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[6.1]
29. August 2018

Zwischen einem kahlen Waldstück unterhalb der frühabendlichen Stadt und dem lebhaft sprudelnden Fluss stieg Kommissar Folant aus seinem Dienstwagen. Er setzte Fuss auf die Strasse und verinnerlichte sich das Bild des sich abwendenden Rückens vor dem Gartenhäuschen auf der anderen Seite des kniehohen Zaunes. Als sich Simon ihm zugewandt hatte, schauten sich die beiden Männer mit packender Fixation in die Augen, ohne vermögend genug zu sein, um hinter die Fassade zu blicken.
"Gehört dieser Garten dir?", fragte Folant. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und stand mit einer lockeren Haltung vor dem verschlossenen Gatter, über das er theoretisch steigen konnte. Innerlich jedoch war er besorgt. Es war das erste Mal seit einer längeren Zeit, dass seine Gelassenheit eine Maske war. Umso wichtiger präsentierte es sich ihm, diesem Mann die Maske aus dem Gesicht zu lösen und die Bedeutung hinter den abscheulichen Taten aufzudecken.
"Ich bin mir nicht sicher, Herr Kommissar", murmelte Simon mit aus seiner gefestigten Entschlossenheit erhobenen Händen. Er spürte, wie es ihm von seiner Haut tropfte. Wie sie, die Maske ihm von der Haut bröckelte und wie es ihm zunehmend entgegenblies. Dies jedoch fuhr ihn nicht in Bedrängnis fest, sondern brachte ihm sogar einen noch strammeren Stand ein. Denn sein letzter Stand bestätigte ihm in allen Belangen, dass er seinen Bruder beschützen konnte. "Hat es mit den Taten meines Bruders zu tun?"
Drei Polizisten begaben sich zu Folant an das Gatter.
"Du hast deinem Bruder nahegestanden", sprach der Kommissar, "Es erscheint mir unmissverständlich, dass du eingesehen hast, was er für dich tut. Allerdings habe auch ich es eingesehen, Simon, ich habe eingesehen, dass er die Polizei belügt, zugegebenermassen habe ich aber nichts anderes von deinem Bruder erwartet."
"Bewegen Sie sich langsam auf das Gatter zu!", betonte einer der Polizisten, die nun im Gleichschritt ihre Dienstwaffen zogen und sie gegen den drüben erhobenen Hauptes stehenden Mann richteten, "Sie sind verhaftet!"
"Das Porte-Monnaie, das Yemon im Treppenhaus verloren hat, ist das deine“, überführte Folant, „Yemon hat es in deiner Folterkammer gefunden, wodurch er dich hat durchschauen können. In der Kammer haben ausserdem DNA-Spuren deinerseits vorgelegen, während dein Bruder an den Gerätschaften keine einzige Spur hinterlassen hat.“ Er machte eine kurze Pause, ehe er mit unsicherem Augenaufschlag in die entblösste Unbefangenheit seines Gegenübers sah und gestand: „Ich verstehe jedoch eine Sache nicht, Simon. Claire Dupont ist anonym vermisst gemeldet worden. Videoaufnahmen vom Polizeiposten haben aber zutage gefördert, dass du es gewesen bist, der sie vermisst gemeldet hat. Hat dir am Anfang deiner Gräueltaten tatsächlich das Gewissen beigestanden?“
„Herr Kommissar“, entgegnete Simon, „Haben Sie wirklich eingesehen, was mein Bruder für mich tut?“ Folant musterte ihn irritiert, ehe er selbstsicher antwortete: „Er sorgt dafür, dass du nicht fällst.“ Da erschauderte er und die Polizisten riefen aufgeschreckt auf, denn aus heiterem Himmel warf Simon seine Arme freudig auseinander und vor Enthusiasmus grienend vollführte er: „Wirklich, am Anfang hätten Sie noch geglaubt, dass es sein Verlangen ist, ein Geständnis von mir zu erzwingen, aber jetzt sehen Sie ein, dass es meine Aufgabe ist, in meinem dank ihm aufrecht gehaltenen Stand auch den seinen Stand zu sichern!!“
Er fuhr herum zum Gartenhäuschen, die Polizisten riefen weiterhin auf, Folant stellte erneut und lautstark die Frage nach dem Besitztum des Gartens, unter dessen ungepflegten Stauden er die Leichen der Frauen vermutete, er erwartete dabei aber keine Antwort. Er erwartete keine Antwort. Er wollte einzig die Aufmerksamkeit zurück auf sein Wort lenken. Er wollte einzig die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen. Er erwartete dementsprechend keine Antwort. Nicht auf diese Frage.
Als die brüchige Tür aufgerissen und in das Dunkel dahinter gelangt wurde, fiel ein erster Schuss aus dem Revolver eines Polizisten. Der Schuss malträtierte den linken Unterschenkel, wodurch Simon sich nicht aufhalten liess. Er stürzte in einer halben Drehung in das Häuschen, hatte schon seine Flinte ergriffen und schoss durch die Tür durch, was von einem betäubenden Donnerhall begleitet wurde. Rasch zog er seine Beine nach.
Die Polizisten waren hinter den Wagen in Deckung gegangen und riefen nach Verstärkung, als sie von hämmernden Paukenschlägen in den unausweichlichen Konflikt zurückbeordert wurden. Unerwartet bewegte sich Simon mit der Flinte auf sie zu, wie sie es verlangt hatten und so gut es ging mit stürmischem Tempo. Einen Schuss nach dem anderen gab er auf ihre Wagen ab, hinter die er in Kürze einen vielversprechenderen Blickwinkel gewinnen würde und hinter der hervor Folant das vollends entgleiste Spiel in den Zügen seines durchwegs geradlinigen Wahnsinns erhaschte. Der Kommissar fasste sich mit bitterlichem Ausdruck an die Brust.
Die Polizisten schossen und erwischten das andere Beine, Simon fiel aufbrüllend zu Boden und prallte hart auf, bevor er sie liegend und unter den Wagen hindurch in das Visier nahm.
Er stierte empor. Folant hatte sich erhoben. Seinen Revolver gezogen. Über die Motorhaube zielend und ausstossend: „Wie kann das deine Antwort sein...?!“, worauf auch schon die Flinte in seine Richtung hochgerissen und gebrüllt wurde: „Das ist nicht meine Antwort, das ist die einzige Option, Herr Kommissar!!“ Es war zu spät. Es war abgedrückt worden und Simon verspürte die Kugel durch seine Hand und in seine Brust schiessen, vernehmend wie der Kommissar betroffen deklarierte: „...du bist krank, Simon.“
Als die Verstärkung und die Sanität eintrafen und dem Richter die Rettungsmassnahmen abnahmen, vergingen die stillen Momente kaum. Dann, nach 45 Minuten des Überlebenskampfes, der sich teilweise auf dem Transport in das Krankenhaus zugetragen hatte, verstarb Simon Arcano an den Folgen des polizeilich abgegebenen Schusses.

[Fortsetzung folgt am Wochenende des 09.09.]

edited on 29.08.2018, 16:38 by Der Herr Koi
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[6.2]07. September 2018

Kommissar Folant übernahm höchstpersönlich die belastende Aufgabe, Yemon Arcano über den Tod seines Bruders zu informieren. Der junge Mann wurde von seinen Handschellen befreit, doch als er aus…

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