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[4.2]
11. August 2018

Die Darstellung des schauerlichen Rollenspieles flammte aus Simon empor und hinter ihm verschwammen die Toiletten zu einer verschlammten Pampe, die sein Spiegelbild zu umrahmen begann.
Sein Bruder hatte bei den Sporthallen auf ihn gewartet, um nach der eigenen Arbeit zusammen heimzufahren, er hatte aber ausnahmsweise nicht draussen auf das Ende des Unterrichtes gewartet, sondern er war eingetreten und hatte nach ihm sehen wollen, wobei er auf die private Kammer gestossen war. Auf die mit Herzblut geschusterten Apparaturen. Auf die vertrockneten Spuren an Balken, Glocken und Müttern und den weiteren Mitteln zum Zweck. Durch den Anblick war er innerlich zerbrochen.
Der Versuch, nach den schemenhaften Figuranten in der Pampe zu fischen, war allein mit verfallendem Erfolg gekrönt, während der Floralprint auf Simon's dunkelblauem Hemd in absoluter Gegensätzlichkeit erblühte, als er aus dem Spiegel hinabschaute, um sich das wild strömende Wasser über das Gesicht, die kurzgeschorenen Haare und den Nacken zu waschen. Verschlossen vor seinem nunmehr rahmenlosen Selbstbildnis ächzte er befriedigt ob des verrinnenden Gefühles des erfrischenden Nasses auf. Die unter das Unterhemd verrinnenden Tropfen befeuchteten die Säume und fern von jedem Gleichnis perlten andere von seinen Händen wie das Blut seiner Opfer. Wie erfrischend kalt es war. Die Wärme eines sicheren Schosses war längst in weite Ferne gerückt, das hatte er den Frauen mit lehrerhafter Tugend beizubringen versucht. Die Welt war erfüllt von ungeheuerlichen Gefahren. Sie würden nicht nochmals unvorsichtig zu handeln wagen.
Wie unvorsichtig er scheinbar gehandelt hatte.
Aus Müdigkeit zu jugendlicher Entschlossenheit erwachend riss er seine Lider empor, er hämmerte seine Faust hernieder und die Ruhe wurde im Lavabo in die Kanalisation gespült. Seine Lider waren derart weit geöffnet, dass seine Pupillen augenscheinlich hervorzuquellen wünschten, wobei der Wahnsinn ihres alarmierenden Wunsches nach Boden unter den Füssen von einem unsicher die Mundwinkel aufschwingenden, doch abhebenden Grinsen unterstrichen wurde.
Sein Bruder war der mutmassliche Täter. Es war schwierig zu bezeichnen, wie einfach es sein konnte, Yemon beizustehen. Simon konnte sich problemlos der Polizei stellen und seinen Bruder von der Schuld befreien. Aber was er seinem Bruder durch dessen unumgängliche Selbstaufopferung angetan hatte, war kaum zu verzeihen. Sein Bruder krallte sich an ihm fest, um ihn festzuhalten, um ihn zu decken. Sich zu stellen, war infolgedessen nicht erstrebenswert. Sich zu stellen, das war gleichbedeutend mit dem Befreiungsschlag aus dem Schutz seines Bruders. Sie würden beide stürzen und sich womöglich niemals mehr aufraffen können, der eine aus seinen Gefühlen, der andere aus den Konsequenzen seiner Taten. Und doch. Auch er musste seinen Bruder beschützen. Immerhin handelte es sich um seinen Bruder. Er musste und wollte ihn um jeden Preis beschützen.
Mit erhitztem Gemüt marschierte er aus dem Badezimmer, die letzten Tropfen absolvierten entlang von Stirn und Wangen die gegebenen Bahnen ihrer Brüder, aber wie auch immer das nach aussen und gegenüber den Polizisten im Gang zu wirken vermochte, vor Nervosität war Simon einzig innerlich schweissgebadet.
Er marschierte zielgerichtet zu den Aufzügen, liess die Krankenhausatmosphäre hinter sich und begab sich schleunigst zum Parkhaus, wo er schon aus der Distanz seinen Wagen aufschloss, mit dem er ohne Umwege hinunter zum Fluss fuhr, nicht aber zu den Sporthallen, er fuhr die Strasse am Flussufer entlang, einmal um die halbe Stadt herum, auf deren anderen Seite er unter einem Waldstück bei einem verwahrlosten Garten mit Gartenhäuschen stoppte. Er schloss das Gatter auf und trieb sich vorwärts, immerzu vorwärts. Dann jedoch hielt er inne. Er hielt vor der Tür in das Gartenhäuschen inne.
Zwei Wagen parkierten um den seinen. Aus einem stieg Kommissar Folant, der sich an den kniehohen Zaun stellte und den Rücken Simons heimsuchte. Simon atmete in falscher Betroffenheit aus.
„Sie haben mir folgen können“, erkannte er, sich mit erhobenen Händen und raschen Schrittes umdrehend, „Herr Kommissar.“

edited on 11.08.2018, 10:21 by Der Herr Koi
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