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03 – Ein grässlicher Sturm
21. March 2019

Abermalig reisse ich die Augen auf und sodann starre ich unverwandt in die deinen, die mir einen blutunterlaufenen Spiegel vorhalten. Ich erschrecke fürchterlich, weswegen du dich von mir erhebst, um dich neben mir auf die Bettkante zu setzen.
"...ist alles in Ordnung?", erkundigst du dich. Erst bist du abgewandt, dann lugst du dir verstohlen über die Schulter, um dich zu vergewissern und mir anzusehen, dass ich sichtlich aufgewühlt bin.
"Ich muss einen Albtraum gelitten haben, ich fühle mich noch tausendfach schwerer als an anderen Morgen", versuche ich, mich dir und mir gegenüber zu erklären, aber anstatt mich darauf zu stürzen, dass ich meine früheste Erinnerung gesehen habe, erinnere ich mich daran, dass wir zuletzt beim Kloster gestanden haben. Dennoch kommen mir die Ereignisse beim Kloster derart distanziert vor, dass ich dazu neige, sie als den eigentlichen Traum abzutun. Betroffen lange ich mir an den Kopf.
Betroffen will ich mir an den Kopf langen. Ich bewerkstellige es nicht. Ich bewerkstellige es nicht, meinen Arm zu heben. Irritiert hebe ich mit der linken Hand die Bettdecke empor und wie ich feststellen muss, ist mein rechter Arm bis hoch zur Schulter einbandagiert.
"Dein rechter Arm ist mehrfach gebrochen", lieferst du den Hintergrund ganz unverblümt, "Du erinnerst dich mit Sicherheit an unsere Begegnung beim Kloster. Ich muss ehrlich sein, Dilara, ich darf nicht verschweigen, dass ich enttäuscht gewesen bin. Aber als du zusammengebrochen und durch die Krankheit in schlimme Fieberträume getrieben worden bist, hat meine Sorge überwogen und ich bin zuversichtlich, dass an Fehlern zu wachsen ist. Dafür bitte ich jedoch auch dich, nicht ungesagt zu belassen, was dich beschäftigt."
Kein Laut will mir entfliehen. Ich bin vollends mit mir beschäftigt, aber nicht, weil ich wie gehabt zu beklagen gedenke, dass ich nichts zu sagen habe, sondern weil ich beginne, zu verstehen, dass es nicht darum geht, zu teilen, was ich erlebt habe. Allabendlich erzählst du von deinen abenteuerlichen Fahrten auf hoher See. Das tust du keineswegs, weil es dich beschäftigt. 
Ich beginne, zu verstehen, dass du das, was du von mir verlangst, noch nie selber getan hast. Nie hast du dich mir geöffnet. Immer hast du einzig von Stunden berichtet, die längst vergangen sind. Die an mir vorübergezogen sind. Aber böse sein, ja, böse sein kann ich dir unter keinen Umständen. Dir zuzuhören und an deinen Geschichten teilzuhaben, beseelt mich in unbeschreiblichem Ausmass. Trotzdem. Ich kann nicht zurückkehren und es weiterhin dabei belassen. Auch ich will Geschichte schreiben, das darfst du mir nicht übel nehmen. Dafür habe auch ich ehrlich zu sein. Wenn ich dadurch in dich eindringen kann, um deiner Federführung folgen zu können, dann soll es mir dienlich sein.
Im Ziel, mich an deinen erstmalig mir zugewandten Rücken zu richten, um mich zu entschuldigen und zu erfragen, wie es dir geht, wird mir plötzlich bewusst, in welchem Zustand das Schlafzimmer zugegen ist. Nur meine Bettstatt ist unberührt, abgesehen davon weisen die Möbel beachtliche Schäden auf. Schäden, die zwar behelfsmässig repariert worden sind, die mir jedoch gänzlich fremd sind. Eine der Fassaden ist offensichtlich mit heilloser Gewalt durchstossen worden, allein simple Bretter schützen das Zimmer vor der Brise.
"Letzte Nacht hat ein grässlicher Sturm getobt", zeigst du auf, als du bemerkst, wie schockiert ich bin, "Da wird es gut gewesen sein, dass du so tief geschlafen hast." Wortlos schweife ich zu dir zurück und du führst aus: "Vielleicht ist es auch die Medizin gewesen. Ich meine, du hast auch nicht vernommen, wie ich die Reparaturen vorgenommen habe, oder wie du dich in deinem Fieber wie ein entfesseltes Biest aufgeführt hast. Ich werde mich um die Reparaturen am restlichen Haus kümmern, sobald ich heute Abend heimkehre."
Du erhebst dich, bevor du aber von mir ablassen kannst, realisierst du, wie ich meine Hand nach dir ausgestreckt habe. Ich habe bemerkt, dass drüben eine köstliche Mahlzeit auf mich wartet. Es wird mir gut tun, mir nach meiner Krankheit mal wieder den Magen vollzuschlagen. Das wird helfen, um wieder zu Kräften zu kommen. Und danach werde ich mir erstmal den Kopf lüften gehen. Das klingt nach einem ganz einleuchtenden Plan.
"Wie gesagt", unterbrichst du mir nichts, dir nichts meine Schmiedekunst, "Um die Reparaturen am restlichen Haus werde ich mich heute Abend kümmern. Wir essen hier. Zumal auch deine beiden Beine gebrochen sind, da bewegst du dich besser nicht aus dem Bett. Ich habe schon Panik gehabt, umso dankbarer bin ich, dass du zu mir zurückgekehrt bist."

Zugegebenermassen bin ich verwundert ob der Tatsache, dass du dich mit unkomplizierten Fischrollen zufriedengibst, es ist mir ein wenig, als hättest du dich auf eine einzige Farbe von deiner Palette beschränkt. Aber die mit Angelschnur zusammengeschnürten Päckchen strahlen einen Intensität aus, die den eigenwilligen und zeitgleich fesselnden Eindruck eines Vulkankegels vermittelt, der sich nichts weiter mehr gefallen lassen und in einer feurigen Explosion aufgehen will. In diesen Päckchen, die über offenem Feuer gebraten worden sind, hast du einen Geschmack versiegelt, der sich auf der Zunge explosionsartig entfaltet. Keine Kombination von Speisen hätte den Geschmack des Fisches besser zur Geltung bringen können.
"Es schmeckt wundervoll", schweife ich von der Holzplatte vor mir nach nebenan, wo du auf einem Schemel eine der Rollen verspeist, "Dieser Geschmack wird mich noch um den Verstand bringen, wenn ich mich ihm weiter hingebe. Du hast einen guten Fang gemacht, Hlynur, das ist nicht Lachs, nicht wahr?" - "Die Lachse in diesen Gewässern sind zu klein, um uns für einen längeren Zeitraum zu versorgen, deshalb habe ich auf einen Mondfisch zurückgegriffen", antwortest du nebenbei, "Ich habe nicht mehr täglich auf das Meer hinausfahren können, weil ich an deiner Seite habe wachen müssen. Aber auch ein Ungetüm wie ein Mondfisch neigt sich einmal dem Ende und dir geht es heute besser, ich werde also wieder Lachse fangen können."
Die dichten schwarzen Ringe um deine nicht erwidernden Augen unterstreichen meine innere Frage nach der Dauer meiner Krankheit.
"Du missverstehst", murmle ich erleichtert, "Der Mondfisch schmeckt herrlich. Du solltest öfters einen grossen Fang machen. Dann können wir einmal einen Tag zusammen verbringen." - "Du weisst, dass das nicht denkbar ist", tilgst du alle Hoffnung aus dem Augenblick, "Du weisst, wie schwierig es ist, in diesen Gewässern einen ordentlichen Fang zu machen. Freya sei Dank tummeln sich die Lachse da draussen wie die potenziellen Fehlentscheidungen, da kann eine Fahrt fast nur von Erfolg gekrönt sein, sei es auch der kleinstmögliche Erfolg. Was darüber hinaus geht, ist ein Wunder, ein Geschenk, das nicht als selbstverständlich zu erachten ist."
Nebenbei lässt du dir die letzte Rolle Mondfisch munden.
Im Versuch, meine grundlegende Enttäuschung zu verbergen, ist mir hauptsächlich dein Dank an Freya hängengeblieben. Persönlich habe ich keinerlei Verbindung zu einer Gottheit, vielleicht habe ich sie auch lediglich nicht mehr, doch mir ist bekannt, dass Freya auf diesem Eiland lobbesungen worden ist, in erster Linie ist sie im Kloster verehrt worden und auch du betrachtest sie als eine nicht greifbare Entität, nach der du mehr als nur nebenbei ausrufst. Innerhalb meiner frühesten Erinnerung hast du mit geballter Emotion nach ihr ausgerufen. Gemeinsam mit der Aussage, dass du mich beinahe nicht mehr hättest aus den Fluten ziehen können.
"Kann ich einmal mit dir auf das Meer hinausfahren?"
Eine langatmige Atempause setzt ein. Mit der Unrast hinter den Augen betrachte ich dich erwartungsvoll. Dann erwiderst du endlich meine Aufmerksamkeit, ehe du über die Bettdecke wanderst und meinst: "Das kann in deinem Zustand nicht funktionieren."
"Ich werde genesen", werfe ich durch die infolge des schwachen Argumentes lose zusammengelegten Zähne zurück, nachdem ich es habe sacken lassen. Ich atme die sich anbahnende Aufregung aus und füge gefasster hinzu: "Dann können wir einmal einen Tag zusammen verbringen." - "Ich bin kein Medikus und die Mittel auf dieser Insel sind beschränkt", entgegnest du stumpf, "Du wirst sicher genesen, aber dafür musst du dich schonen und auch dann ist davon auszugehen, dass es eine lange Zeit beanspruchen wird."
Der Frage auszuweichen, das ist keine Antwort.
Ich verstehe nicht, weshalb du nicht formulierst, wie gefährlich eine solche Fahrt sein kann.
Solltest du formulieren, wie gefährlich eine solche Fahrt sein kann, dann werde ich darauf eingehen und betonen, dass du dieses Mal mitdabei sein würdest.
Ich werde betonen, dass du dieses Mal mitdabei sein würdest und es etwas anderes wäre als damals, als ich allein hinausgefahren und in die Fluten gestürzt bin, aus denen du mich gezogen hast.
Du hast mich aus den Fluten gezogen, weil ich allein hinausgefahren bin nach einem Streit bezüglich unseres Schicksales auf dieser nunmehr namenlosen Insel.
Ich komme nicht dazu, es zu thematisieren, denn du fokussierst dich auf das, was mich an Land behält und für eine lange Zeit an Land behalten wird.
Ich komme nicht dazu, es in der Form zu thematisieren, die ich angedacht hatte.
"Die potenziellen Fehlentscheidungen", greife ich auf, "Können sie da draussen nicht auch dir zum Verhängnis werden?"
"Du hast dich schon einmal um mein Wohl gesorgt", musterst du mich nachdenklich, um dann meine Hand zu nehmen und ruhig hervorzuheben: "Du weisst, dass ich immer heimkehren werde. Die Fluten können noch so mächtig sein, ich bin mächtiger. Da draussen kann nichts unvorhergesehenes geschehen, es ist tausendfach wahrscheinlicher, dass an Land etwas unvorhergesehenes geschieht."
Mit dem Versprechen, mir des abends von der Schlacht mit dem Mondfisch zu erzählen, kümmerst du dich um die Küche, bevor du dich allmählich daran machst, aufzubrechen.

edited on 21.03.2019, 18:45 by Der Herr Koi
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04 – Im verstohlenen Schein des Mondes28. March 2019

Trunken von der vorherrschenden Reizlosigkeit glaube ich, in die Laken abzusacken. Die Brandung meiner gebrochenen Glieder bricht die Gischt und von der Klippe sehe ich mich ertrinken. Ich…

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