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06 - Wild
17. January 2019

Ein Raum. Tische in Reih und Glied, auf ihnen unbeschriebene Papiere, die den Kontext wie die umrahmenden vier Wände nicht wiedergaben. Namenlose Phantome sassen um Yukon umher, sie schrieben ohne Tinte auf die Papiere, um die vorne von statten gehende Ansprache festzuhalten, während ihm die Decke auf den Kopf zu fallen drohte. Das war nicht wegen der endlosen Ansprache der Fall, die vorne niemand hielt und in unleserlichen Poin­tie­rungen an die Wandtafel gekritzelt wurde. Es war der Fall, weil mehrere Reihen vor ihm Helena sass.
Sie sass mit dem Rücken zu ihm an ihrem Tisch und die Distanz zwischen ihnen betrug mehrere Reihen. Sie konnte ihn nicht sehen. Er wollte sie nicht sehen. Die Verpflichtung, nach vorne gerichtet zu sein und der Totenstille zu folgen, nagte begierig an ihm. Was ihre Gegenwart in ihm beschwor, dem wollte er sich nicht hingeben. Auf der Flucht vor der Vergangenheit überschlugen sich seine Gedanken und sein Fokus wurde gegen die Wände auseinandergetrieben. Alles, was er empfand, verbot er sich, weshalb er es verschlang, er verschlang die gesamten Gezeiten, um sich nichts ansehen zu lassen, während er das Verlangen nicht von sich schütteln konnte, gesehen zu werden. Der Schweiss floss am Rande seines krampfhaften Anfalles in Strömen.
Er stockte. Helena hatte sich erhoben. Wandelte durch ihre Reihe und an den anderen vorüber. An seiner Position hielt sie inne und er starrte aufgelöst zu ihr empor. Fassungslos betrachtete er ihr mitteilsames Angesicht, dessen Zunge ihm nicht geläufig war.
Aus offengelegten Seiten erhob er sich auf ihre Augenhöhe und als er sich in ihren Augen verlor, schloss sie sie, ihn in sich aufnehmend, ihn mit auf dieses Abenteuer durch fremde Länder nehmend, als sie Fuss über seine Grenzen setzte und ihn küsste. Sie küsste ihn und die Phantome wandten sich zu ihnen um.
Yukon versuchte noch, sich aus ihr zu retten. Aber es war vergeblich, wie sehr er auch ausscherte, er fand von den Wänden unweigerlich zu ihr zurück. Sie presste ihre Lippen gegen die seinen und er wusste nicht, wie er seinen Empfindungen begegnen sollte. Schon seit dem Anbeginn seiner Zeit konnte ihr unablässiger Zufluss sein Bett infolge seiner Verschlossenheit bloss kontinuierlich gelegener erscheinen lassen, während seine unschlüssigen Strömungen durch ihn verschlammt wurden. Es war ihm nie gelungen, sie ganzheitlich zurückzuhalten, doch die Wahrheit war, dass die Empfindungen, denen er erlag, lediglich einen Bruchteil darstellten.
Sie küsste ihn und die Umgebung verschwamm. Es war ein wundervolles Gefühl. Ein wundervolles Gefühl, das ihn zerstörte. Das ihn niederriss und zu Grunde richtete. Er wurde zu Grunde gerichtet. Die Dämme barsten und die zurückgehaltenen Empfindungen stoben über die Hänge, die Furchen im ganzen Land mit einer derartigen Allgewalt aus der Geschichte tilgend, dass all die irdischen Wogen sodann geglättet waren, als die reissende Flut Yukon erfüllte. Er schlug die Augen auf, obschon er geglaubt hatte, sie stets geöffnet gehabt zu haben, und als die Ufer seinen Stand nicht mehr halten konnten und er mit dem überlaufenden Hochwasser aus der Tiefe zutage getragen wurde, stand er nach wie vor aufrecht vor Helena, die ihn küsste. Und als ihm die ihren Augen aufgingen, wurden seine Wangen von zügellosen Tränen geflutet.
„Letztlich ist es doch nicht so schwer gewesen“, flüsterte sie und er legte seine Stirn gegen die ihre, seinen Gefühlen freien Lauf lassend. Es war so viel, das aus ihm hervorzubrechen verlangt hatte. So viel, das er von sich zu stossen gehabt hatte. Wie namenlos er sich infolgedessen vorkam. Helena gleichgesinnt. Endlich konnten sie sich entdecken. Endlich konnten sie Geschichte schreiben. Dafür stand er aufrecht, auch wenn er weinte. Dadurch zeigte er keine Schwäche, ganz egal, was er sich jemals vorgehalten hatte. Ehrliche Gefühle gegenüber sich selber konnten unmöglich eine Schwäche sein.
Er legte seine Hand an ihre Wange, als sie lächelte. Bestärkt durch das errungene Bewusstsein, bewegte er sich auf sie zu. Um sie zu küssen. Er küsste sie und verleibte sich die belebende Herzenswärme ein, um sie fortan in aller Zukunft mit Helena innewohnen zu lassen. Ein wundervolles Gefühl.
Weinend sprang Yukon aus seinem Bett hoch, noch war es dunkel im Schlafzimmer, aber er suchte prompt nach seiner Uhr, um zu überprüfen, wie spät es schon war. Es war früh morgens am 15. Juli und er weinte. Er weinte und lächelte, als sich schliesslich die frühmorgendlichen Sonnenstrahlen über Lutie ergossen.

[Fortsetzung folgt in Form des Finales]

edited on 17.01.2019, 18:31 by Der Herr Koi
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Walked paths
06 - 0223. January 2019

Was für einen unglaublich schönen Traum er gehabt hatte! Ohne Umschweife erschloss sich Yukon auch, weshalb er aus seinem Schlaf gerissen worden war: Von den Tannenwäldern wallte das majestätische…

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