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05 – Beweis genug
11. April 2019

"Guten Morgen", heisst du mich im Tag der Tage willkommen. Heute soll es endlich soweit sein, ich habe mich brav ausgeruht und auch keinerlei Schmerzen zu beklagen gehabt, also willst du dein Versprechen einhalten und mir eine Gehhilfe hinaus aus diesen einengenden vier Wänden schustern.
Aufbegehrend schaue ich dir in das aufgehende Angesicht, als du dich von meiner Stirn erhebst. Der liebenswerte Gruss, mit dem du mich aus dem tiefen Schlummer erhebst, tut jedes Mal auf ein Neues so gut. Es tut so gut, dieses allmorgendliche Zeichen in einen neuen Tag. Auch wenn ich es gegenwärtig als immergleiches Zeichen in den Tag betrachte. Glücklicherweise zeichnet sich eine Entwicklung ab.
Du setzt mich langsam auf, während ich im Versuch, dich zu lesen, die Züge in deinem gezeichneten Angesicht betrachte, ehe ich es angehe und probiere, dir zuvorzukommen und in ihnen Fuss zu fassen: "Hast du einen erholsamen Schlaf gehabt?" - "Nun, ich habe durchaus geschlafen", antwortest du überrascht, "Aber ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich bei diesen nächtlichen Unwettern nicht deinen Schlaf beneide." Vervollständigend: "Es wäre aber auch gelogen, würde ich behaupten, dass ich nicht beruhigt bin, dass du ruhen kannst. Mach dir keine Sorge. Ich bekomme meinen Schlaf, ausserdem erscheint es mir als eine Annehmlichkeit, vor dir aufzuwachen. Dadurch bin ich letztlich im Stande, dir einen angenehmen Start in den Tag zu ermöglichen." Und ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich es nicht schön finde, mit einem Kuss einzuschlafen und mit einem Kuss wieder aufzuwachen. Es ist ein hübscher kleiner Brauch geworden, der mir lieb und teuer ist und der den Bund jedes Mal auf ein Neues beschliesst. Den Bund und auch den Kreis.
"Es ist ein wundervoller Morgen und die Sonne scheint mit satter Kelle", machst du mir die vermisste frische Luft schmackhaft, wobei du dich daran machst, das Essen zu servieren und es dir bei mir gemütlich zu machen, "Du musst schon ganz rastlos sein. Ich habe es bewerkstelligt, eine Gehhilfe herzustellen, damit du die Arbeit in deinem Garten wieder aufnehmen kannst." - "Und ich habe es bewerkstelligt, durch das Fenster die Stauden zu erschielen, ich habe keine böse, aber eine befremdliche Vorahnung", entgegne ich trocken, worauf du hellauf auflachst: "Ich habe doch gesagt, du wirst gebraucht!"
Bei der Gehhilfe handelt es sich um eine hölzerne Konstruktion, die um meine Beine gefasst wird. Sie wird durch die Bewegungen meines linken Armes manövriert, mit dem ich ebenfalls in ein entsprechendes Exoskelett schlüpfen kann. Die Bewegungen des Armes werden dadurch über Schnüre und Hebel auf meine Beine transferiert, die sich in ihrer Fassung zwar bewegen, aber nicht selber zu stehen oder gehen haben.
Du machst mich darauf aufmerksam, dass die Konstruktion nicht zu überschätzen ist. Dein handwerkliches Genie ist ihr anzusehen, dennoch, sie ist in relativ kurzer Zeit aus dem Boden gestampft worden, weshalb unnötige Belastungen vermieden werden sollten. 
Mit abschliessenden Instruktionen und gedrückten Daumen hast du dich alsbald wieder auf den Weg zu deinem Boot gemacht und in der Zeit, in der du in See gestochen bist, habe ich es nach draussen geschafft. In der schweisstreibenden Plackerei gibt es keinen Moment, in dem ich mir im aus offenem Himmelsblau absteigenden Sonnenschein einen kurzen Augenblick des Genusses zugestehe. Die Hitzeglut unter meiner Brust und die ersuchte Tatsache, dass mein Ziel sich nicht lichter auftun könnte, sind mir Beweis genug für diese schöne Stunde. Zufrieden ob der Entwicklung gelange ich vor das verschlossene Gartentor.
Über das Gatter gelehnt verschaffe ich mir einen Überblick. Was du angerichtet hast, ist nicht allzu tragisch. Nichtsdestotrotz kann ich dir bloss zustimmen. Ein Händchen für Gartenarbeit hast du nicht. Zwischen dem Gemüse wuchert das Unkraut und am Zitronenbaum hängen lediglich zwei Früchte. Die Kürbisse schauen in Ordnung aus, die Beete an sich hingegen machen den Eindruck, als wäre nichteinmal aufgefallen, dass ich zwischen unterschiedlichen Arten Grenzen gesetzt hatte. Kein Wunder, streckt sich der eine oder andere Spross über die abgesteckten Linien.
Ich muss unglaublich lange am Fieber gelitten haben.
Ich schweife hinüber zum Eiland, wo oben das Kloster steht.
Ich kann mich in meiner Verfassung unter keinen Umständen zum Kloster begeben. Einmal davon abgesehen, dass bereits die meisten Stege zwischen den Segmenten infolge ihres Zustandes ein unüberwindbares Hindernis darstellen, verlange ich auch gar nicht danach, mich ein zweites Mal wissentlich der Krankheit auszusetzen. Verleugnen kann ich aber keineswegs, dass ich sie ergründen möchte. Zu allem Überfluss bezweifle ich aber auch, dass du heute, am ersten Tag meiner wiedergewonnenen und theoretischen Freiheit wirklich hinausgefahren bist. Risiken dürfen nicht mehr eingegangen werden, nicht im Namen der Liebe, nicht im Namen der Eigenständigkeit. Das habe ich gelernt.

Mein Vorhaben, mir einen gewissen Freiraum ausserhalb des Gartens zu erarbeiten, einen Freiraum, in dem ich mich bewegen kann, ohne dass du dich zu einem Bündel von Panik verschliesst, findet seine primäre Blüte in meiner Prognose, dass du viel eher als gewöhnlich heimkehren wirst, sollte ich mich von Zuhause entfernen. Wie ich es zuvor gemeistert habe, eine Gehhilfe zu erringen, die du von dir aus nie und nimmer angeboten hättest, so weiss ich nun, wie ich vorzugehen habe, um die fehlenden Alternativen zu mehr Freiraum zu unterstreichen. Ich habe nicht die Absicht, dir eine Wahl zu lassen.
Sichtlich aufgeregt eilst du mir am frühen Nachmittag entgegen. Ich verfolge, wie du vom mitgenommenen Steg zu unserem Segment über die aufgeworfene Erde stolperst und mich bei einer der anderen zerstörten Hütten entdeckst. Im Schneckentempo wende ich mich dir zu und du stellst mich mit sofortiger Wirkung zur Rede: "Was machst du denn hier drüben, du musst doch zu dir Sorge tragen!" - "Ich bin spazieren gegangen." - "Spazieren gegangen!" Der perfekte Punkt, um einzuhaken!
Stutzend realisiere ich deine Fixation auf meinem gebrochenen rechten Arm.
"Dein Arm", flüsterst du wie verwandelt. Beeindruckt. Mein Arm. Ich habe ihn noch nicht ausgespielt. Du hingegen. "Dein Arm, er sieht schon so viel besser aus! Wenn Freya es so will und die Genesung in dieser Geschwindigkeit vorangeht, wirst du hurtig über den Berg sein!"
Begeistert blickst du auf und von irgendwoher dürstet es mich, meine Lider zusammenzupressen. Dieses Gefühl. Ich fühle mich ertappt. Als hättest du mit deiner Hand meinen Augapfel durchstossen und meine Seele aus dem ängstlich erschaudernden Körper gerissen.
"Aber weshalb, weshalb nur bist du spazieren gegangen, hast du denn vergessen, wie es um deinen Körper steht?" - "Ich habe mich gelangweilt", begegne ich dir offen wie eine Kiste, die am Boden zerschellt ist. Ich bemühe mich gleichwohl um ebendiesen Boden, um meine Karte wenigstens noch auszuspielen. "Mit einem Arm allein komme ich in der Gartenarbeit niemals vorwärts. Da habe ich mir die Zeit anderweitig zu vertreiben gehabt." 
"Hat dich der Seegang heimgetrieben?", stosse ich vor, hierauf sogar scherzend: "Oder haben die Fische eingesehen, dass es klüger ist, dir nicht länger unter die Augen zu kommen?" - "Dankenswerterweise nicht, sonst hätten wir zu verhungern, und die Verhältnisse sind ideal", sagst du gelassen, "Da ich jedoch gestern noch an deiner Gehhilfe gearbeitet habe, habe ich weniger Arbeit in die Reparatur des Hauses investieren können, weshalb das heute zusätzlich zur restlichen Arbeit nachgeholt werden muss. Du musst dir deswegen aber keinen Kopf machen, verhungern müssen wir nicht, ich habe infolge der idealen Verhältnisse schon einen für diese Zeitspanne bemerkenswerten Fang gemacht."

edited on 11.04.2019, 19:40 by Der Herr Koi
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06 – Der Haken18. April 2019

Als du mir zu dunkler Stunde süsse Träume wünschst und mich in eine gute Nacht küsst, ahne ich noch nichts vom zwar angekündigten, nun dennoch unverhofft rasch herangerückten Albtraum für mein…

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