Story-Block

01 – Niemand anderes als du
07. März 2019

Niemand, niemand anderes als du hat mir begreiflich machen können, dass es keine Schande ist, im Nebel zu wandern. Du hast gesagt, dass ich vor nicht allzu langer Zeit noch vor Lebensfreude gestrahlt habe, dass es in Ordnung ist, sich auch nach erklommenen Höhenmetern auf den Knien wiederzufinden, so lange die Ungewissheit nicht zur Gewissheit eines Falles wird. 
Ich stimme dir zu und ich bin zuversichtlich, dass ich mich mit dir an meiner Seite zu einem erneuten Stand aufrichten kann. Denn mein Herz verlangt danach, auf ewig an deiner Seite zu gehen, so wie du mir versprochen hast, auf ewig an meiner Seite zu gehen.

Immer wenn ich früh morgens erwache und du mich auf die Stirn küsst, werde ich sicherlich ganz rot auf den Wangen, aber ich glaube, dass es meiner schwächlichen Natur vor allem unter deinem mitteilsamen Angesicht, das mir den Eindruck vorzugaukeln versucht, dass du bereits lange vor meiner Zeit gänzlich andere Sphären erklommen hast, ein doch auch hübsches Kleid ist.
"Guten Morgen, Dilara", begrüsst du mich, "Hast du einen angenehmen Schlaf gehabt?" - "Wie ein Stein, der auf den Grund des Meeres herniedersinkt, so tief habe ich geschlafen", entgegne ich dir und du nimmst mich an die Hand, die andere legst du an meinen Rücken, um mir aus den Laken aufzuhelfen.
Wie ein Stein habe ich geschlafen und ebenso schwer fühle ich mich. Anders als dem Stein jedoch verschliesst sich um mich nicht der Schlund der schwarzen Tiefenwasser, nein, ich öffne meine Lider und auf der Oberfläche meiner Augen schwimmst mit jedem neuen Morgen du. Die wohlige Wärme, die aus deiner Gegenwart in mich eingeht, mag ich nimmer missen, denn wie finster die Nacht sich auch gestaltet, mit dir an meiner Seite wird mir immerzu Licht werden.
Darauf zumindest will ich vertrauen.

"Wie du strahlst", versuche ich, beim Morgenmahl meine Zuversicht auszubauen, "Du strahlst nicht, weil du dich nie auf den Knien wiedergefunden hast, du hast dich zahlreiche Male vom Boden erhoben, ist dem nicht so, Hlynur?"
Bedächtig legst du Messer und Gabel nieder, um von deinem Teller aufzuschauen. Du hast dir alle Mühe gegeben, um dazu beizutragen, auch diesen Morgen zu einem guten zu formen. Der vielversprechende Wohlgeruch aus der Küche hat deine Worte bereits an meiner Bettstatt untermauert. Ich habe es kaum erwarten können, von den Lachs-Zitronencreme-Rollen zu kosten, die du lange vor meiner Wachenszeit in Angriff genommen hast. Von denen du aufschaust, um zu antworten: "Ich strahle, weil du mich glücklich machst."
Mir ist seit jeher bekannt, dass ich dich glücklich mache. Es ist der erste Eindruck gewesen, den ich von dir gewonnen habe, nachdem ich aus meiner Ohnmacht aufgewacht und Zeuge deines Zusammenbruches geworden war. Erst als du realisiert hast, dass ich mein Bewusstsein zurückerlangt habe, hast du dich wieder ohne Beschwernis erheben können. Um mich in die Arme zu nehmen.
Aus klaren Augen beanspruchst du mich und ohne Umschweife erkennst du, dass mich eine Sache beschäftigt, weshalb du dich erhebst. Die Sonnenstrahlen, die durch die beschädigte Fassade in die Fischershütte plätschern, kränzen die Flut deiner Haare kurzerhand mit goldener Gischt, ehe du um den Esstisch an meinen Sitzplatz gelangst, um mich in die Arme zu nehmen.
"Du kannst mir alles erzählen", versicherst du, "Wir wollen nichts ungesagt belassen. Was dich auch beschäftigt, ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam daran arbeiten können. Wir werden uns davon nicht unterkriegen lassen."
Nur zu gerne will ich dir alles erzählen, das Problem jedoch ist, dass ich im Nebel wandere und nichts zu sagen habe. Wie sehr du meinen Weg auch zu beleuchten weisst, du stehst nicht durchwegs an meiner Seite. Wenn du des Tages auf das Meer hinausfährst, um uns zu versorgen, scheint allerhand zu geschehen, sodass du immer zahlreiche Geschichten zu erzählen hast, wenn du heimkehrst. Ich liebe es, deinen Erzählungen zuzuhören und zu erfahren, was du erlebt hast; ich sehe dir allmorgendlich an den verwinkelten Zügen an, dass du vieles erlebt hast, während ich dir nichts zu geben vermag ausser mich in deine Arme, denn wenn ich mir über die Wangen fahre, dann fühle ich nichts.
Kleide mich noch so oft in Schamesröte, es ist und bleibt doch nur ein Kleid, innerlich verbleibe ich farblos! Ich weiss nicht, wie ich dir das Gewicht erleichtern kann, während du mich gnadenlos mit Worten betörst. Wenn du des Tages auf das Meer hinausfährst, habe ich auf diesem Eiland einzig meinen kleinen Garten und zumeist muss ich mich ertappen, wie ich mich langweile. Ich erlebe nichts und wenn du fort bist, mich nicht an deine Hand nehmen kannst, dann begehre ich oftmals auf, dann will ich oftmals im Nebel Fuss fassen, obschon er die Horizonte vollumfänglich in seinem Klammergriff gefangen hält. Mein Gedächtnis ist verloren.
"Ich mache mir Sorgen", tische ich dir die Unwahrheit auf, weil ich es nicht besser weiss, "Wenn dir auf deiner Fahrt ein Unglück zustossen sollte, dann würde das auch das meine Unglück sein und ich wüsste nicht, wie ich in einem solchen Unglück weiterleben sollte!" - "Nein, das wird nicht geschehen", versicherst du weiter und deine Hand hält mich eisern an deine Brust, wo du mich auf die Stirn küsst, "Ich werde immer heimkehren und weder Tod noch Teufel wird sich mir in den Weg stellen können, Dilara, ich werde sie allesamt niederringen und wir werden erhobenen Hauptes weitergehen!"
Ich mache dich glücklich und du machst mich glücklich, aber ich strahle nicht. Du weisst vieles zu erzählen, meine eigene Geschichte ist für mich nicht mehr fassbar und in meiner Langeweile muss ich mir darüber den Kopf zerbrechen, weshalb ich immer öfters nicht weiter weiss, wenn du allein in dein nächstes Abenteuer aufbrichst, um mir abends davon zu berichten.

Wieder bist du aufgebrochen, um auf die See hinauszufahren, und ich kehre von den Gestaden heim, um den Aufgaben in meinem Garten nachzugehen. Gemüse sowie Obst wollen gepflegt und zu einer Reife aufgezogen werden, die in deine Hände spielt und uns die eine oder andere Gaumenfreude bereitet.
Unsere in Mitleidenschaft gezogene Heimstatt verschiebt sich aus dem Fokus, als ich mich wie entzaubert auf dem Gartengatter abstütze, hinter dem das Leben im Gegensatz zur übrigen Umgebung in satter Mannigfaltigkeit gedeiht. Ich schweife ummantelt von der morgendlichen Meeresbrise über die Landschaft des Eilandes hinweg und aus ermüdeter Wachsamkeit träume ich mich in alle Welt. 
Wenn du davon sprichst, weiterzugehen, dann erscheint es offensichtlich, dass ich stillstehe und mich nicht von meinem Fleckchen Erde fortbewege, denn im Rahmen eines Gartengatters kann unmöglich Geschichte geschrieben werden. Fern hiervon muss es so viel zu entdecken geben. Wie du mich aufbegehren lassen kannst, während ich doch so gebunden bin! Du kannst mich nicht für immer einzig winden lassen...
Beim Eiland handelt es sich um einen dichten Zusammenschluss von zahlreichen kleinen Inselsegmenten von variierendem Umfang und verbunden durch Stege. Auf ihnen sind eine Anzahl von mehr oder minder identischen Fischershütten erbaut, um die sich im Gegensatz zu unserer Hütte nach einem langen Tag niemand mehr kümmert, weshalb ihnen die Anstrengungen der Sturmwinde, die des nachts keinen Stein auf dem anderen zu belassen wünschen, noch deutlicher anzusehen sind. Was hier gezeichnet wird, hat seine Spuren längst hinterlassen, da ist es auch nicht wirklich von Nutzen, dass sich die Segmente um das grosszügige Stück Land schliessen, auf dem sich das Kloster erhebt. Alles, was hier noch regiert, ist ein trostloses Dasein bis an das Ende der Zeit, denn niemand lebt hier noch abgesehen von dir und mir.
"Das Kloster ist ein gefährlicher Ort und du darfst dich niemals in seine Nähe begeben", hast du mich damals erinnert. Zuvor hattest du dich mit fürsorglicher Vorsicht bemüht, mir das Bild meiner Person zu malen, denn selbst das hatte ich verloren. Ich muss gestehen, dass ich den Gedächtnisverlust noch nicht derart verflucht habe wie heutzutage, denn mir ist gewesen, als habe es infolge des Gedächtnisverlustes für dich noch viel mehr zu erzählen gegeben als normalerweise. "Eine fürchterliche Krankheit hat mein Volk dahingerafft und es ist zu befürchten, dass es bloss ausserhalb des Klosters sicher geworden ist. Ich will nicht wissen, wie es sich dort drinnen entwickelt hat, die Tore müssen unbedingt verschlossen bleiben!"
Ich kann nachvollziehen, dass du dir von der Entwicklung beim Kloster kein Bild machen willst, aber so lange ich die Tore verschlossen halte, könnte ausnahmsweise ich diejenige sein, die von ihrem Tag berichten darf. Niemals würde ich mich und infolgedessen unser Leben in Gefahr bringen wollen, deshalb werde ich auch heute keine Grenzen überschreiten. Aber ich werde auf ihnen balancieren und zumindest einen Blick auf die andere Seite gewinnen.
Eilenden Schrittes marschiere ich über die aufgeworfene Erde. Ohne Rücksicht auf die mich kleidenden Stoffe überwinde ich die mehrheitlich zerstörten Stege.

bearbeitet am 07.03.2019, 20:36 von Der Herr Koi
Gesammelte Schritte:
Step
1
Favorit hinzufügen
0
Beschrittene Pfade
02 – Das Harz14. März 2019

Es ist nicht zu verneinen, dass eine gewisse Anspannung meinen Brustkorb umfasst, aber in keinerlei Weise muss ich die Entscheidung hinterfragen, die mich die steinerne Stufensteige zum Kloster…

Meist gewählter Pfad mit1 Schritten

Kommentare