunden, aber dank dir, Yemon, sind wir auf Spuren ihrer DNA gestossen. Möchtest du mir erklären, was hinter dem Geräteraum geschehen ist, was es mit dem Zimmer und seinen Gerätschaften auf sich hat, Yemon?“
Es war selbstverständlich, was vor sich ging. Es handelte sich bei diesem polizeilichen Besuch keineswegs um die Einvernahme eines Zeugen. Sondern um die Einvernahme eines mutmasslichen Täters. Dieser biss steinern seine Zähne zusammen und richtete sich ganz und gar dem Kommissar zu, ihn aus still erleuchteten Augen einnehmend, um ihm wie erfroren zu antworten: „Ich habe sie allesamt ermordet, Herr Kommissar. Ich habe sie gefoltert und ermordet.“
„YEMON!!“, rief seine Mutter schlagartig auf, seine Schultern packend, „YEMON, WAS SAGST DU DA!?“ Er stemmte sich blankgeputzt von Emotion ihr entgegen und vorüber, auf den aufmerksamen Kommissar zu, die Handschellen stoppten das finale Aufbegehren seines sterbenden Widerstandes und er fiel zurück in sein Bett, seine Mutter mit ihm und auf seine Brust. Porte-Monnaie sowie Fotografie fielen zu Boden und seine Freundin sprang wimmernd auf, jagte geradezu, doch mit den Händen vor dem Gesicht aus dem Krankenzimmer, über die Türschwelle und an den Polizisten vorbei. 
*Was sagst du da, Yemon?*, jagte es im gleichen Atemzug Simon durch den Kopf, als die Freundin seines Bruders ihn vor der Tür passierte, *Du hast meine Freundin ermordet?*
Er wanderte weg von der Schwelle. Er hatte die Polizisten gebeten, davor warten zu dürfen. Er hatte es gehört, er hatte es aber nicht glauben wollen, er hatte nicht glauben wollen, was sie entdeckt hatten. Woher sein Bruder gekommen war. Was die Bedeutung von alle dem zu sein hatte.
Er wanderte ziellos durch den sterilen Gang, beidseits liess er zahlreiche Türen links liegen, ehe er im Augenwinkel die eine Tür erhaschte, die ihm willkommen erschien. Gleich einem Häufchen Elend liess er sich durch den Rahmen verschlingen. Im Gästebadezimmer fand er sich im Spiegel wieder. Er stützte sich mit krallenden Händen seitig des Lavabos ab und aus schlafloser Geistesgegenwart glotzte er tief in seinen persönlichen schwarzen Abgrund wie im mahlenden Versuch, sich höchstselbst von einer Lüge zu überzeugen.
*Was sagst du da, Yemon, du hast meine Freundin ermordet...*, formierte sich ihm das Ausmass des Geständnisses als nach Atem ringender Gedankenblitz, *Ich... ich und nicht du, Yemon, ich habe diese Frauen ermordet...!!*

edited on 04.08.2018, 0:28 by Der Herr Koi
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Walked paths
[4.2]11. August 2018

Die Darstellung des schauerlichen Rollenspieles flammte aus Simon empor und hinter ihm verschwammen die Toiletten zu einer verschlammten Pampe, die sein Spiegelbild zu umrahmen begann.
Sein…

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