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04 – Im verstohlenen Schein des Mondes 02
07. April 2019

Wie sich am Abend herausstellt, geht es dem Garten gut. Während der schwierigen Zeit hast du dich zusätzlich zur restlichen Arbeit auch um ihn gekümmert. Du hast nicht allein über mich gewacht. Du hast die Pflichten ausnahmslos gestemmt. Du hast alles im Griff.
"Er liegt dir am Herzen und er bringt Abwechslung in unsere Ernährung", ist dir bewusst, auch wenn du zugeben musst, dass du kein Händchen für Gartenarbeit hast, weshalb sich die Ernte unverhofft mager gestaltet hat. "Ich kann deine Genesung kaum erwarten, dann wird alles wieder im Lot sein. Wenn du wieder deiner Beschäftigung nachgehen kannst, wirst du endlich aus diesen langweiligen vier Wänden befreit sein." Und ich kann es kaum erwarten, mir vom Garten ein Bild zu machen und mich zu vergewissern.
Gleichzeitig mit der Zubereitung des Abendessens machst du dich daran, einige Reparaturen in den anderen Räumlichkeiten voranzutreiben, und als du dich auf den Schemel neben meinem Bett setzt und die letzten Vorräte des Mondfisches geräuchert und mit einem frischen Algensalat servierst, was mich infolge des delikaten Geruches daran zweifeln lässt, dass ich keinerlei Verbindung zu einer Gottheit habe, erhasche ich mehr als mich in deinen Augen. Einen Glanz, der mir früher noch wolkenverhangen erschienen ist. Mir ist nicht bewusst gewesen, dass ich ihn vermisst habe. Du machst einen energiegeladenen Eindruck. Die Wiederaufnahme der Fischerei muss dir eine Wohltat sein.
"Geht es dir schon besser?", erkundigst du dich und bedächtig musterst du das Lächeln, das sich auf meine Lippen geschlichen hat.
Besser geht es mir nicht, zumindest nicht physisch. Aber ich fühle mich besser. Gleich viel besser, wenn du dich vor mir nicht verschliesst.
"Deine Schlacht mit dem Mondfisch", beginne ich, den geräucherten Fisch mit freudiger Miene in Angriff nehmend, "Wie hat sie sich zugetragen?"
Mich am Fisch labend, lausche ich deiner Erzählung. Als ich zu einer späten Stunde zur Ruhe gekommen bin, hast du dich aufgemacht, um die Vorräte aufzufüllen. "Der Mond hat sich ob der aufkommenden Dunkelheit ein spöttisches Grinsen von den Lippen gerungen und ich habe ihn verflucht, aber nicht weil sein Spott berechtigt gewesen ist, sondern weil der verfluchte Kerl sich nicht getraut hat, mir in die Augen zu schauen und zu versuchen, mir von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass ich nur mit leeren Händen heimkehren kann. Ich habe ihm die Stirn geboten und ihn herausgefordert, er solle gerne versuchen, an meinen Fähigkeiten zu zweifeln, da ist plötzlich das Boot durchgeschüttelt worden; ich habe mich selbstredend sofort daran gemacht, die Kontrolle über die Situation zu gewinnen und mir eine Übersicht über sie zu verschaffen, aber als die unbekannte Kraft immer und immer wieder gegen das Boot gestossen hat, ist der Wellengang nicht einfach gewesen. Ich habe direkt hinabschauen müssen, um dem grienenden Mond wenigstens einen Blick in die Fluten abzugewinnen, worauf der Himmel unter mir die Augen geöffnet hat. Ein Ungetüm, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, ist mit jeder Welle gegen den Boden gedonnert und im verstohlenen Schein des Mondes hat es sich mir klar eröffnet. Ich habe es unbedingt fangen wollen, um über dich wachen zu können, aber es ist so monströs gewesen, dass es offensichtlich geworden ist, dass Angel und Netze in keiner Form von Nutzen sein können. Doch ich habe die einzelnen Aufschläge erwarten und verfolgen können, davor und danach habe ich erzwungenermassen nach ihm Ausschau halten müssen, als hätte es für mich nichts anderes mehr gegeben und als hätte ich mich zu ihm stürzen müssen, um der himmlischen Allgewalt zu widersprechen. Das jedoch hätte einerseits aufgegeben, was für meine Fähigkeiten spricht, und andererseits den Spott, gegen den ich mich erhoben hatte, berechtigt. Also habe ich nach dem Spiess gegriffen, mit dem ich gewöhnlich die Biester erlege, die mich attackieren und die sich nicht zur Verspeisung eignen. Dieses Biest aber, das habe ich um jeden Preis erlegen und verarbeiten wollen, es war wohl bereits so etwas wie eine persönliche Angelegenheit geworden. Ich habe nicht gewusst, wie viele Schläge das Boot noch erdulden würde, also habe ich mich mit dem Spiess hingesetzt, um meinen Stand zu sichern. Eine Hand habe ich zur Faust geballt und so hat sich meine Konzentration auf die Wellen gestürzt. Welle für Welle, Schlag um Schlag, jedes Wogen und jede Erschütterung hat sich sodann in der Faust widergespiegelt, über die meine Konzentration auf- und niedergesunken und zwischen deren Knöcheln sie hin- und hergeworfen worden ist. Es hat keine 10 Minuten gedauert, um den Rhythmus der Wellen zu ermitteln und einen Einblick in das Ungetüm wie auch in seine Wellenritte zu gewinnen. Folgerichtig habe ich seine nächste Attacke weitaus mehr als bloss erwarten können; als mich die nächste Welle höhergehievt hat, habe ich seine exakte Position definieren können und noch bevor der Himmel in einem nächsten Anfall von Gelächter seine Augen aufgerissen hat, habe ich meine Faust zu der definierten Position umherfahren lassen, um den Spiess über sie hinwegzuschiessen. Da ist das Ungetüm auch schon aufgetaucht und mit meiner eigenen persönlichen Gewalt habe ich ihm den Spiess durch das Auge und in das Fischgehirn feuern können. Als der Pechvogel, der ich nunmal bin, bin ich dann aber auf ihm aufgelaufen und als ich mich erhoben hatte, um mich an die Arbeit zu machen, hat sich in tiefer Trauer ein heftiger Regenschauer angekündigt. Die Tölpel haben wohl geglaubt, dass mich ein solcher Ausbruch überwältigen kann, nun, sollen sie spotten, sollen sie trauern, sollen sie mir die ganzen Biester entgegenschmeissen, die sich da draussen noch sicher fühlen, sollen sie das nur tun, gegen mich und mein Handwerk können sie nicht ankommen, es wäre wirklich intelligenter für sie, mir überhaupt nicht erst unter die Augen zu kommen."
Eingenommen von der Erzählung habe ich aufgehört, das Mahl fortzusetzen.
Du setzt dein Mahl fort, wirfst mir einen kurzen Blick zu, und machst mich darauf aufmerksam, dass das Essen kalt wird. Wie wahr, das wäre tatsächlich schade, dann wäre dein Kampf umsonst gewesen.
"Ich will alsbald auch das meine Handwerk wieder aufnehmen", bringe ich auf. Wenn die Wiederaufnahme der deinen dir so viel gebracht hat, dann bin ich überzeugt, dass die Wiederaufnahme der meinen mir ebenfalls viel bringen wird. "Auch wenn es vorerst bei einem Ansatz bleibt, mit einer Gehhilfe kann es bestimmt zeitnah funktionieren."
"Deine beiden Beine sind gebrochen", entgegnest du, wobei du über meine Beine wieder zu deinem Teller schweifst, "Das darfst du nicht unterschätzen." - "Ich bin zuversichtlich, dass du eine geeignete Gehhilfe schustern kannst", hebe ich hervor, dich fixierend, "Und wenn du täglich hinausfahren musst, dann kannst du dich nicht um den Garten kümmern."
Das Essen unterbrechend, erwiderst du meinen Blick.
"Gedulde dich noch ein wenig", bittest du mich wie im Versprechen, dass die Möglichkeit einkehren wird wie du allabendlich heimkehrst, nachdem ich den Tag erduldet habe. Doch du sprichst mit dem Nachdruck, dessen Aufrichtigkeit ich im Leben nicht hinterfragen kann. "Gedulde dich noch ein wenig, Dilara, zwei, drei Tage mindestens, damit ich die Reparaturen vorantreiben kann. Ich werde jeweils die nötigste Gartenarbeit erledigen, danach schauen wir weiter." Weiter. Immer weiter. Wir gehen aufrecht immer weiter. Aber ich weiss nicht, ob wir vorwärts gehen.
"Möchtest du das noch haben?"
Überrascht schwenke ich beiseite. Du hältst dein letztes Stück Fisch in meine Richtung und ich lehne ab. "Bist du dir sicher?", hakst du nach, "Ab morgen wird es wieder Lachs geben." - "Danke, ich bin mir sicher." Ich nehme deine Gabel und halte sie in deine Richtung. Lege dir das letzte Stück schmunzelnd in den Mund. "Ich habe genug."

bearbeitet am 07.04.2019, 15:22 von Der Herr Koi
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05 – Beweis genug11. April 2019

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