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07 – Ich will nicht behaupten, dass ich gestorben bin
25. April 2019

Nach erledigter Arbeit und mit Gaumenfreuden belohntem Magen räumst du den Tisch ab, während ich auf meinem Schemel sitzenbleibe und die Gehhilfe daneben begutachte. Draussen schweisst der Brennpunkt die Wolkenmatte auf, dem Horizont entgegen und ich erhebe mein Haupt im durch die Ritzen stechenden Abendrot: "Du hast die Erde nicht locker gehalten." Grinsend schaust du dir über die Schulter: "Wie du es mir aufgetragen hast." - "Du bist ein Kasper, Hlynur, weisst du das?" - "Ich habe doch gesagt, du wirst gebraucht", zeigst du dich amüsiert, "Wir haben beide unsere Domäne. Der Garten ist die deine und die See die meine." Die grenzenlose See also. Und die Mahlzeitzubereitung. Die Hausarbeit. Die Instandhaltung. Das Geschichtenerzählen und die dabei zahlreich aufgegriffenen Kampfesfähigkeiten, sofern sie nicht allesamt den schmückenden Ergänzungen angehören. Deiner gewaltigen Fantasie entspringen.
"Manchmal verzehrt es mir den Verstand, wenn ich an Ingvar denke", hast du einmal geklagt und ich habe mich neben dich gesetzt, um dir zuzuhören, "Manchmal kann ich nicht nachvollziehen, wie der Teufel mich derart hat ausweiden können." Du hattest sterben wollen, das hast du mit der Hand vor deinem Gesicht berichtet. Du hast berichtet, wie du die Himmel verflucht hattest, die die Katastrophe offengelegt hatten. Wie du danach verlangt hattest, dir die Augen aus den Sockeln zu hauen, um dich der Offenbarung zu entziehen. "Manchmal rede ich mir ein, dass das lediglich eine böse Fantasterei meines durch die Einsamkeit verzehrten Verstandes gewesen ist. Ein Albtraum."
Wie du mir vom Wunsch nach einem Ende berichtet hast, habe ich gelernt, was ein Albtraum ist. Ein Albtraum ist eine alte Fessel und mir ist bewusst, dass ein Traum das makellose Bild ist, das man sich von seiner Zukunft macht.
"Dilara", hast du dich unter Tränen an mich gewandt, "Du weisst gar nicht, wie glücklich ich bin, dass du zu mir zurückgefunden hast. Du bist trotz den schweren Stunden bei mir geblieben und mit dir an meiner Seite kann ich allem trotzen, das sich mir entgegenstellt. Mit dir an meiner Seite werde ich auf ewig aufrecht stehen können, dafür bin ich unendlich dankbar."
"Auch ich bin dankbar", habe ich erwidert, "Du hast mich gerettet. Ich will den Gedanken kaum weiterspinnen und nur froh sein, dass ich überlebt habe." Ich habe dich in die Arme genommen und dich ausweinen lassen, einen konkreten Bezug zu den Tränen habe ich aber nicht aus meinem Gedächtnisverlust bergen können. Die Vergangenheit, an die du gefesselt bist, ich habe keinen Bezug dazu.
"Ich wünschte, ich könnte die Last der Verluste mit dir teilen", habe ich betrübt gesprochen, "Unser Sohn, ich möchte ihn besuchen, ihn immer und immer wieder besuchen, ich möchte zu ihm ebenfalls zurückfinden. Hast du ihn auf dieser Insel bestattet?"
Das hattest du nicht.
Du hattest die Menschen dieser Insel im Verlauf von Wochen auf der See bestattet.
Diese Insel. Ich habe dich schon früh nach ihrem Namen gefragt.
"Ich will nicht behaupten, dass ich gestorben bin", hast du geschildert, "Wäre ich gestorben, hätte ich dich endgültig verloren. Aber ich bin auf alle Fälle wiedergeboren worden. Was gewesen ist, ist nicht mehr. Das ist nicht das nächste Kapitel. Das ist eine ganz andere Geschichte. Auch wenn wir wir sind, das ist ein ganz anderes Leben. Was abgesehen von uns gewesen ist, ist nicht mehr. Lass uns dieses Leben also richtig leben. Lass uns diese Geschichte schreiben, ohne etwas auszulassen. Lass sie uns schreiben, ganz von vorne. Ganz unabhängig davon, welche Leben wir davor geführt haben. Lass uns in diesem Leben einen Namen machen. Und wenn die Zeit gekommen ist, benennen wir auch unsere Heimat."
"Genug herumgealbert", sind wir uns einig, "Es ist schon spät geworden."
Ich lange nach der Gehhilfe, als du herantrittst und mich an deine Brust nimmst, um mich hochzuhieven. Verlegen und mit einem warmen Wohlgefühl auf den Wangen lange ich anstatt nach meiner Gehhilfe nach deiner Brust. Ich lege meine Hand im Griff deiner Arme an den Leinenstoff, von dessen Ausschnitt die Kordeln meine Stirn umstreichen.
Vorsichtig legst du mich in das Bett. Du deckst mich zu und wünschst süsse Träume, auch wenn ich höchstwahrscheinlich wie gehabt einen tiefen Schlaf haben werde. Wenigstens muss ich dadurch keinen Albtraum leiden.
"Hab einen erholsamen Schlaf", wünschst du, um dich dann zu mir zu senken. Du streichst mir durch das Haar und küsst mich in die Nacht und als ich nächstentags aus meinen Laken erwache, küsst du mich aus meinem tiefen Schlaf, liebevoll durch mein Haar streichend. Dieser Brauch. Er überbrückt, was mir seit jeher fern ist. Und mit einem Mal beschleicht mich das Alltägliche. Dieser Brauch. Ich versuche, mir nichts ansehen zu lassen, aber fassungslos realisiere ich, wie deine Hand gestützt auf den Brauch bei jedem Kuss auch meinen Hinterkopf umstreicht.

Unmöglich, mich heute um meine sogetaufte Domäne zu kümmern, zu sehr beschäftigt mich, wie mir mit einer einzigen Berührung, die wie eine jede zuvor gewesen ist, das Alltägliche eine befremdliche Befürchtung zumutet. Voreilig  Schlüsse zu ziehen, wäre jedoch nichts weiter als eine Fortsetzung meiner blinden Bestrebungen. Das hier hat gerade erst begonnen. Schritt um Schritt. Ich muss unbedingt Schritt für Schritt in Angriff nehmen, ansonsten werde ich einer unvollständigen Spur folgen und eine solche hat die Macht, die grössten Spürnasen der grössten Welt in die Irre zu führen. Auch wenn die Richtung stimmt. Oder dann erst recht. Denn dann kann der Irrglaube konstruiert werden, dass das Objekt der Begierde im Sinne der eigenen Bedürfnisse erreicht worden ist. Dann wird den offen gebliebenen Fragen nicht weiter gedacht und der Tunnelblick formiert sich zu einer Blase der falschen Glückseligkeit.
Mit zögerlichern Fingern lange ich mir an die Brust.
Es ist sehr gut möglich, dass du den Knoten beobachtest, weil du dich um meine Gesundheit sorgst. Du hast mir aber nie davon erzählt. Das kann theoretisch unter den Teppich deiner Verschlossenheit gekehrt werden, aber es hätte zahlreiche Momente gegeben, um es mir zu erzählen, und dass es dir allein um mein Glück geht, kann ich unglücklicherweise nicht mehr glauben. Dass es dir auch um dein Glück geht, ist auch gar nicht tragisch, es wäre sogar lobenswert, solltest du dich mir nicht unterstellen, zumal ich nie den Eindruck gehabt habe, dass du dich mir unterstellst. Viel eher bin ich die, die sich dir unterstellt. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, sich nicht länger bloss im Geheimen den Kopf zu zerbrechen und dich einfach darauf anzusprechen. Auch wenn der Hinweis aus dem Garten mir eher sagt, dass die Sache geheim verfolgt werden sollte. Aber ich bin durchaus gewillt, dich zu konfrontieren. Das habe ich beschlossen. Dennoch wäre es zumindest hilfreich, wenn ich wissen würde, wer den Hinweis im Garten vergraben hat. 
Ich kann mir nicht vorstellen, ohne deinen Kuss aufzustehen. Mich ohne deinen Kuss schlafenzulegen. Auch kann ich mir beides nicht ohne deine Liebkosungen vorstellen. Du hast es immer gleich gehandhabt. Wenn du den Knoten beobachtest, dann beobachtest du ihn vorbildlich. Wenn er mit der Krankheit zusammenhängt und du ebenfalls einen Knoten hast, dann wirst du um ihn wissen und auch ihn beobachten. Es ist für mich nicht machbar, deinen Hinterkopf zu erfühlen. Du hast dir diese Berührungen derart verinnerlicht, dass dir sofort klar sein würde, was meine Absicht ist. Dass ich einen Hinweis erhalten haben muss. Sofern es nicht der deine ist und du nicht willst, dass ich ihm folge. 
Eigentlich sollte ich ausschliessen können, dass andere Menschen auf diesem Eiland zugegen sind. Zugegebenermassen hat diesbezüglich eine gewisse Unsicherheit begonnen, mich zu umwerben, vor allem hinsichtlich des Klosters, dessen Innenleben mir vollständig unbekannt ist. Aber wenn du und ich tatsächlich die einzigen Menschen auf diesem Eiland sind, dann musst du in der Lage sein, offen mit mir zu reden. Dann kann keine Drittperson involviert sein. Also kann der Hinweis nicht von dir stammen. Wenn der Hinweis aber nicht von dir stammt, weil keine Drittperson involviert sein kann, muss das wiederum heissen, dass eine Drittperson involviert sein muss.
In was für ein unübersichtliches Unterfangen ich mich hier nur gestürzt habe! Dabei ist alles beim Alten. Weiterhin. Und doch habe ich alles neu zu betrachten. Weil die Suche nach mehr nur zu gut das Bekannte verschmieren kann. Ich darf dieses Schmierentheater nicht zu einem ganzheitlichen Tunnelblick verkommen lassen. Nicht schon wieder.

edited on 25.04.2019, 20:07 by Der Herr Koi
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08 – Die Devise02. May 2019

Auch in den darauffolgenden Tagen bin ich auf das Fremde im Vertrauten fixiert. Wenn du mich küsst, spüre ich einzig deinen Finger über meinen Knoten fahren. Wenn du mich berührst, empfinde ich…

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