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01 - Yukon
16. November 2018

Als Yukon Simms aus klaren Bildern der Vergangenheit erwachte, flimmerte ihm das abschliessende Zeichen des Traumes weiterhin hartnäckig vor den Augen. Es bohrte sich ihm jedoch nicht als schleissender Dorn in die Wahrnehmung, im Gegenteil, es war verheissungsvoll aus dem Schlaf erblüht, der ihm, wenn er ehrlich zu sich selbst war, gut und gerne hätte gestohlen bleiben können. Trotzdem verinnerlichte er sich nun das in ganzer Pracht erstrahlende Zeichen. Er hatte es wohl in der händeringenden Hoffnung, zumindest einen Fingerzeig mit sich in den Tag mitzubringen, aus der bodenlosen Nacht gepflückt, dieses Zeichen, diese Zahl: 11,5.
Einmal mehr hatte er von Helena geträumt. Er wusste nicht mehr, worum genau die verdrehte Darbietung seiner Sehnsucht dieses Mal gehandelt hatte, er konnte sich einzig an die Zahl erinnern, die im Erwachen gewesen war, was ihn in der Realität willkommen geheissen hatte. Er konnte sich zwar nichts aus der Zahl 11,5 zusammenreimen, doch erschien sie ihm in keiner Weise derart irreführend wie die vernietete Bilderschau, die sein Kopf zu erdichten fähig war. Anders als die deprimierende Erinnerung, die er sich vor einigen Jahren hinter seine Stirn gesperrt und gewichtig auf die Schultern geladen hatte, stellte sich ihm die Zahl als leuchtender Wegweiser in die Zukunft dar. Er sah in ihr eine Prophezeiung, bloss hatte er sie zuerst zu ergründen, bevor er die Richtung in das lichte Versprechen einschlagen können würde.

Mit bestärktem Blick und ordentlich eingepackt setzte Yukon Fuss über die Schwelle der Wohnungstür. Es freute ihn, dass er aus seiner hellen Erwartung Motivation gewinnen konnte. Die altbekannten vier Wände, in deren Mitte seine Tagespläne zumeist im gekachelten Muster seiner Gedankengänge versickerten, hatten ihn heute zu missen. Nie war er weit gekommen, denn wenn er jemals an eine der Kreuzungen gelangt war, hatte er nimmer weitergewusst.
Über Nacht hatte es erneut geschneit, wie er realisierte, als er aus dem Posthaus trat. Er lugte noch an der Fassade empor zum Dachgeschoss, um sich zu vergewissern, ob er das Fenster geschlossen hatte. Dann stapfte er ein, zwei Meter über das unbemalte Weiss, das unter dem Druck seiner Stiefel unfreundlich knirschte. Er sank ein, blieb stehen, wandte sich abermals um, um zum Fenster hinaufzuschauen und sich zu vergewissern, ob er es auch wirklich geschlossen hatte.
Dass die Zahl überhaupt 11,5 gewesen war, hielt er auf seinem Marsch durch Lutie gar nicht mehr für faktisch. Während ihm überraschend klar war, dass eine 11 und eine 5 vorgelegen hatten, musste er sich nun fragen, ob dazwischen tatsächlich ein Komma gesetzt gewesen war. Es konnte genauso gut ein Punkt gewesen sein. Denn allmählich wollte aus der gepflückten Eingebung die erste Vermutung bezüglich des Hintergrundes Wurzeln schlagen. Er glaubte, in der Form der Zahl ein Datum mit auf den Weg bekommen zu haben. Der 11. Mai lag in knapp zweimonatiger Entfernung, es war folglich denkbar, dass die Zahl 11.5 gewesen war.
Während er den Frost von den Zahnrädern in seinem Hirngewinde blies, wurde er von seiner verschneiten Heimat in die Arme genommen. Lutie war aber keineswegs eine trostlose Gemeinde im tiefsten Winterland. Wenngleich der Grundstein dereinst abgelegen von der nächsten grossen Stadt gesetzt worden war und ringsumher stolz der Kälte trotzende Tannenwälder die Weitsicht limitierten, war es so, dass die Frauen und Männer in Lutie imstande waren, sich mit wohlig warmer Palette das Recht zu nehmen, selbst über ihr Glück zu bestimmen, indem sie mittels zahlreichen Festivitäten, die sie Monat für Monat veranstalteten, ein familiäres Gemeindeleben förderten, was nicht einzig den Gemeinsinn zu garantieren vermochte, sondern auch ein durchgehend ehrliches Lächeln auf ihre Lippen malte. 
Aus mattblauen Augen hervorstierend erfasste Yukon die mannigfaltigen Girlanden und Laternen, die an Leinen zwischen die Gebäude gespannt waren. Es war seltsam, aber ausnahmsweise störte er sich nicht daran, dass sie für das gesamte Jahr und jetzt über seinem Kopf in der Frühjahrsbrise tänzelten. Für einmal fühlte er sich ihnen übergeordnet. Für einmal war der Versuch des permanenten Frohsinnes seiner Umgebung, die karge Wüste in seinem Herzen zu beleuchten, schon im Voraus zum Scheitern verurteilt. Denn für einmal hatte er sich dort, weit abseits ihres Einflussgebietes eine Kerze entzündet.
Er wollte Helena nicht gedenken, doch meistens hatte er keine Wahl. Obschon sie sich voneinander abgewandt hatten, war er in seinem geistigen Flussbett von untergrabender Selbstverurteilung auf sie ausgerichtet und die Bilder der Erinnerung hatten sich als steinerne Brückenbauten über seinen Weg gezogen, dies aber derart seinen tiefen Wassern enthoben, dass er unter ihrer Majestät passieren musste, ohne sie halten zu können. 
Er hatte längst verstanden, dass sich seine Rastlosigkeit im Kreis drehte und dass er in Tat und Wahrheit nicht Helena an sich jagte, sondern das, was gewesen und ihm aus den Händen geglitten war und letztlich bloss noch in ihm und ihm allein nach Atem schnappte, zeitgleich entfernt und trotzdem so nah. Dieses Verständnis konnte seine gegenwärtige Handlungsfähigkeit sicherlich korrigieren, Fehler im Strom seiner Geschichte jedoch nicht.
Auf den ersten Blick verlor er seinen gewaltigen Hunger, seit er mehrheitlich dem nachtrauerte, was nicht hatte sein sollen, anstatt befeuert bis über die Ufer zu schlagen und sich eine lichterlohe Zukunft aus dem kalten Stahl seiner Fesseln zu schmieden. Leider blendete Helena hoch über seinem Flussbett als fesselndes Gestirn, das sein Bett auszutrocknen vermochte und ihn in seinem ausgebrannten Geist in Strömungen ertrinken liess, deren gereichten Hände nicht mehr greifbar waren und die ihn folglich einzig durch seinen Kreislauf und in keinerlei Richtung trieben.
*Nein, es hungert mich noch*, durchschaute Yukon, *Bloss hungere ich nach einer Beute, die ich nicht mehr erreichen kann. Mein Hunger ist unstillbar, ich habe die Kontrolle über ihn verloren. In dieser Hinsicht sind wir uns wohl oder übel verwandt, nicht wahr, Garm, alter Freund?*

edited on 16.11.2018, 8:09 by Der Herr Koi
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02 - Garm23. November 2018

Der an der Stirn zerschellende Schneefall verschleierte die Spuren in den Tannenwald nach und nach, als Yukon mit gefestigtem Stand hügelan stieg und seine bunt gespickte Heimat verliess. Er hatte…

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