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02 - Garm
23. November 2018

Der an der Stirn zerschellende Schneefall verschleierte die Spuren in den Tannenwald nach und nach, als Yukon mit gefestigtem Stand hügelan stieg und seine bunt gespickte Heimat verliess. Er hatte sich zwar seine Mütze tiefer ziehen müssen, eingestehen konnte er sich aber trotzdem, dass der in den ausgebrannten Zügen seiner Miene zerbrechende Tanz der Flocken in Tat und Wahrheit ein Segen war. Mit dem Traumzeichen als potenzielle Wegrichtung war er erpicht, einen kühlen Kopf zu bewahren, auch wenn es als Mann der wenigen Worte, als Mann der vielen Gedanken kein ausserordentlich simples Unterfangen war, nicht grundlos auszuschlagen.
Unter den stolzen Dornenkronen wanderte er weiter in das wohlbekannte Dunkel hinein. Begleitet wurde er hierbei keineswegs allein von seinen Gedanken, sondern auch von einfahrendem Wolfsgeheul, das Leib und Seele mit Leichtigkeit in Gewahrsam nehmen konnte. Es tobte durch den verschneiten Finsterforst und formierte mit immer neuen Antworten von immerzu unterschiedlichen Hängen eine hellauf imponierende Konversation, die selbst die Himmel erhörten.
Wie gern wollte Yukon den Frost effektiver aus sich schassen, indem er ihn aus sich brüllte und ihrem Hunger gleichgesinnt den Wölfen antwortete! Aber er war nicht gekommen, um zu antworten. Er war gekommen, um eine eigene Konversation mit jemandem zu eröffnen, den er bislang erst ein einziges Mal hatte ausrufen hören.
In diesem Anliegen geduldig, platzierte er sich zum Fuss von einer der schwarzen Tannen. Unter seinem Parka zog er ein Tamburin hervor, dessen Fell er nach einem raschen Innehalten kraftvoll klopfte, um die Schellen in den Forst rufen zu lassen. Er begann, in konkret gesetzten Abständen sein gekonntes Spiel in unbestimmte Fernen zu säen. Er lauschte dem Widerhall in seinen Ohren und der nahenden Stille, die zwischen seinen Rufen lungerte. Er erhaschte sie und den Wolf, der in Erwartung des nächsten Satzes ihren drohenden Einzug zunichte machte.
„Garm, alter Freund“, entwand es sich den Lippen Yukons, als er sich aufrappelte. Das Tamburin beliess er an seiner Position, als er auf das stattliche Tier zustapfte. In prächtig schimmerndem Silber wallte das herrliche Fellkleid von dessen Grösse, die den gesenkten Schultern seines menschlichen Gegenübers gleichkam.
Yukon trat ohne Scheu heran und schwamm schon in der verwandten Eiseskälte des ungeheuerlichen Augenblickes, als der Wolf sein Haupt zu seinem erhob. Aus der entspannten Schnauze waberte der Schnauf und ein freundschaftliches Schnauben blies Yukon entgegen, als er ihm über die Nase und zwischen den begierigen Augen empor zur Stirn strich, wo er das Fell beiseitewischte. Sodann entstieg in dieser zweisamen Tagesstunde der Mond dem persönlichen Horizont. Eine Narbe in der Form von einem Sichelmond prangte auf der Wolfsstirn. Ausatmend strich Yukon mit seiner rechten Hand über die Winkel hinweg und an der Wange hernieder, ehe er seine eigene Stirn aufsetzte. Und einatmete.

edited on 23.11.2018, 13:46 by Der Herr Koi
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Walked paths
02 - 0230. November 2018

„Ich habe Helena einen Brief geschrieben“, erzählte Yukon seinem treuen Freund, der sich beim Tamburin unter die schwarze Tanne gebettet hatte und ohne Drohgebärden den zahlreichen Worten seines…

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