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Grenzenlos
31. October 2018

Leya genoss ihre Freiheit in vollen Zügen. Doch mit ihren neu gewonnen Möglichkeiten wurde sie auch dreister in der Austestung ihrer Grenzen. In einem Anflug von Grössenwahnsinn baute sie sich mit einem ihrer Aussehen sogar eine Identität als Social Media Star auf. Die Kombination aus Berühmtheit und doch Trennung durch den Bildschirm schien perfekt für sie. Leya surfte auf der Welle an neu aufkommenden Online-Plattformen wie Facebook mit. Bilder von Essen, interessanten Orten, schicke Kleider und Unterwäsche, egal was, für sie war nur die steigende Zahl an Fans wichtig.

Weil sie sich für unverwundbar hielt, wurde sie mit der Zeit jedoch auch nachlässig. Leya hatte nicht daran gedacht, dass man anhand ihrer Bilder und Beiträge ihren Tagesablauf herleiten und vor allem erahnen konnte, wo sie wann sein würde. Dies hatte sich einer ihrer innigsten Fans oder wohl eher Fanatiker zu Nutze gemacht, um unbemerkt etwas mehr von ihrem Star zu erhaschen. Was sie zu sehen bekam, war jedoch viel mehr. Sie hatte Vorfälle dokumentiert, wie ihr Vorbild “@MsChangeMaker“ beispielsweise in einer Toilette verschwand und nie mehr auftauchte. Dafür jedoch eine andere Person mit derselben Kleidung den Raum verliess.

 

Eines Tages klingelte es an der Tür von Leyas Wohnung. Sie hatte sich gerade im Bikini auf ihrem Balkon gesonnt und warf sich auf dem Weg zum Eingang einen Bademantel über. Als sie die Tür öffnete, stand ihr eine circa fünf Jahre jüngere Version ihres Social-Media Ichs gegenüber. Von der Frisur über die Kleidung bis hin zu den Accessoires war sie ein ebenbürtiges Gegenbild, auch wenn die Frau vor ihr natürlich nicht mit ihrer formbaren Schönheit mithalten konnte. „Kann ich ihnen helfen?“, fragte Leya nach kurzer Bedenkzeit und nicht auf das Aussehen eingehend. Unverhohlen fragte diese: „Ich würde gerne mit Miss ChangeMaker sprechen, ist sie zuhause?“ -  ‚Woher… ?‘, fragte sich Leya und geriet kurz in Stocken. Trotzdem versuchte sie die Fassade aufrechtzuerhalten. Gespielt verwirrt hakte sie nach: „Wer? Entschuldigung, so jemand wohnt hier nicht.“ Die Augen der Fremden weiteten sich: „Ach, ist das auch einer ihrer Erscheinungen, die Sie annehmen können?“ – „Meine Er… Erscheinungen?“, in Leyas Brust krampfte sich gerade etwas zusammen. Diese Wohnung war doch ihr sicherer Hafen. Niemand kannte ihr normales Gesicht, geschweige denn ihre Fähigkeit der Formwandlung. Aus Panik schwang sie die Tür zu und drückte tief ein- und ausatmend mit ihrem Rücken dagegen. Dumpf klang es von draussen: „Bitte, lassen Sie mich doch rein! Wenn ich nicht mit Ihnen direkt über Ihr Talent reden kann, muss ich es über andere Kanäle versuchen!“ Ein eisiger Schauer fuhr Leyas Rücken hinab. Nach einmal leer Schlucken öffnete sie die Tür und gewährte der fremden Frau Einlass. Diese blickte sich kurz in der Wohnung um und machte es sich dann auf dem Sofa bequem. Leya stand gegenüber mit verschränkten Armen und mit dem Couchtisch zwischen den beiden. Sie sammelte sich und versuchte stark zu sein: „Was genau wollen sie von mir?!“ – „Ich will mitmachen! Ich will ein Teil von deinem Leben sein!“, erklärte die junge Frau vorfreudig. „Wieso zum Teufel sollte ich das wollen?“, keifte Leya und verwarf die Hände. Das Lächeln auf dem Gesicht der Fremden versickerte und mit gedrückter Stimme meinte sie: „Weil ich sonst allen von Dir erzähle.“

Die beiden Frauen blickten sich einige Sekunden lang an. „Das wirst Du nicht!“, zischte Leya und ging auf sie zu. Doch innert eines Wimpernschlags hatte die Fremde plötzlich eine Pistole aus ihrer Handtasche gezogen und murmelte: „Ich hatte gehofft, dass dies nicht nötig sein wird. Dass wir uns verstehen. Ich dachte, dass wir etwas gemeinsam haben könnten.“ Leya stockte. Die ganze Situation wurde ihr zu viel. Sie war zwar schon einige Male angegriffen worden in ihrem Leben, aber noch nie musste sie in den Lauf einer Waffe blicken. Sie musste sich schnell etwas einfallen lassen.
Während ihre Gedanken rasten, stand die Frau auf und ging um den Tisch herum. Immer noch mit zwei Metern Abstand, aber nah genug um sicher zu treffen: „Also, was ist deine Antwort? Lässt Du mich teilhaben an Deinem schönen Leben?“ – ‚Alles oder nichts‘, dachte sich Leya und biss auf ihre Unterlippe. „Gut“, meinte sie und begann vor der Fremden die Gestalt von Miss ChangeMaker anzunehmen. Diese war durch diesen Prozess so verblüfft, dass sie ihre Waffe sinken liess. „Wow, wie machst Du das?“, stammelte sie, als Leya auch schon über sie her fiel. Die Waffe flog halb unter das Sofa, während die beiden Frauen am Boden miteinander rangen.
„Warum tust Du das?“, fragte die Fremde. Ohne zu überlegen rechtfertigte Leya sich, während sie die Frau auf den Boden drückte: „Weil ich es kann! Ich kann tun und lassen was ich will. Und ich bin niemandem Rechenschaft schuldig!“
Ein Tritt in die Magengegend liess Leya niedersacken und die Fremde warf sie halb gegen den Couchtisch. Beim Abrollen spürte Leya die Waffe an ihrer Hand. „Was bist Du?!“, fragte die Fanatikerin verblüfft, während sie sich wieder aufrichtete. Leya griff nach der Pistole, zielte und drückte ab: „Dein Ende!“

Leya Ranger blieb noch stunden nach der Tat auf ihrem Sofa sitzen und musterte die Leiche vor sich, deren Blutlache sich langsam in den Boden frass. Zum Glück hatte niemand den Schuss gehört. Oder es hatte keinen interessiert. Die Zeit verhalf ihr zu etwas Klarheit. Leya realisierte, dass sie störende Menschen einfach aus dem Weg räumen konnte. Und niemand konnte sie kriegen, denn sie war wandelbar wie das Wasser. Während Leya die Leiche ihre Erpresserin beseitigte, versprach sie sich selbst etwas. Nie mehr würde sie sich von irgendjemand herumschubsen lassen. Die Welt war voll mit Arschlöchern, die das System ausnutzten. Und diesen würde sie es zeigen. Und sie würde wieder vorsichtiger mit ihrer Fähigkeit umgehen.

 

 

In Zürich klopfte ein dreiviertel Jahr nach ihrem ersten Treffen Schmidt an Sebastians Labor-Tür. Der Forscher schreckte kurz auf, hatte er doch niemand anders mehr um diese späte Stunde im Gebäude vermutet. Sebastian winkte den Gast hinein, der ihn überschwänglich begrüsste.
„Herr Berger! Sie werden nicht glauben, was unsere Kollaboration voran gebracht hat!“ – „Ich hoffe nur gutes“, meinte Sebastian, während er eines seiner Laborgeräte kalibrierte. Schmidt schmunzelte und hievte einen schweren Koffer auf einen freien Tisch. Der dumpfe Aufprall weckte die Neugier von Sebastian. Mit einem klacken der Schlösser öffnete Schmidt den Koffer und  eine seltsam dimensionierter Computer kam zum Vorschein. Wie bei einem Laptop befand sich in der oberen Hälfte ein Bildschirm. Unten fand man statt einer Tastatur verschiedenste Knöpfe und Schalter begleitet von einer Fläche, auf der man anscheinend seine Hand legen konnte.
„Was ist das?“, fragte Sebastian neugierig, aber auch leicht besorgt. „Das ist die Zukunft für unsere Arbeit. Okay, wir müssen das Gewicht noch reduzieren, aber dieses Gerät nimmt uns endlich unsere Blindheit!“ – „Wie muss ich das verstehen?“ – „Nun, bisher konnten wir DEI nur durch ihre Aktionen identifizieren. Wir konnten also nur handeln, wenn wir genügend Symptome sahen. Hiermit“, meinte Schmidt und legte seine Hand auf die Sensorfläche, „können wir messen, ob eine Person als DEI zu klassifizieren ist.“ Der Bildschirm gab nach kurzer Zeit eine negative Meldung aus. Sebastians Augen weiteten sich und er brachte ein verhaltenes „Wow“ heraus.
„Und wie zuverlässig ist diese Maschine?“, fragt er vorsichtig, woraufhin Schmidt seine Hand packte. „Das finden wir gleich heraus!“, meinte er und zum ersten Mal war jede Spur von Freundlichkeit von Schmidts Gesicht weggefegt. Sebastian versuchte sich zu wehren, doch Schmidt schien die richtigen Hebelgriffe zu kennen. Seine Hand traf auf die Fläche, die Maschine piepste und schlug schliesslich komplett aus.
„Interessant“, meinte Schmidt und liess Sebastian wieder los, „ich schulde einem Kollegen 100 Dollar.“ Mit offenem Mund stand der Forscher da: „Ich…“ – „Sie müssen gerade nichts sagen“, meinte Schmidt und zog Handschellen hervor, „für‘s Erste kommen Sie einfach mit.“

edited on 31.10.2018, 10:23 by Ashielf
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