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06 – Der Haken
18. April 2019

Als du mir zu dunkler Stunde süsse Träume wünschst und mich in eine gute Nacht küsst, ahne ich noch nichts vom zwar angekündigten, nun dennoch unverhofft rasch herangerückten Albtraum für mein Vorhaben, Freiraum zu erarbeiten. Denn bereits als du mich tags darauf wachküsst, ist mein rechter Arm vollständig genesen. Er ist wieder funktionstüchtig, wie ich irritiert feststelle und du erfreut kommentierst: "Das muss daran liegen, dass er in der Gehhilfe nicht beansprucht worden ist, er hat ruhen können, wie wunderbar!" Von irgendwoher verwundert es mich, dass du nicht ebenfalls sagst, dass durch diese Entwicklung offengelegt worden ist, dass ich die Genesung meiner Beine fördern kann, indem ich eher zurückhaltend von der Gehhilfe Gebrauch mache. Dass ich durch diese Entwicklung jedoch ohnehin nicht zu sehr von der Gehhilfe Gebrauch machen muss. Denn ich habe wieder beide Arme. Ich kann wieder im Garten arbeiten und habe mir die Zeit nimmer anderweitig zu vertreiben.
Worum schliesst sich der Rahmen, wo ist das Ende der Welt, die mir vertraut ist? Selbstverständlich ist da draussen mehr, ausserhalb der vier Wände, ausserhalb des Gartengatters, hinter den Gestaden dieser Insel ohne Namen und ausserhalb der Hand, an die du mich genommen hast. Und selbstverständlich kann ich dich alles fragen, ich kann dich auch nach dem Kosmos da draussen fragen. Aber eine Frage nach etwas zu formulieren, das nicht greifbar ist, übersteigt schlicht und ergreifend meine Vorstellungskraft. Ich muss zuerst innerhalb dieser Welt Fuss fassen. Ich muss mir eigenständig ein Bild von dem machen, was durch den Rahmen umschlossen wird. Du wirst verstehen müssen, dass ich deine Geschichten nicht hinterfrage. Ich glaube lediglich, dass da mehr ist. Zwar auch da draussen, aber insbesondere zu deinen Geschichten.
Die Frage nach dem Hintergrund deiner mehrmaligen verfrühten Rückkehr von der Ausfahrt ist in den Raum zu stellen. Ich bezweifle, dass du auf das offene Meer hinausfährst, ich muss an der Eventualität festhalten, dass du an diesen ersten Tagen meiner wiedergewonnenen und theoretischen Freiheit die Insel im Auge behältst. Dadurch wird mir das Herz aber einzig enger geschnürt. Nicht weil ich eingeschränkt bin. Sondern weil ich folgerichtig ebenfalls zu bezweifeln habe, dass du die Rückkehr mit der ganzen Wahrheit begründet hast. Deine Worte werden dieser sicher auch entsprochen haben. Aber nicht nur. Nicht nur sie.
Wenn meine Mutmassungen korrekt sind, bist du beim Kloster aufgetaucht, weil ich vor deinem Aufbruch zu sehr offenbart hatte, was mich beschäftigt. Wenn das heisst, dass du in der Vergangenheit, wenn ich mich nachdenklich gezeigt habe, immer in der Nähe geblieben bist, um im Fall der Fälle einzugreifen, dann kann das einerseits ein Beweis dafür sein, dass du mir etwas verheimlichst, während es andererseits betont, wie notwendig es ist, dass ich mich zum gegenwärtigen Zeitpunkt füge, um mich in der Zukunft freier bewegen zu können.

"Bitte verheimliche mir nichts und lass mich auf dem Irrweg sein", hauche ich. Es fröstelt mich ein wenig. Klar, heute ist es bewölkt und grau, was die Arbeit nicht sonderlich auszeichnet, aber das ist es nicht. Einsichtig versickert meine Konzentration in der Erde, in der ich die Wurzeln eines Zitronenbaumes freigelegt habe, da ich einen Lausbefall befürchte. Die Erde ist schon eine Weile nicht mehr gelockert worden, aber das ist es nicht. Ich stelle fest, dass für mich kein Zurück existiert. Dass ich mich nur in einer einzigen Sache irre: "Nein, ich will, dass du mir etwas verheimlichst und dass ich richtig liege." Denn wenn du mir nichts verheimlichst, dann wäre deine Enttäuschung berechtigt. Dann wäre es berechtigt, dass du von weit über mir auf mich hinabschaust. Ja. Das ist meine Empfindung. Und alles, was ich will, ist, mich auf deine Augenhöhe zu erheben. Auch wenn es mir glaubhaft erschienen ist. Wir haben uns nie auf Augenhöhe befunden. Also dann. Vorwärts. Immerzu vorwärts.
Ich bemühe mich, die Erde um die Bäume aufzulockern, als mein Finger plötzlich auf etwas spitzes stösst. In aller Vorsicht habe ich meine Hand sofort zurückgezogen, eine Wurzel kann das nämlich nicht gewesen sein. Irgendein übles Ungeziefer sicher genausowenig, sonst wäre es wie ich aus der Berührung zurückgewichen. Ich kann mir nicht ausmalen, was das gewesen sein könnte, weshalb ich neugierig beginne, die Erde darüber aus dem Graben zu wischen. Und einen Angelhaken freizulegen. Einen Angelhaken, der in ein Blatt des Baumes gewickelt und um eine Wurzel geschlungen ist.
"Was hat das zu bedeuten?"
Ich löse den Haken von der Wurzel und entferne das Blatt.
Ich muss ganz schön bedeppert aussehen, wie ich den Haken begutachte. Und ich kann noch nicht einmal etwas ausmachen.
"Was hatte das Ding da unten zu suchen?", frage ich mich verdutzt, worauf ich enttäuscht abschweife. Vielleicht. Vielleicht nicht der Haken. Mit einer ersten Ahnung schnelle ich zum Blatt in meiner anderen Hand. Das macht mich nicht unbedingt schlauer. Fündig hingegen schon. Es ist mit Kohleschrift beschrieben: "Okzipital...?"
'Okzipital' ist kein Wort, das mir geläufig ist. Trotzdem. Es kommt mir bekannt vor. Obschon es mir erscheint, als wäre es in einer fremden Sprache geschrieben, kommt es mir bekannt vor.
Ach richtig, jetzt erinnere ich mich, ich habe es in einem der Bücher im Haus gelesen, als ich das Regal durchforstet habe. Gut, vielleicht habe ich es auch nicht gelesen, aber ich habe fremde und komplexe Wörter wie dieses in einem der Bücher im Haus gelesen.
Wenn ich kurz darüber nachdenke, sollte es auch kein Problem darstellen, wenn ich den Garten verlasse, um der Sache nachzugehen. Ich würde weiterhin in meinem Rahmen agieren. Und gerade dadurch besser vorankommen, als wenn ich ausschere.
Mittels meiner Gehhilfe gelange ich kaum schnell genug nach drinnen. Die Tür verschliesse ich hinter mir, ehe ich das Bücherregal in Angriff nehme. Ich blase einmal in die Runde und den Staub von den Rücken und gehe es an. 'Freyheit'. 'Lexikon der Meeresfische'. Diverse Kochbücher. Und da ist es: 'Der menschliche Körper'. Ja. Aus dem Inhalt dieses Buches beziehungsweise den einzelnen Begriffen habe ich mir nie gross Sinn zusammenreimen können. Abgesehen davon ist es ganz interessant, für einmal befähigt zu sein, einen Blick hinter die eigene Fassade zu werfen.
Ich schlage das Buch auf, blättere angespannt durch die Seiten auf der Suche nach einer Erklärung für den ominösen Begriff. Seite um Seite überfliege ich die Fremde. Bis mir das Bekannte unter die Augen tritt: Der Hinterhauptsmuskel. Es handelt sich um ein Wort im Zusammenhang mit dem Hinterhaupt, unter anderem mit dem Hinterhauptsmuskel, ein Muskel am Hinterkopf.
Sofort stelle ich die Bücher in das Regal zurück, um selber in den Garten zu eilen, damit dir keine ungewöhnliche Abwesenheit auffallen kann. Keine Ahnung, wie weit du vom Land entfernt bist und wie viel du sehen kannst, aber Risiken bleiben Risiken.
Ich falle vor dem kleinen Graben beim Baum auf die Knie und während mich die Schübe eines leichten Windes umgarnen, pusten durch mich stürmende Fragen: Wer und weshalb hat das aufgeschrieben und vergraben? Du bist für den Garten verantwortlich gewesen, während ich krank gewesen bin. Wäre der Haken schon davor vergraben gewesen, so hätte ich ihn bestimmt schon davor entdeckt. Die Erde ist nicht gelockert gewesen. Entweder du hast kein Händchen hierfür oder du hast sie gezielt verdichtet. Ein Haken. Du musst es gewesen sein.
Ich umfasse Haken und Blatt, während ich mit der anderen Hand meinen Hinterkopf abtaste. Die Schrift muss immerhin eine Aussage haben. Willst du mir etwas mitteilen, das du mir nicht einfach so mitteilen kannst? Verheimlichst du mir deshalb etwas, weil du nicht über alles offen mit mir sprechen kannst? Das ist es. Das muss es sein.
Ich ertaste die Position mit der Unterstützung der eingeprägten Illustration, ohne zu wissen, was es zu erwarten gibt. Eine Narbe kann ich mir am ehesten vorstellen, weshalb ich die Position vorsichtig abtaste. Und nichts finde. "Wirklich jetzt", rede ich mir schmunzelnd zu, "Nur keine falsche Scheu." Ich drücke fester. Ertaste sogleich eine weiche Stelle. Seltsam. Als würde etwas fehlen. Als wäre an dieser Stelle normalerweise mehr. Ich drücke noch ein Stückchen fester, stosse auf eine Form von Knoten unter meiner Haut. 
Nein. Ich halte ein. Diese Nachricht. Das kann es nicht sein. Es kann nicht sein, dass sie von dir ist. Letztlich sehe ich keinen Grund, weshalb du nicht über alles offen mit mir sprechen können solltest. Es gibt keinen Grund. Niemanden sonst. Aber es gibt keinen Grund für uns beide. Allerhöchstens könnte ich den Haken im Fieberwahn vergraben haben. Schliesslich scheine ich ordentlich getobt zu haben und ganz ausser mich geraten zu sein, sodass ich mich verletzt habe.
Ich halte nochmals ein, mache noch einen exorbitanteren Schritt in mich hinein. Ich habe mich verletzt. Wie glücklich ich mich schätzen kann, dass du auf mich achtgegeben hast. Wie glücklich ich mich schätzen muss, dass du unverletzt geblieben bist. Du bist unverletzt geblieben.
Das innige Vertrauen ist schon eine grossartige Sache. Ich weiss wirklich nicht, wann wir begonnen haben, wer von uns damit angefangen hat, daran zu rütteln, sodass wir nun die Früchte ernten.
Vorsichtiger. Ich muss noch vorsichtiger sein, wie ich zugeben muss, auf die Unterlippe beissend und die Hand vom Hinterkopf absacken lassend. Es ist mir unbekannt, von wem die Nachricht stammt und ob ihr zu vertrauen ist. Bevor ich der Spur folge, muss ich unbedingt mindestens einen von uns als Absender ausschliessen können. Ich will wissen, woran ich bin, bevor ich der Spur folge. Im Moment sind viel zu viele Fragen offen. Ich könnte mich aufgrund des Knotens ohne Umwege in den Glauben stürzen, dass mir nach wie vor etwas fehlt. Wenn ich jedoch darüber hinwegschaue, erscheint es mir offensichtlich, dass ich Antworten brauche, um zum Beispiel auszuschliessen, dass wir beide einen solchen Knoten haben. Und du bist bekanntlich nicht krank. Aber du gibst mir auch keine nennenswerten Antworten.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss ich mich fügen. Und beobachten. Ich werde im Hinterkopf behalten, was ich erfahren habe, und ich werde Informationen sammeln. Ich habe mich lange genug blind meinem vorbestimmten Weg entlanggestürzt. Es nun in identischer Manier mit einer nicht verständlichen Spur zu tun, wäre tölpelhaft. Überzeugt muss ich von meiner Ausrichtung sein! Bevor ich in die Fremde abschweife, habe ich eindeutig die Augen zu öffnen, um die Richtungen überhaupt zu begreifen. Auch wenn ich dich eventuell konfrontieren muss, um das zu erreichen.
Ich will nichts zerstören. Wenn ich den Knoten zu fest betaste, bringe ich mich schlimmstenfalls in Gefahr. Wenn ich meine Augen nicht öffne, verbleibst bestenfalls du glücklich. "Bitte lass mich nicht zurück", entkommt es mir und ich nehme die Gartenarbeit wieder auf, mit flehentlich zusammengepressten Augen den Haken wieder vergrabend, "Bitte lass mich nicht zurück, sollte ich weitergehen können."

edited on 16.05.2019, 20:27 by Der Herr Koi
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07 – Ich will nicht behaupten, dass ich gestorben bin25. April 2019

Nach erledigter Arbeit und mit Gaumenfreuden belohntem Magen räumst du den Tisch ab, während ich auf meinem Schemel sitzenbleibe und die Gehhilfe daneben begutachte. Draussen schweisst der…

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