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06 - 02
23. January 2019

Was für einen unglaublich schönen Traum er gehabt hatte! Ohne Umschweife erschloss sich Yukon auch, weshalb er aus seinem Schlaf gerissen worden war: Von den Tannenwäldern wallte das majestätische Rufen seines Freundes über die Dächer der Gemeinde. Garm war zurückgekehrt.
Wie lange hatte er das vermisst, dieses freundliche Wirrsal unter seiner Brust, das sich ihm nicht um das Herz schloss und sich stattdessen aus unzähligen verworrenen Bahnen zu einem kraftvoll sprudelnden Fluss vereinigte. Das Glücksgefühl trieb ihn bar von Vorwänden aus seinem Bett, rasch hatte er sich angezogen und seine Wohnung verlassen, denn das Glück schien kein Ende nehmen zu wollen. Nicht nur konnte er aus seinem miserablen Lauf auf- und vorwärtsschauen und -gehen, auch Garm war zurückgekehrt, sein treuer Bruder. Wie viel Zeit vergangen war, seit er ihn das erste Mal hatte rufen hören, damals, als ihre bewegte Freundschaft begonnen hatte!
Dass es über Nacht abermals geschneit hatte, war für ihn nicht von Bedeutung, das war Alltag auf diesen unbefahrenen Strassen, über die er schleunigst stapfte. Mit dem Lächeln auf den Lippen und dem Tamburin unter dem Parka liess er Posthaus und Gemeinde alsbald hinter sich, er wollte den Jägersleuten keinerlei Gelegenheit überlassen, um ihm zuvorzukommen. Er war heilfroh, dass er sich um Garm's Wohl wie um so mancherlei ohne greifbaren Anlass gesorgt hatte. Er war heilfroh, dass er nicht abgedrückt hatte, als er in seiner Aussichtslosigkeit nach seinem Revolver gegriffen hatte.
Inmitten seiner zugestellten Wohnung hatte Yukon gekauert, der Griff um den Revolver war übermässig hart gefestigt gewesen, als er fern von aller Aufregung durchschaut hatte, dass er selber der steinerne Wall war, den er nicht übertreffen konnte. Er hatte allein sich bekriegt. Um endlich in Frieden ruhen zu dürfen, hatte er dem ein Ende setzen wollen.
Es war wohl oder übel ein Segen, dass er auch hierbei an sich zerschellt war. Er hatte nicht die Grösse besessen, eine endgültige Entscheidung zu treffen, weshalb die Stunden ohne Schlussstrich vorübergezogen waren.
Durch die Umstände seiner krankhaften Auswüchse hatte Yukon das Vergnügen, weiterhin unter den Lebenden wandern zu dürfen, oder erstmalig unter den Lebenden wandern zu dürfen. Jetzt war es vor allem von Priorität, sich diesen Antrieb zu Nutze zu machen und sich für seinen Freund einzusetzen, dessen Leben durch die Jägersleute bedroht wurde.
Zielgerichtet stieg er den Tannenforst hinauf, immer weiter in das schattenverhangene Unterholz und jederzeit begleitet durch das einzige Wolfsgeheul, das ihm entgegenrumpelte. Mit ermannter Brust liess er sich durch das heimelige Geheul empfangen.

Ungeduldig beurteilte er das gegenwärtige Fleckchen Erde als geeignet, worauf er wie gehabt sein Tamburin unter dem Parka hervorzog. Er bemühte sich, zwischen den schwarzen Tannen und abseits seiner Spuren Konturen auszumachen, das aber gestaltete sich aussergewöhnlich schwierig, denn das Tageslicht verfing sich in den dichten Dornenkronen, durch die er seine Antwort schwang. Er zerstreute mit geschicktem Spiel seine Spuren aus dem Tamburin in die verworrenen Winkel des Forstes, worauf das beantwortete Rufen verklang und um Yukon Stille einkehrte.
Es dauerte nicht lange, da kam ihm aus den Schatten Garm gestiegen. Yukon entdeckte die stattliche Grösse des Wolfes und konnte sich vor Freude kaum mehr halten. Mit aufgehendem Lächeln schritt er auf ihn zu, das Tamburin landete im Schnee. Freudig schritt er auf den Wolf zu, der ihn fand.
*Garm, alter Freund*, hatte er sich in der kargen Winterlandschaft seines Bewusstseins gestellt, als die Hand mit dem Revolver nicht mehr länger hatte oben gehalten werden können und auf die Fliesen gesunken war, wo sie liegen geblieben war, *Was mag schlimmer sein, ein Krieg in unserer oder ein Krieg in meiner Welt. Ein Krieg, der tote Leiber an die Ufer schwemmt, oder doch ein Krieg, der den Geist in sich ertrinken lässt. Soll man mir doch meinen Leib zerreissen. Das vermag wenigstens, mich um meinen Verstand zu bringen. Dann trage ich an meinem Untergang auch keine Schuld. Dann ist es mir auch gestattet, ohne Verständnis zu fallen. Dann darf ich untergehen und muss mich nicht weiter befriedigen wollen. Das erscheint mir doch weitaus sinnvoller, als die Aussicht darauf, Land zu gewinnen und dem Sturm in das Auge zu schauen, der einen immer neu zerfleischt. Ein Krieg, der den Geist in sich ertrinken lässt, gewährt noch so manche Aussicht auf die rettenden Ufer, die Wahrheit bleibt, dass er immer nur tiefer und tiefer zieht. Denn das Bedürfnis, nach Atem zu ringen, ist letzten Endes grundlos.*
Garm jagte blitzschnell vorwärts und riss sein Maul um Yukon auf. In dessen Augen spiegelte sich der Abgrund wider. Er wusste nicht, wie ihm geschah, als er in ihn blickte. Denn binnen Bruchteilen eines Augenaufschlages hatte ihn der Abgrund bereits verschlungen und aus ihm schlugen sich wogende Flüsse von Blut durch die zurückbleibenden Fussabdrücke im Schnee bis an das schweigende Tamburin.

edited on 23.01.2019, 20:02 by Der Herr Koi
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