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02 – Das Harz
14. March 2019

Es ist nicht zu verneinen, dass eine gewisse Anspannung meinen Brustkorb umfasst, aber in keinerlei Weise muss ich die Entscheidung hinterfragen, die mich die steinerne Stufensteige zum Kloster hat erklimmen lassen. Womöglich ist es die schwindende Distanz gegenüber einer unbekannten Eigenständigkeit, die mich hier oben aufrecht stehen lässt, womöglich ist es das und womöglich auch die aussichtsreiche Position, die einem deutlich vor Augen führt, dass der Punkt, von dem man losgelaufen ist, kein Punkt ist, zu dem man zurückkehren will.
Die Aussenmauer des Klosters auf dem enormen Felsplateau ist von allen Gestaden zu erblicken, entsprechend bin ich nicht überrascht, dass das Haupttor in den Innenhof verschlossen ist. Aber als du mich an die Bedrohung aus dem Inneren des Klosters erinnert hast, kannst du nicht das Haupttor gemeint haben, denn hinter ihm befinden sich nicht die Klosterräumlichkeiten, sondern ein vorangehender Innenhof.
Es gelingt mir, die ausgebeulten Stahlflügel aufzustossen. Aufmerksam tappe ich hinein und sofort fällt mir auf: Die Mauern sind kaum mehr als solche erkennbar, denn seitens des Innenhofes, der unter freiem Himmel gelegen ist, sind hübsche Lauben in sie eingelassen und hinter Fensteröffnungen erstrecken sich bemessene Innenräume. Derweil erhebt sich auf der anderen Seite des Hofes das Hauptgebäude des Klosters in der Form von kirchlichen Strukturen. Das massive Schiff mit den abendroten Ziegelzinnen, an dem seitwärts in die Lauben zu gelangen ist, beugt sich mit dem Rücken zur Mauer geradezu aufdringlich dem Zentrum des Hofes entgegen.
Das Kloster bricht die Sturmwinde und so wird mein Akt des Vertrauensbruches beschwiegen, als ich der Verbindungsstrasse folge, dessen Bordstein im Zentrum Raum für einen nackten Baum belässt. Schon habe ich meine Füsse in das tote Laub zu seinen Füssen gesetzt, doch sogar das kann sich keinen Ton entringen, und ich lege Hand an den alten Stamm an, aus dessen geschlagenen Wunden, die zahlreicher kaum sein können, in überflüssiger Betriebsamkeit das Harz quillt. Ob der Berührung realisiere ich, dass es sich um einen Ahornbaum handelt, dem hier seine ganze Herrlichkeit abhanden gekommen ist.
Für den Bruchteil eines Augenaufschlages ist mir, als würde meine Berührung erwidert sein, und ich schrecke irritiert zurück. Die Bedeutung ist mir schleierhaft, aber das erscheint jemandem wie mir an einer Örtlichkeit wie dieser nicht sonderlich sonderbar. Immerhin brauche ich die Fremdheit nicht zu ergründen, ich brauche ihr lediglich zu begegnen, weshalb ich mich rasch fassen und den Ahornbaum hinter mir lassen kann, um den erneuten, doch kurzen Stufenlauf vor dem Eingang zum Kirchenschiff anzuvisieren.
Wie gelähmt halte ich ein. Ich verstehe nicht. Suche unversehens nach der Bedeutung. Verlange augenblicklich nach der Bedeutung. Nach einer Erklärung für diese Offenbarung. *Wie kann das die Möglichkeit sein...?!*, schiesst es mir durch den Kopf, ehe ich unsicher formuliere: "Das ist unmöglich..."
In der Richtung der Vorwärtsbewegung erstarrt, verfällt mein ausgestrecktes Bein nach Sekunden der Unsicherheit einem sich steigernden Zittern, weshalb ich es zurückziehe und mich am Baum an meiner Seite abstütze, ohne davon abzusehen, mit Entsetzen den offenen Eingang zum Kirchenschiff einzunehmen. Als gähnender Abgrund bleckt er ein Unmass an potenziellen Bedeutungen, die sich in meinem Kopf festzubeissen drohen.
Ich schnelle umher und fixiere das durch mich geöffnete Haupttor.
"Hat sich die Krankheit im Innenhof ebenfalls entwickeln können, weil es hier windstill ist...?!", sprudelt es mir hervor und ich versickere Wort um Wort in einem Sog von zerrieselnden Überlegungen, "Ist der Innenhof womöglich kontaminiert und allein das Haupttor hat uns davor beschützt, habe ich mit meiner egoistischen Absicht unser Glück verdammt...?! Wie werde ich ihm im Tod bloss in die Augen schauen können, oder müssen wir vielleicht überhaupt nicht sterben und ich kann meinen Fehler doch noch korrigieren...?!"
Ohne konkret gefassten Beschluss stolpere ich Richtung Haupttor.
Gedanklich führe ich das ausschweifende Kesseltreiben eifrig fort, indem ich mich frage, ob es denkbar ist, dass der Eingang zum Kloster bereits seit Jahren offensteht. Wenn dem so ist, dann ist es vielleicht ebenfalls denkbar, dass die Krankheit längst aus den Gemächern und weg von diesem Land getrieben worden ist. *Auch wenn im Innenhof kein Lüftlein weht*, denke ich bei mir, *Er ist unter offenem Himmel gelegen, das muss die Luft bestimmt gelockert haben...!?* Vielleicht ist es sogar so, dass die Krankheit niemals in das Kloster abgeschotten worden ist, vielleicht ist sie auf dem ganzen Land durchgehend präsent gewesen und der Grund, weshalb einzig du und ich überlebt haben, ist eine Immunität, die wir entwickelt haben!
"Dilara...?"
Ich halte ein und schnurstracks sind meine Gedanken allesamt gleichgesetzt. Entgegen einer jeden Erwartung steigst du auf der anderen Seite der Schwelle die Stufen zu mir empor. Wie fürchterlich fassungslos ich in meinem unmaskierten Zustand von Panik dreinschauen muss, als du dich vor mir aufrichtest. Wie fürchterlich enttäuscht du sein musst. Davor. Davor habe ich am allermeisten Angst.
"Es tut mir leid...!", ersuche ich dich betroffen. Ich kann nur beten, dass du mir vergibst. Ich kann nur beten und sollte ich auch die Tore der Hölle aufgeschlagen haben, ich würde es erdulden und die zu Asche verbrannte Welt auf meinem Haupt herniederschneien lassen, so lange du mir vergibst und mich nicht alleine lässt.
Du siehst aus stillen Augen über mein gesenktes Haupt hinweg, als ich drohe, vorneüber auf die Knie zu stürzen, und packst mich mit einem sofortigen Schritt über die Schwelle und her zu mir.
"Dilara, alles ist in Ordnung...", flüsterst du, als du mich fest in die Arme nimmst, "Alles ist gut, du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden uns davon nicht unterkriegen lassen, denn alles ist in Ordnung, Dilara." 

Aus der Distanz gelangt dein Wort an mich. Aus der Distanz. Ich habe meine Arme um dich fassen wollen, wie bist auch du mir mit einem Mal entrückt?
"Dilara."
Während du mit deinem Wort an mich gelangst, gelange ich kaum mehr zu Atem. Aller Nebel ist durchbrochen, doch nicht von der ersuchten Dämmerung, sondern von einer Dunkelheit, die ich mir in keiner Nacht je hätte erträumen können. Es ist mir, als hätte ich nicht nur vergessen, sondern unwiederbringlich verloren. Wie sich diese erstickende Empfindung um mein Herz krallt!
"Dilara!"
Mit nach Atem ringendem Aufschrei stosse ich instinktiv deinen Namen aus, um dich zu finden, doch verheddert er sich in meiner Zunge. Die Dunkelheit dringt mit sofortiger Wirkung in meinen aufgerissenen Mund ein, mit gleichermassen aufgerissenen Augen fasse ich mir an die Kehle, verzweifelt treibe ich mich vorwärts, zu deinem theoretischen Standort, aber umschlossen von der Ausweglosigkeit komme ich kaum vom Fleck, als würde sich der Raum höchstselbst gegen mich stemmen.
Ich falle. Sinke nieder, dem schwarzen Grund entgegen, während ich meinen finalen Atemzug tue, durchsichtige und somit kaum sichtbare Luftblasen in die schwerwiegenden Fluten verlierend.
"Dilara!!"
Automatisch ramme ich meine Ferse gegen den Fussboden, auf dem ich mich aufrecht im Türrahmen und dich im Wohnzimmer neben dem zerschlagenen Mobiliar kauernd finde. Aufgerüttelt und weiss wie der unbefahrene Schnee stiere ich auf dich hinab. Ich erinnere mich hieran. Es ist meine früheste Erinnerung.
"Ist alles in Ordnung, Herr?", erkundige ich mich, weil es so gewesen ist.
Du verstummst und durchbrichst mit verloschenen Augen den Wellengang deines Schopfes. Einem wilden Getier gleichgestellt nimmst du mich allein mit deinen begierigen Blicken aus, ehe du dich vom Boden der Tatsachen erhebst und dir an das Gesicht greifst. Tränen quellen zwischen den Fingern hervor. 
"Herr, ist alles in Ordnung?", wiederhole ich, worauf du schwankend zu mir aufschliesst. Aus zerweintem Angesicht sprichst du Bände, die ich nicht lesen kann, während du nun an das meine Gesicht greifst und vorsichtig meine unterkühlten Wangen berührst. Du streichst darüber, ehe du mich überglücklich und hemmungslos weinend in deine Arme nimmst.
"Herr", japse ich überfordert von den Emotionen und du unterbindest jegliche Frage, indem du freudig verkündest, dass jetzt alles wieder in Ordnung ist. 
"A-Aber du musst dich achten", flüsterst du, mich an die Hand nehmend, "Hat sich dein Körper bereits von den Strapazen erholt? Du musst dich achten, dein Körper ist doch so gebrechlich, Dilara." Verwundert nehme ich dich in Augenschein. Du nickst mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen und bestätigst, dass ich diejenige bin, die gemeint ist. Dass das der meine Name ist.
"D-Du hast dein Gedächtnis verloren, aber wie glücklich ich bin, dass du überlebt hast!", freust du dich, "Freya sei Dank, beinahe hätte ich dich nicht mehr aus den Fluten ziehen können!"

edited on 14.03.2019, 19:28 by Der Herr Koi
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03 – Ein grässlicher Sturm21. March 2019

Abermalig reisse ich die Augen auf und sodann starre ich unverwandt in die deinen, die mir einen blutunterlaufenen Spiegel vorhalten. Ich erschrecke fürchterlich, weswegen du dich von mir erhebst…

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