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14. September 2018

Die Universitätsglocke läutete pünktlich zum Feierabend. Diesbezüglich war es verwunderlich, dass der erbarmungslose Strom von Studentinnen und Studenten aussetzte, zumindest aus dem Betrachtungswinkel einer aussenstehenden Person.
Kommissar Folant hatte seine sieben Sachen bereits zusammengepackt, beantwortete dabei noch die verbleibenden Fragen seiner Zuhörerschaft, die nach wie vor wie an die Plätze gefesselt ihrer Bewunderung für den inspirierenden Redner freien Lauf liess, was den normalerweise übermässig gesättigten Flur vor dem Vorlesungssaal wie ausgehungert erscheinen liess. In diese Unregelmässigkeit kämpfte sich Simon dicht gefolgt von seiner Freundin und durch die übersättigten Reihen des Saales, um aufzuatmen.
„Simon, Simon“, holte sie ihn ein, „Wie hast du das gemeint, als du gesagt hast, dass man sich fragen muss, was man füreinander tun kann, um zukünftig nicht abermals zur falschen Frage zu tendieren? Was ist denn die richtige Frage?“
Er stoppte. Begutachtete sie, als sie erwartungsvoll zu ihm aufschaute.
„Verstehst du denn nicht?“, erwiderte er sichtlich überrascht, „Die Frage darf nicht sein, woher man kommt. Sondern wohin man geht.“
Sie konnte ihm nicht ganz folgen und wollte sich schon weiter dazu äussern, als er an ihr vorüberging, weshalb sie einzig fragte: „Wohin gehst du denn?“
Er stoppte nicht mehr und antwortete von Gewissheit triefend: „Ich gehe weiter. Bis an das Ende der Zeit, Claire, ich gehe bis an das Ende der Zeit.“

Im hoffnungslosen Bestreben, seine von der Allgemeinheit allzu oft abweichenden Ansichten zu teilen, war er selten auf ein offenes Ohr gestossen. Mittlerweile war es bedeutungslos, dass sich niemand sonst von ihm beibringen lassen wollte, dass sich das Verständnis der Welt auch anders gestalten konnte. Im Kommissar hatte sich jemand gefunden, der ihm für eine kurze Weile zugehört hatte. Der ihm für eine kurze Weile Gesellschaft auf seinem Weg geleistet hatte. Simon war darüber überglücklich gewesen.
Er hatte sich verpflichtet gefühlt, dem Kommissar zu danken, ihm zu beweisen, dass es sich gelohnt hatte, sich dieser Reise anzuschliessen. Diese zu einem einmaligen und fortwährenden Erlebnis zu schmieden, das die Worte mit Taten bekräftigte, um ihm die grösstmögliche Gegenleistung für sein offenes Ohr darzubieten.
Er hatte das Gefühl, verstanden zu werden, auf immer und ewig empfinden wollen.
Noch an diesem Abend informierte er sich darüber, auf welchem Polizeiposten der Kommissar arbeitete, um die Weichenstellungen zu definieren.

Als der Kommissar nach Abschluss des Falles Arcano auf seinen Polizeiposten zurückkehrte, kehrte Yemon mit dem Porte-Monnaie seines Bruders heim. Er hatte es in den Sporthallen auf den Geräten vor der Tür zur geheimen Kammer entdeckt, nachdem er auf der Suche nach seinem Bruder durch offene Türen in den Geräteraum gefunden hatte. Gepeinigt von zermarternden Anklagen an sich selbst weinte er nächtelang. Die Schuld am Tod seines Bruders, die suchte er in sich allein, nichtsdestotrotz stand er allmorgendlich aus zerrütteten Decken wieder auf. Immer wieder stand er aufrecht, denn er begann in entzweiter Ausweglosigkeit zu verstehen, dass er keine Schuld am Tod seines Bruders trug. Dass nicht er die Schuld am Tod seines Bruders trug. Bevor Simon zu Boden gestürzt worden war, hatte er ihn aufgefangen. Und als der Fall Arcano wieder aufgeschlagen wurde und den Spuren durch den Kommissar beklommen hinterhergestürzt wurde, fand sich dieser in einem Unwetter wieder, das er eigentlich überstanden geglaubt hatte. Es war weitergegangen. Er hatte den Schuss nicht gehört.

edited on 14.09.2018, 8:47 by Der Herr Koi
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