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05 - 02
10. January 2019

Zu Mittag kehrte er zum Posthaus zurück, um seine Briefe durchzugehen. Zügig machte er sie auf, aber sie hatte ihm nicht geschrieben, also machte er sich wieder auf, um weiter durch die Strassen zu ziehen und seiner Zukunft entgegenzuschreiten.
Vor dem Gemeindehaus bemerkte er eine Gruppe von Männern in bleicher Tarnbekleidung. Sie trugen Gewehre an sich und besprachen mit dem alten Gemeindevorsteher die Jagd, gespannt verfolgt von neugierigen Kinderaugen.
„Heute ist das Wetter besser“, meinte der Gemeindevorsteher, „Ich verlasse mich auf eure Fähigkeiten, Jungs.“ Er klopfte einem von ihnen lachend gegen die Brust und Yukon beäugte dies angewidert.
„Skoll, da ist Herr Skoll!“, japste eines der Kinder und Yukon wurde ob seiner Entdeckung augenblicklich von einem nach ihm schnappenden Fluchtreflex aufgepeitscht. Doch weder das Tieferziehen seiner Mütze noch sein Schritt fort von der Zusammenkunft liess zu, dass er sich ihnen entzog. Einer der Männer stand schon bei ihm und lud ihm die Hand auf die Schulter.
„Yukon, ich weiss, du liebst die Wölfe“, versuchte er, auf ihn einzureden, „Aber du musst wissen, Hati hat wieder jemanden gerissen. Ein Mädchen, es ist auf dem Heimweg aus der Stadt gewesen. Wir können problemlos mit den Wölfen leben, aber wenn sie sich an unseren Wegen herumtreiben, müssen wir dem Einhalt gebieten, verstehst du das, Yukon?“
„Sein Name ist Garm!“
„Wie bitte?“, wunderte sich der Jägersmann, worauf Yukon von unter der Mütze hervor- und zu den hierauf erschaudernden Kindern hinüberblitzte: „Und mein Name ist Yukon!“ Hati und Skoll, der, der hasste, und der Verräter. Gereizt durch ihr Urteil erhob er Einspruch: „Er tötet nicht, weil er hasst, sondern weil ihr euch an ihren Wegen herumtreibt, und ich bin noch lange kein Verräter, nur weil ich ihn verstehe!!“
„Das reicht dann auch!“, brachte sich der Gemeindevorsteher ein, als sich der aufgebrachte Yukon mit einem Ruck zu ihnen umdrehte und sich von der Hand auf der Schulter befreite, „Jungs, ab mit euch und viel Erfolg!“ Sie gingen kommentarlos ab und allein die Kinder von hinter der nächsten Ecke glotzten aufmerksam nach den beiden zurückbleibenden Männern, die sich schliesslich unter dem himmlischen Ozean gegenüberstanden.
„Yukon!“, wurde er konfrontiert, „Was zur Hölle denkst du dir eigentlich?!“ Verbissen ging er darauf ein: „Wie können Sie nach seinem Leben trachten?! Er hat Ihnen nie etwas angetan!!“ - „Er hat Menschen aus unserer Gemeinde auf dem Gewissen!“, rief der Gemeindevorsteher in Erinnerung, „Wenn er mir selbst etwas antun wird, wird es doch wohl zu spät sein, mich für sie einzusetzen!“ - „Dann ergeht es Ihnen wie mir!“, schleuderte sich Yukon energisch von der Zunge, „Ich und Garm sind Freunde und deshalb habe ich mich für ihn einzusetzen, bevor es zu spät ist! Garm ist alles, was ich habe, wie können Sie mir das nehmen wollen?!“ - „Die Frage werde ich dir gerne beantworten“, wurde sofort dagegengehalten, „Wenn du den Eltern des Mädchens beantworten kannst, wie Garm ihnen ihre Tochter hat nehmen können.“
Der Gemeindevorsteher zog von dannen und Yukon fiel auf die Knie. Er machte nunmehr den Eindruck, schwer verwundet worden zu sein und als ob seine geschundene Seele in Erduldung der geschlagenen Wunden allmählich in den Gefilden der Hölle versickerte.
Nach einer Weile traten zwei Buben aus ihrem Versteck, den am lichten Grund knienden Mann aufsuchend: „Herr Yukon, alles in Ordnung?“ - „Schert euch doch endlich zum Teufel!!“, schlug er mir nichts, dir nichts aus, sie kreischten auf und liessen mit sofortiger Wirkung von ihm ab, während er heimkehrte, um unterzugehen, verfolgt von ihnen, den anklagenden Blicken und deren Sturm auf seinen Rücken.
Der 11. Mai verblieb frei von Helena, dafür hallten von den Hängen Schüsse hernieder. Die darauffolgenden Wochen hielt er mit seinem Tamburin noch Ausschau nach Garm, eine Antwort blieb jedoch fortwährend aus. 

Er verliess seine Wohnung kaum mehr. Wenn er unterwegs war und aller Welt den Rücken zukehrte, war sein Sichtfeld derart eng geschnürt, dass er die Menschen im Blickwinkel nur noch als gesichtslose Phantome wahrnehmen konnte. Dadurch glaubte er dann und wann, Helena doch noch zu begegnen. Da er sich aber nicht umwandte, konnte er sich niemals sicher sein, wodurch er sich später vorhielt, sie womöglich ignoriert und despektierlich behandelt zu haben.
Er begann zu verstehen, wie widersprüchlich es war, dass er, der er dazu neigte, gegen sich selbst zu gehen und sich klein zu machen, sich durch die Angst, Helena despektierlich zu behandeln, eine viel zu grosse Rolle in ihrem Leben einräumte. Dass seine Selbstgeisselung allein aus seinen Fantastereien gedieh. Exakt so stand es auch um die Sonne an seinem Himmel, nach der er hungerte. Als er Helena's Lächeln gebrochen hatte, war sie abgestürzt und irgendwo da draussen eingeschlagen. Er konnte sie aus seiner Grube nicht mehr erhaschen; ganz unbedeutend wie fern sie ihm gewesen war, jetzt war sie unerreichbar. Umso intensiver hungerte er nach ihrem Licht. Lieber hätte er es nie kennengelernt, anstatt nun im Wissen um seine Existenz und die Schuld am Einzug der Nacht gebettet zu werden. Ja. Was ihn von dort oben an seinem Himmel noch blendete, war eine Fantasterei. In dieser Erkenntnis begriff er nicht mehr, wonach er wirklich verlangte. Worum es in Tat und Wahrheit ging. Wahrlich. Sein Hunger war unstillbar.
Als ihm damals der nächste Morgen aus seinem schwächlichen Griff geglitten war, hatte er nach dem Ende verlangt, da war er von Garm gefunden worden. Von jemandem, der ihm folgen konnte und dem er folgen konnte. Von einem treuen Freund und Bruder, der ihm auf der langen Wanderreise durch das Leben Gesellschaft leistete. Der ihm vor dem Ende ebendieser Reise bewahrt hatte. Trotzdem: Ein Ende hatte stattzufinden, um weitermarschieren zu können und nicht länger gebunden zu sein. Der Versuch, sich von den bindenden Ketten loszureissen, war jedoch ohne Erfolg verblieben.
Garm hatte ihn zurückgelassen.
Erdolcht von dem, was die Götter den Menschen als Schicksal feilboten, strauchelte Yukon durch seine abgedunkelte Wohnung, auf deren Fliesen er kopfüber aufprallte. Ächzend langte er nach der untersten Schublade der Kommode. Er zog sie auf und suchte und fand fern von seinem gewillt gegen die schwarze Decke aufschiessenden Fokus seinen Revolver.
Das Ende war endlich nah.

edited on 10.01.2019, 18:14 by Der Herr Koi
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Walked paths
06 - Wild17. January 2019

Ein Raum. Tische in Reih und Glied, auf ihnen unbeschriebene Papiere, die den Kontext wie die umrahmenden vier Wände nicht wiedergaben. Namenlose Phantome sassen um Yukon umher, sie schrieben ohne…

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