Story-Block

Go to the prequel of this Story Block
04 – Im verstohlenen Schein des Mondes
28. March 2019

Trunken von der vorherrschenden Reizlosigkeit glaube ich, in die Laken abzusacken. Die Brandung meiner gebrochenen Glieder bricht die Gischt und von der Klippe sehe ich mich ertrinken. Ich vergesse fast, nach Luft zu schnappen, derart gegenwärtig ist der näherrückende Abgrund vor meinen Augen.
Die behelfsmässig reparierte Zerstörung im Zimmer fällt in meinen Blickwinkel und ich werfe mein Augenmerk nach ihr aus. Es erscheint mir keineswegs seltsam, dass ich nichts von ihrer Entstehung oder von den anderweitigen Ereignissen während meiner Krankheit mitbekommen habe. Ich habe nunmal einen tiefen Schlaf.
Dass ich mich wie ein Biest verhalten habe, kann ich mir nicht vorstellen bei meiner schwächlichen Natur. Aber es gibt zu vieles, das hinter meinen Horizonten verborgen liegt. Vieles, das für mich nicht greifbar ist. Das mir aufzeigt, dass ich mich an kaum etwas erinnern kann. An irgendetwas von dieser Insel.
Du hast mir vieles erzählt. Kennengelernt haben wir uns im jungen Kindheitsalter. Unsere Familien haben in der Berufung des Gemüseanbaus konkurriert, während wir uns zwischen den Kürbissen über die Geschichten, die wir uns zu erzählen gehabt haben, amüsiert haben. Die wir uns zu erzählen gehabt haben, einander.
Wie das mehrheitliche Volk haben wir eine Familie in der Fischersgemeinde gegründet und du bist ein meisterlicher Fischer geworden, während ich mich um die Haushaltung gekümmert habe, um dich Zuhause willkommen zu heissen, wenn du des abends heimkehrst und dich zu uns an den Essenstisch setzt, um uns von deiner Fahrt zu erzählen, uns, mir und unserem Sohn Ingvar, der der Krankheit zum Opfer gefallen ist wie die meisten Menschen hier. 
Unser Sohn Ingvar ist tot und ich habe dich schon unzählige Male weinen sehen, aber es ist mir unmöglich, das Gefühl der Trauer nachzuvollziehen. Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an nichts, das sich vor meinem Unglück vor rund zwei Jahren zugetragen hat, ganz gleich wie realistisch du das Bild der Vergangenheit auch zu illustrieren vermagst.
Du bist ein wundervoller Vater gewesen. Obschon Ingvar ein Priester und kein Fischersmann hat werden wollen, hast du ihn unterstützt. Die Berufung eines Priesters ist eine angesehene Rolle im praktizierten Inselglauben der Freyheit gewesen, aber Ingvar hat sie nicht deshalb verfolgen wollen. Er hat sie verfolgen wollen, um seine Eltern zu unterstützen. Er ist ein wundervoller Sohn gewesen.
Für Männer ist es leider nicht im Bereich des Möglichen gewesen, ein Priester zu werden. Mönch hätte er werden können, oder ein Gelehrter vielleicht, aber um Freya's Willen zu empfangen, haben allein Frauen gedient. Es hat lediglich Priesterinnen gegeben.
Du hattest ihn tatkräftig unterstützt und ihm die Hindernisse aufgezeigt, die ihm im Weg gestanden hatten und die er niederzuringen gehabt hatte. Du hattest seinen Erfolg kaum erwarten können und wie du mir aufgelöst zu erzählen gehabt hast, hattest du ihm versprochen, ihn einmal auf einen Ausflug hinaus auf den weiten Ozean zu nehmen, damit er sehen kann, was ihm entgangen ist.
Ich beisse die Zähne zusammen.
Ich habe mich zweimalig wissentlich einer Bedrohung ausgeliefert. Zweimalig hast du mich jetzt schon gerettet, aber wonach ich letzten Endes frage, ist nicht eine Zukunft, in der ich meine Lektion gelernt habe. Ich frage mich, was das für eine Krankheit ist, die mich von einer Sekunde zur nächsten umgehauen und dich verschont hat. Immer diese Fragen nach dem, was sich ausserhalb meiner Reichweite ereignet hat. Immer diese Fragen. Zu gerne will ich ihnen entkommen können. Aus ihrem Einflussgebiet. Aus dem Einfluss der Ungewissheit. Um das Glück unserer Liebe auszukosten.
Du weisst es nur zu gut. Ich bin niemand, der sich mit den Antworten zufriedengibt. Ich kann dich alles fragen und ich glaube deinem Wort, bist du doch derjenige, der mich in der Ungewissheit aufrecht hält. Dennoch brodelt unter meiner Brust die Empfindung, dass da noch mehr ist. Dass da noch so viel mehr ist. Mindestens ein zweiter Stützpfeiler kann doch nicht zu viel verlangt sein, aber es gibt nicht mehr. Es gibt nicht mehr als dich.
Weil meine Geschichte nicht greifbar ist, drängt es mich, eine neue Geschichte zu schreiben. Ich habe gelebt und wir haben uns gegenseitig viel zu erzählen gehabt. Während du weitergegangen bist, habe ich die Fähigkeit verloren, mehr zu tun, als dir zuzuhören. Dass mich das plagt, weisst du nur zu gut.
Weil es mich plagt, hast du dein Tempo an meines angepasst. Du gehst an meiner Seite, weil es mich plagt. Ich kann bloss mutmassen. Aber deshalb bist du wohl beim Kloster aufgetaucht, nachdem ich mich gegen dein Wort gestellt hatte, um es aufzusuchen. Du hattest beim Morgenmahl bemerkt, wie ich mich erneut mit dem alten Thema beschäftige. 
Ich bin schon immer neugierig gegenüber dem gewesen, was sich ausserhalb meiner Reichweite ereignet. Selbstverständlich habe ich die Wohnung längst nach Anhaltspunkten zu der Zeit vor meinem Unglück durchsucht, das habe ich sogar öfters getan, weil ich nicht sicher gewesen bin, ob ich nicht doch etwas übersehen habe. Aber einmal hast du mich dabei ertappt. "Was machst du denn für eine Unordnung?", hast du gefragt, du hast dich zu mir gesetzt und mir geholfen, wieder aufzuräumen. Deine helfende Hand ist alles gewesen, was ich gefunden habe.
Du bist nicht wirklich hinausgefahren, nachdem ich beschlossen hatte, das Kloster aufzusuchen. Du liest mich wie ein offenes Buch. Mit Sicherheit wirst du auch heute vorsichtig sein. Wobei. In meinem Zustand kann ich ohnehin nichts anstellen.
Ein unbestimmtes Gefühl von Bedrängtheit setzt sich mir auf die Brust und ich sehe dich an meiner Seite wachen. Deine blutunterlaufenen Augen. Abgewandt, dann plötzlich herüberschnellend, mich geradezu durchbohrend. Es ist nichts weiter als meine Einbildung, aber ich kann deinen Augen nicht entkommen, aufgewühlt schaue ich mich um, doch du hast dich erhoben, stierst auf meinen liegenden Körper hinab. Die Gischt ergiest sich über meine dem Sturm und Wetter ausgelieferten Gestade, von denen ich in dir ertrinke. Die Luft wird schlagartig abgeschnürt und der Abgrund öffnet um mich seinen Schlund, in dem mein Fokus unabhängig von meinen Befreiungsversuchen gefangen ist.
Der Garten! Mit weit aufgerissenen Augen stiere ich zum Fenster. "Ich habe mich nicht um meinen Garten kümmern können...!", plätschert es aus mir hervor. Ich bin lange krank gewesen, ich hoffe inständig, dass er meine Abwesenheit überstanden hat. Ich hoffe inständig, dass es ihm gut geht.

edited on 28.03.2019, 20:09 by Der Herr Koi
Collected Steps:
Step
2
Add to favorites
0
Walked paths
04 – Im verstohlenen Schein des Mondes 0207. April 2019

Wie sich am Abend herausstellt, geht es dem Garten gut. Während der schwierigen Zeit hast du dich zusätzlich zur restlichen Arbeit auch um ihn gekümmert. Du hast nicht allein über mich gewacht. Du…

Most walked path with2 steps

Comments