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08 – Die Devise
02. May 2019

Auch in den darauffolgenden Tagen bin ich auf das Fremde im Vertrauten fixiert. Wenn du mich küsst, spüre ich einzig deinen Finger über meinen Knoten fahren. Wenn du mich berührst, empfinde ich einzig deine unbekannte Absicht.
Was der Knoten bedeutet, kann ich mir wie so vieles nicht definitiv ausmalen. Ich denke durchaus, dass es mit der Krankheit zusammenhängt. Ich habe ja schon über eine Immunität in dir und mir nachgedacht. Immerhin haben wir als einzige die Krankheit überlebt. Vielleicht ist der Knoten der Grund dafür und du stellst sicher, dass er nicht verschwindet. Vielleicht ist der Knoten der Grund für die Krankheit und du stellst sicher, dass er sich nicht entwickelt.
Ich habe gerade erst an der Krankheit gelitten.
Ich habe bereits an der Krankheit gelitten.
Ich werde kaum mehr schlau aus den möglichen Bedeutungen. 
Auch nicht aus den Fragen.
Aber da du weder bei der Begegnung beim Kloster noch in der Zeitspanne, in der du mich gesundgepflegt hast, krank geworden bist, muss es einen Unterschied zwischen uns geben. Folgerichtig hast du wahrscheinlich keinen Knoten und es gibt keine Immunität. Nein, du musst immun sein, während der Knoten in meinem Hinterkopf, wenn er denn mit der Krankheit zusammenhängt, nicht durch und durch entwickelt sein kann. Immerhin hast du mich gesundpflegen können. Deshalb musst du ihn im Auge behalten. Infolgedessen musst du aber auch über deine Immunität Bescheid wissen, was sich wiederum widersprüchlich mit deinen Aussagen bezüglich der Bedrohung des Klosters verhält. Ja. Das würde nur bestätigen, wie verschlossen du trotz deiner vielen Worte bist. Und es würde aufzeigen, wie offen das Kloster zumindest dir steht.
Allmorgendlich versinke ich in deinem mitteilsamen Gesicht, obschon es mir so viel verschweigt. Ich muss wohl oder übel befürchten, dass ich die tiefgreifenden Züge deines Gesichtes nur interpretiere und nicht lese. Also existieren mehrere Interpretationen. Du erlebst so viel und hast so viel erlebt, ich habe geglaubt, es in diesem Gesicht zu lesen, und allmorgendlich hat es mich daran erinnert, wie erfüllt dich deine abenteuerlichen Ausfahrten machen. Wie es zu unserer Zweisamkeit beiträgt. Aber Abenteuer erschöpfen und wenn ich es genau betrachte, kann auch das in deinen Züge gelesen werden: Müdigkeit. Von den bekannten Abenteuern kann sie jedoch nicht herrühren, vielmehr erwecken diese deine Sinne erst so richtig. Von daher traue ich mich auch hierbei fast überhaupt nicht, eine Schlussfolgerung anzustellen. Könntest du dich nach der Katastrophe - aus welchem Antrieb auch immer - jemals wieder beim Kloster aufgehalten haben? Wenn ich schlafe zum Beispiel? Wodurch du nicht zu Erholung gelangst?
Kopfschüttelnd versuche ich, mich auf die Fakten zu stützen. Dummerweise häufen sich diese im Gegensatz zu den Fragen kaum. Trotzdem scheint mein Unterbewusstsein den schwelenden Drang zu verspüren, dann und wann das Kloster in den Fokus zu rücken. Aus meinem umzäunten Garten habe ich einen idealen Blick auf dieses thronende Monument der Mysterien.

Ich verstehe nicht, welche Fügung mich dazu gebracht hat, mein Glück zu hinterfragen. Es kann der Gedächtnisverlust gewesen sein, der einzig das Verlangen zurückgelassen hat, den Nebel zu vertreiben und mit eigenen Augen zu erblicken, worüber du mir erzählst. Ich hoffe, dass es der Gedächtnisverlust gewesen ist und nicht mehr, und weiss bloss, dass ich mich zu Genüge gefügt und unterstellt habe. Ich sollte mittlerweile nichts mehr zu befürchten haben. Es ist höchste Zeit, mich abermalig über das Gatter zu erheben.
Die Segmente der Insel habe ich in der Vergangenheit schon oftmals bewandert. Es hat aber zu keinem Zeitpunkt eine Chance für mich gegeben, eine Besonderheit zu entdecken, denn abgesehen von der Zerstörung hat es nichts für mich zu finden gegeben ausser einigen unspektakulären Büchern, die ich dann heimgeschafft habe. Das soll sich ändern. Das heutige Resultat wird garantiert von den bisherigen Resultaten abweichen, denn heute rühre ich nicht mit unpräzisen Kreiselbewegungen in der Rätselsuppe, heute habe ich eine konkrete Frage, um die Rätsel nach und nach zu dezimieren: Mischt in unserer Beziehung noch eine Drittpartei mit?
Es ist schwierig geworden, eine Drittpartei auszuschliessen, sollte sie wahrhaftig existieren, dann wird sie im Kloster wohnhaft sein. In diesem Fall muss bestimmt werden, ob du von ihr weisst, ob sie gezielt in unserer Beziehung mitmischt, was ihre Absicht ist und vor allem: Ob sie noch lebt. Mein Vorhaben ist es, die Gärten der anderen Hütten unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, ob dort gleichermassen wie bei uns ein Hinweis vergraben liegt. Diese Gärten können mitnichten mit meinem mithalten und sind seit langer, langer Zeit aus dem Leben getilgt worden, Furchen sind in sie geschlagen und infolge der fortwährenden Sturmgewalt ist alles, was von einer Zukunft für einen nächsten Frühling verbleibt, eine irdische Phantasmagorie.
Selbst wenn in den anderen Gärten ebenfalls ein Angelhaken vergraben worden ist, kann ich mich nicht darauf verlassen, dass ich nach all der Zeit auch nur einen einzigen finden kann. Ein Versuch ist es dennoch allemal wert. Der Fund von auch nur einem einzigen Angelhaken in einem der anderen Gärten wäre ach so bedeutungsvoll. Dann wäre offengelegt, dass der Hinweis nicht explizit für mich gedacht ist. Dass er mit aufschiessender Wahrscheinlich nicht von dir stammt. Dass er aus der Zeit vor der Katastrophe stammt und bezüglich des Knotens würden sich dementsprechend auch gänzlich revolutionäre Interpretationen präsentieren.
Mit zwei gebrochenen Beinen ist meine kleine Exkursion ein ausserordentlich mühsames Unterfangen. Die Gehhilfe leistet zwar hervorragende Arbeit, doch die Stege stellen in ihrem Zustand nunmal weniger eine Brücke und vielmehr ein Hindernis dar. Obschon ich es bewerkstellige, keinmal in das Wasser zu fallen, geht mit jedem Steg eine Unmenge von Zeit verloren. Da ich ausserdem exakt vorgehen und die Erde genau untersuchen will, schaffe ich es nicht, die Segmente allesamt zu passieren. Mit Blick zum gleissenden Zenit wird mir bewusst, dass ich alsbald zurückkehren sollte.
Mit der flachen Hand an der Stirn fixiere ich die Sonne, die sich aufmacht, um sich in den Horizont zu betten. Ich schaue nicht darunter, wo das Kloster lungert. Ich bin auf der anderen Seite des Klosters angelangt. Von dieser Seite sieht das Kloster genau gleich aus, aber das ist mir ein anderes Mal aufgefallen. Heute folge ich stattdessen der bevorstehenden Bahn der Sonne hinaus über die schäumenden Kämme der See und hin zum Horizont. "Wie oft ich schon Zeuge deiner Bahn geworden bin", wundere ich mich perplex, wobei mir der Horizont plötzlich nicht mehr erstrebenswert erscheint. Wie seltsam. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen muss ich mir zugestehen, dass ich in diesen Minuten und mit diesen befreiten Atemzügen eine Empfindung von Erfüllung durch mich pulsieren fühle. 
Es ist töricht gewesen, den Horizont zu begehren. Aus seinem allumfassenden Kreis bricht der wilde Wellengang an den Gestaden meiner Welt. Was ich mir schon gedacht habe, sehe ich bestätigt: Ich muss zuerst in meiner Welt Fuss fassen, bevor ich einen nächsten Schritt setzen kann. Mir um Kopf und Kragen den Schädel zu zermartern führt zu keinem Ergebnis, ich muss Hand anlegen. 
So weit ich sehen kann, so weit kann ich gehen, und der Horizont wird immerfort mit mir gehen. Ihm verzweifelt hinterherzujagen ist töricht. Denn selbst wenn mein jetziger Horizont irgendwann erreicht sein sollte, so wird er doch nur ersetzt worden sein. Ich will ihm nicht auf ewig hinterherjagen und jetzt, jetzt habe ich eine Arbeit, eine Arbeit, die mich einem ersten Ziel näherbringt. Nach diesem Ziel werde ich das nächste Ziel angehen und auf diese Art und Weise werde ich es weiterführen. Die Arbeit erbringt einen Nutzen für meine eigene Person, wodurch meine eigene Person sich weiterentwickeln kann, um das jeweils nächste Ziel zu definieren. Dass ich ohne Unterlass auf das nächste Ziel hinarbeiten und darin Nutzen finden kann, motiviert ungemein. Schritt um Schritt geht es vorwärts. 
Abseits des Vertrauten, wo ich bisher nach Vertrautem gesucht habe, muss das Glück nimmer vermisst werden, und schon ist da dieses landgewinnende Gefühl einer erstmalig zähnebleckenden Freiheit. Wie wild und ungestüm es sich unter meinem Busen mit der See verbrüdert! 
Aufgeregt will ich von einem Fuss auf den anderen tappen, weil mir bewusst ist, dass ich zurückkehren muss und nicht weiterarbeiten darf, ehe ich mich postwendend in den wohlig warmen Sand setze, in dem meine Spuren nicht mehr hinfortgespült werden. Mit aufgebahrten Füssen summe ich vor mich hin, mit der Sonne den Horizont belächelnd, den wir beide nur in den Augen der jeweils anderen erreichen können. Unter ihm schäumt sich der schillernde Seegang zu einer goldenen Dünenlandschaft auf.
Für uns beide gibt es noch viel zu tun, um die uns jeweils zustehende Welt zu beleuchten. Um vorwärts zu schreiten. Indem wir dabei an unserem persönlichen Licht festhalten, wird uns auf Schritt und Tritt nicht allein die Richtung in die Ferne, sondern auch die Milde einer Berührung des Herzens begleiten. Also dann. Hand anlegen heisst die Devise!

Ich habe keinen Angelhaken finden können, morgen muss ich noch die andere Hälfte der Insel durcharbeiten. Auch wenn ich dort gleicherweise nicht fündig werden sollte, wird wenigstens eine Frage beantwortet sein. Danach werde ich mich auf die nächste Frage konzentrieren können.
Abends lasse ich im Zusammenhang mit meiner Exkursion nichts durchsickern. Wie sehr ich dich auch liebe, ich könnte es mir nicht verzeihen, meinen Willen zu verraten. Irgendwann werde ich dir darüber berichten müssen, aber damit ich dir die lückenlose Geschichte erzählen kann und damit du sie verstehst, muss ich sie zuerst schreiben, um zu verstehen. Ich kann und will nicht zulassen, dass du Verdacht schöpfst und frühzeitig zurückkehrst, um zu unterbinden, was dir offenkundig missfällt, obschon ich mich nicht in Gefahr bringe.
Du streichst mir durch das Haar und presst den Gutenachtkuss auf meine Lippen. Mir ist, als würden wir uns durch Masken betrachten. Das jedoch tun wir mit einer beidseitigen Zufriedenheit. Seit meinem Aufbruch an meine Gestade hat mir das gefehlt. Oh wie ich mich auf die morgige Exkursion freue!

edited on 16.05.2019, 20:29 by Der Herr Koi
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09 – Der Punkt09. May 2019

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