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03 - Skoll
06. December 2018

Mit finsteren Zügen im blassen Männergesicht kehrte Yukon nach Lutie heim. Bereits aus der Distanz sah er die sich durch die abendlichen Strassen ziehenden Lichterketten und Girlanden, wie sie in ihren Linien keinerlei Inhalt unterstrichen. 
Der kunterbunte Firlefanz erschien Yukon als herabwürdigende Lüge. Die Menschen von Lutie waren durch die wöchentlichen Festivitäten meistens in den Belangen ebendieser angestellt. Eine solche Feierlichkeit wollte ordentlich geplant werden, sie wollte wohl durchdacht, organisiert und vorbereitet sein sowie einwandfrei durchgeführt und betreut werden, wobei auch der Abbau und die umfangreiche Nachbearbeitung nicht zu vergessen war. Es gab unfassbar viel zu tun, um den Feierlichkeiten zu Form zu verhelfen, unfassbar viel, dem in Lutie unmöglich aus dem Weg zu gehen war. Schweiss und Herzblut flossen, um die Augen der Menschen mit Frohsinn zu erleuchten, der Frohsinn jedoch war infolge der für Lutie überlebensnotwendigen Arbeitsplätze eine Pflicht. Schweiss und Herzblut flossen für die Pflicht. Der Schein in ihren Augen war eine Pflicht und infolgedessen falsch wie der Schein des aus den Wäldern angeklagten Mondes. Er entsprang nicht dem brustumwandten Kern, sondern reflektierte einzig eine fremde Allgewalt. Er erschien Yukon fremd und nicht als eigenständige Emotion.

Als er die Gemeinde erreichte und zwischen den verschneiten Hütten zum Gemeindezentrum pilgerte, langte er sich unter den Parka und nach dem Tamburin, um sich zu vergewissern, dass er es eingepackt hatte.
Die Schellen schnarrten in seiner Hand auf, als ihm plötzlich ein Schneeball gegen die Schläfe schallte. Er strauchelte einen Schritt zur Seite, setzte Fuss an den Stufenaufgang einer Hütte und glotzte unter seiner Mütze die Strasse entlang, wo von hinter einem schmuck verzierten Schneemann zwei Buben ob seinem finsteren Ausdruck aufjapsten, ehe sie belustigt kichernd das Weite suchten.
Genervt wischte sich Yukon den Schnee aus dem Halstuch. Vergebens versuchte er, sich zu beruhigen. Es waren nur Kinder gewesen. Die waren eben noch ehrlich. Auch brauchte er sich überhaupt nicht aufzuregen. Er wusste, dass er zu verreisen hatte. Er hatte bloss noch seiner Wegrichtung und dem weisenden Kerzenlicht zu folgen. Nicht mehr Helena hinterherzujagen, die unerreichbar weit über ihm erstrahlte und zwar befähigt war, seine dunklen Stunden zu vertreiben, dadurch aber auch seinen Schatten, über den er mit seinen verkrüppelten Läufen nicht springen konnte, zu einem Ozean verkommen liess, in dem er lediglich münden konnte, ohne jemals bemächtigt zu sein, es tatsächlich tun zu können, obschon sogar ein solcher Verlust des eigenen Verstandes ein Ausweg aus der Ausweglosigkeit seines Bettes gewesen wäre.
Zerknirscht langte er sich unter den Parka, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich daran gedacht hatte, das Tamburin wieder einzupacken. Glück gehabt. Er hatte es aus dem Tannenwald wieder mitgenommen.
„Nehmen Sie es den Kindern nicht übel“, lachte die Verkäuferin vom gegenüberliegenden Blumenladen über die verschneite Strasse, „Es sind eben noch Kinder.“
Wenn das alles war, was für sie sprach. 
„Ja ja“, wank er zurückhaltend ab, die Kinder um ihre jugendliche Unbesonnenheit beneidend, „Alles gut.“ Die Sprache seiner Augen wurde dem immerwährenden Winter zur Konkurrenz und die Verkäuferin schaute ihm beklommen hinterher, als er eilig seines Weges ging. Der Schein bröckelte ihr von den Lippen. Auch wenn es ihm die Brust mitunter enger schnürte, damit konfrontiert zu werden, er wollte doch auch froh darüber sein, dass ihm mit einer solchen Offenheit begegnet wurde.

edited on 06.12.2018, 17:17 by Der Herr Koi
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Comments

"Nicht mehr Helena ..."

Was für ein Killer-Satz! Da weiss man selber gar nicht mehr, wo und wie man ist. Es dürstet nach einem Punkt. Aber ich nehme an, dass das Absicht war. 😜

 

Ansonsten wiedermal eine tolle Fortsetzung. Freu mich auf mehr.

Ja, das ist der Satz in der Geschichte, den ich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich am häufigsten betrachtet habe. Aber du kennst mich ja :P manche kürze ich, wenn selbst ich über sie stolpere, manche sind so. Absichtlich schreibe ich sie nicht. Also da führt keine Entscheidung zu. Wenn ich schreibe, ist das eher eine fliessende Beschäftigung, mit der ich mitgehe. In diesem Fall ist Yukon's Gedanke sogar ein sich fortlaufend verknotender, von daher passt das irgendwo sogar.