Story-Block

Go to the prequel of this Story Block
[6.2]
07. September 2018

Kommissar Folant übernahm höchstpersönlich die belastende Aufgabe, Yemon Arcano über den Tod seines Bruders zu informieren. Der junge Mann wurde von seinen Handschellen befreit, doch als er aus der lichten Flut des Tagesanbruches auftauchte, gelangte er kaum zu Luft, stiess er doch seinen ganzen Schmerz mit einem ohrenbetäubenden Schrei aus sich. Seine befreiten Hände fanden keinen Halt und ertranken stattdessen in einem heftigen Schauer von Tränen, während sich die Schwestern um die zusammengebrochene Mutter kümmerten.
Folant war heilfroh, dass der Täter überführt worden war. Gleichzeitig jedoch wogen ihm die Gedanken schwer. Er hatte sich sofort daran erinnert, wie sich Simon Arcano in einer seiner Lektionen zu Wort gemeldet und seine ausserordentlich gewagten Ansichten formuliert hatte. Er hatte ihnen zwar nicht zur Gänze zuzustimmen vermocht, aber ihre grundsätzliche Zusammensetzung hatte ihm durchaus eingeleuchtet. 
Sturm und Wetter hatten Simon Arcano besonders übel zugesetzt, wie es ihm erschien. Auch nicht in seinen schlimmsten Albträumen hätte sich Folant im Vorlesungssaal diese Entwicklung des Studenten ausgemalt.
Versunken im abermaligen Erlebnis der damaligen Lektion schlenderte er geistesabwesend an die frische Luft, um einen Zug von der Zigarette zu tun, die er sich schnurstracks angezündet hatte. Er blies den Rauch in das intensive Vormittagssonnenlicht und stützte sich auf das Geländer der Brücke, die das Hochhaus des Krankenhauses mit dem Kinderspital verband. Die sich im Rücken über die Brücke bewegenden Patienten und die darunter vereinzelt fahrenden Autos verstummten in frommer Einigkeit, als er abermals eine graue Wolke zwischen den Lippen hervorblies und sich in ihr verlor.
Er versuchte in pflichtbewusster Bemühung, im damaligen Verhalten dieses Mannes Anzeichen ausfindig zu machen, die er übersehen hatte. Von irgendwoher verlangte eine gewisse Schuld an den jüngsten Ereignissen nach ihm. Mehrere Menschen waren einem Monster zum Opfer gefallen und das in einem ähnlichen Verhältnis wie in einem früheren Fall, von dem er dem aktuellen Täter berichtet hatte.
Simon Arcano's Lobgesang auf die Brüderschaft war ohne Ausnahme aufrichtig gewesen. Folant hatte ihm aufmerksam zugehört und eine solche Aufrichtigkeit war ihm noch selten begegnet. Er hatte ihrem Inhalt nicht zur Gänze zugestimmt, aber er hatte ihn verstanden.
Als Simon Arcano gestellt worden war, hatte er genau dieses Verständnis aus dem Sumpf der Ereignisse hervorgehoben. Aber der Kommissar hatte ihn nicht mehr verstanden und er tat es noch jetzt nicht. Aussagen aus den beiden Begegnungen hatten einen unveränderten Charakter gezeichnet, was dafür sprach, dass das Monster schon damals existiert hatte. Dadurch machte es aber auf wie viele Blicke auch immer keinen Sinn, dass Claire Dupont von Simon als vermisst gemeldet worden war. Denn das Gewissen konnte dann nicht dahinter gesteckt haben.
Während Aussagen aus den beiden Begegnungen einen unveränderten Charakter gezeichnet hatten, hatten die Taten dies nicht getan. Das Leben des zurückbleibenden Bruders war zerstört worden. Simon hatte mit Sicherheit gewusst, was er seinem Bruder eingebrockt hatte, sie hatten sich nahegestanden. Trotzdem hatte er sich in den sicheren Tod gestürzt.
„Durch was für ein horrendes Unwetter hast du dich bloss getrieben, dass ich deine Spur nicht mehr erkennen kann?“, murmelte Folant frustriert, „Es kann doch nicht sein, und trotzdem ist es so, dass ich etwas übersehen muss. Verdammich, du kannst mir doch nicht einfach eine Antwort schuldig bleiben.“
In der Hoffnung, eine Antwort zu finden, hatte er sich des Falles angenommen, als er ihn auf den Überwachungskameras des Polizeipostens realisiert hatte, als er Claire Dupont vermisst gemeldet hatte. Eine Antwort.
Eine Frage. Er hatte nach den Beweggründen gefragt. Er hatte nach den Wurzeln der Brüder gefragt. Er hatte danach gefragt, woher die zwei gekommen waren und was die zwei verband.
Er erschauderte und die Zigarette fiel ihm mit verwehenden Schwaden aus dem Mund und auf die stetig regelmässiger befahrene Strasse hinab, als er mit weit geöffneten Augen umherfuhr und schweissgebadet hinter sich stierte. Die Patienten auf der Brücke musterten ihn verdutzt.

[Fortsetzung folgt in Form des Finales]

edited on 07.09.2018, 20:59 by Der Herr Koi
Collected steps:
Step
1
Add to favorites
0
Walked paths
[7]14. September 2018

Die Universitätsglocke läutete pünktlich zum Feierabend. Diesbezüglich war es verwunderlich, dass der erbarmungslose Strom von Studentinnen und Studenten aussetzte, zumindest aus dem…

Most walked path with1 step

Comments