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09 – Der Punkt
09. May 2019

Zur Morgenstunde küsst du mich in einen heiter anmutenden Tagesanbruch und als du auf das Meer hinausfährst, schwemmt mich die freudige Erwartung der letzten 48 Stunden an die meinen zu entdeckenden Lande. Dieses Mal habe ich die verbleibende Hälfte der Inselsegmente zu durchforsten, besser gesagt deren Gärten. Es ist ziemlich eigenwillig, wie ich einer einzigen Antwort nacheifere. Diese Eigenwilligkeit gedenke ich jedoch keineswegs abzulegen, ich lobe sie mir sogar. Immerhin erscheint es mir mit bitterem Beigeschmack, dass es die allererste Antwort ist, die jemals in meine Reichweite gerückt ist. Nein. Sie ist nicht in meine Reichweite gerückt, ich habe sie mir erarbeitet, ich bin diejenige, die einen Schritt vorwärts gekommen ist!
Ich mühe mich ab, über die Stege zu gelangen, und grabe den Boden meiner Zukunft um, um einen Haken zu finden. Haus um Haus hake ich ab, ich kenne ihr Inventar, Auffälligkeiten wären mir anders als ein potenzielles Geheimnis aufgefallen. Es ist folgerichtig nur logisch, dass ich annehme, dass der Haken allein für mich angedacht ist, und davon ausgehe, dass ich mit der Annahme korrekt liege. Du hast dich während meiner Krankheit um den Garten gekümmert, was heisst, dass du die Chance gehabt hättest, ihn zu vergraben, aber wenn das zutreffen sollte, würde das daraus hervorgehend auch heissen, dass du den Eindruck hast erwecken wollen, dass du dich nicht richtig um den Garten gekümmert hast. Darin sehe ich keinen Zweck, denn schliesslich hätte ich den Boden so oder so gelockert. Es sei denn, es ist darum gegangen, dass mir der Zustand des Bodens sofort auffällt, damit ich mich sofort der Aufgabe annehme und sofort den Haken entdecke. Überlegungen über Überlegungen und die nächsten schlagen Haken fürchterlicher als die letzten, um sich möglichst übel zu beissen. Wie dem auch sei, ich kann nach wie vor nicht daran glauben, dass du den Haken vergraben hast, ich glaube, du hast den Garten tatsächlich vernachlässigt und der Haken hat dort schon länger gewartet, auch wenn ich ihn nicht schon früher gefunden habe. Ob er auf mich oder irgendwen gewartet hat, das ist eine der Fragen, denen die Antwort, für dich ich mich abrackere, dienlich sein wird.

Nach drei gemeisterten Segmenten ohne Resultat fällt mir plötzlich ein Punkt am Horizont auf. Wie ein Torwächter, dessen Schwelle zu passieren ist, um überhaupt ein nächstes Tor erreichen zu können, gleitet der schwarze Punkt an der gezogenen Linie entlang.
Instinktiv mache ich einen Schritt vorwärts, um an den Strand zu treten. Meine Augen an der Rand der Verzweiflung zu treiben und angestrengt zu versuchen, zu ermitteln, was dort drüben entlang der Linie gleitet. Noch ehe ich diesen einen Schritt jedoch gesetzt habe, werfe ich mich augenblicklich zurück hinter die Fassade des Hauses, das ich soeben habe hinter mir lassen wollen. Mit einer leichten, dennoch schwerwiegenden Ahnung umschliesse ich mit beiden Händen meinen Mund. Als könnte man mich dort draussen hören. Und trotzdem. Mit fest zusammengebissenen Zähnen schiessen die abstrusen Streiche des Geistes dermassen dicht hinter den Augen vorüber, dass ich vor blinder Urteilsspringerei keine zwei Meter weit mehr sehe. Aber das dort draussen, das musst du sein, davon bin ich überzeugt. Es gibt sonst niemanden. Unsinn, das ist nicht der Grund, weshalb ich davon überzeugt bin. Vielmehr bin ich davon überzeugt, weil es niemand anderes sein kann, selbst wenn es andere geben sollte. Das ist das Urteil, hinter dem ich stehen kann. Das Urteil über mein Gefängnis. Das Urteil über dich, wie mir in fassungsloser Gelähmtheit dämmert.
Was denke ich denn da? Wie ich mich verdamme, wie kann ich dich ohne auch nur eine einzige Antwort bloss verurteilen!? Ich bin so nah wie nie zuvor an einer Antwort, die zwar allerlei bedeuten kann, aber nicht allzu viel bedeuten muss!? Warum tauchst du direkt hier und jetzt auf, nachdem du mir nie eine Antwort hast geben wollen!? Ich habe dich alles fragen können. Und obschon ich dich liebe, habe ich nie das Gefühl gehabt, dass du mir alles erzählst. Ganz egal wie viel du mir erzählt hast. Hat mein Schweigen dich denn nicht angeschrien? Hat es dir rein gar nichts gesagt oder war es dir schlichtweg egal?
Die Fäuste hart gegen die sogleich aufknirschende Erde geschallt, schaue ich aus zerfleischter Zuversicht auf und über das Land hinüber zum Pfad, den ich gegangen bin. Ich muss meine Emotionen mit sofortiger Wirkung unterbinden und zurückkehren! Der Punkt ist aus der Richtung gekommen, die ich anstrebe, und ist somit nicht in meiner, sondern in der Gegenrichtung um die Insel gegangen. Ich habe davon auszugehen, dass du daheim an Land gehen und mir folgen wirst. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr damit rechnen, dass es einen harmlosen Grund für deine Nähe zur Insel gibt. Du hast mich vielleicht nicht gehört, aber du hast mich bestimmt bemerkt. Dass du einmal im Kreis gefahren bist, lässt mich mit der Befürchtung allein, dass du die Mittel hast, um die Distanz zu ignorieren. Nun, was die wachsende Distanz zwischen uns anbelangt, so kann zumindest ich sie nicht ignorieren. Nicht mehr.

Selbstverständlich habe ich ausgerechnet in diesem Fall korrekt geschlussfolgert.
Selbstverständlich habe ich keine Möglichkeit, dir mit meiner Gehhilfe zuvorzukommen.
Selbstverständlich erwartest du mich bereits und selbstverständlich verstehst du mein aufgeregtes Gemüt nicht, als ich deine Hilfe ablehne, um den letzten Steg zu überqueren. Zwiespältige Emotionen verkeilen sich ineinander, als du mir deine Hand reichst. Ich schlage sie enttäuscht von mir, enttäuscht von dir, enttäuscht von mir, verkrampfe mich in meinem Halt und verliere ebendiesen, wodurch ich kräftig gegen den Uferhang knalle, den Unterleib gepackt vom zerrenden Strom. Panisch springst du heran, um mich emporzuziehen, da wird dein Gesicht vollends entstellt. Es ist nicht meine prekäre Situation, die es entstellt. Es ist die Person, die du nicht wiedererkennst. Nichtsdestotrotz packst du an, um sie zu retten.
Ich rette mich aus eigener Kraft und beuge mich japsend vorneüber. Die klatschnasse Kleidung klebt auf der weissen Haut und der Vorhang der gischtdurchfeuerten Haare zieht die Linie zwischen deinen Füssen und meinen finsteren Zügen, als du deine Hand auf meinen Rücken legst, und an meinem Ohr erklingt dein Wort: "Ist alles in Ordnung, Dilara?"
Ja. Alles ist in Ordnung. Es ist in solchem Ausmass in Ordnung, dass es mich verwundert, dass du mich nicht fragst, was ich mir dabei gedacht habe, aus meinem Garten auszuscheren.
Ich kralle die Finger in die Erde.
"Freya sei Dank, dir ist nichts zugestossen!", sprichst du aufgewühlt, "Wie habe ich dich bloss in solchem Ausmass vernachlässigen können! Ich muss es mir verübeln, dass ich dich allein mit deiner Arbeit gelassen habe, obschon du auf deinen Körper achtgeben musst und dich auf die Genesung deiner Beine konzentrieren können sollst, ich werde Sorge tragen müssen, um besser auf dich achtzugeben!"
Die Finger lockern sich. Ich atme aus und meine ruhevoll: "Die Arbeit hat die Genesung nicht behindert und die Arbeit wird die Genesung nicht behindern." Sag einfach, was du sagen willst.
"Das kann ich mir nicht denken, die Arbeit muss behindert worden sein, ansonsten würdest du gearbeitet haben", erwiderst du mit wackeliger Stimme. Das kann auf einer ehrlichen Rücksicht auf die Situation basieren, aber mir ist eher, als würdest du etwas zurückbehalten. Eine Absicht. "Du bist schon einmal herumgezogen, da ist dir langweilig gewesen, weil du aufgrund des gebrochenen Armes die Arbeit nicht hast erledigen können. Kannst du dich mit der Gehhilfe denn richtig hinknien?" Sag einfach, was du sagen willst.
"Du kannst mir alles erzählen, Dilara", schiesst du meilenweit daneben, "Bitte sei offen mit mir und lass mich dir helfen!" - "Hlynur..."
Sag einfach. Was du sagen willst.
Sag es einfach. Sag es einfach, Dilara.
"Es ist mein gutes Recht, auf der Insel herumzuziehen!", stosse ich die Wahrheit wie einen Fremdkörper von mir, "Das ist mein gutes Recht!" - "Aber Dilara, das ist doch selbst-" - "Ich bitte dich, höre mir einfach zu, nur dieses eine Mal höre mir zu und höre dir an, was ich zu sagen habe...!!"
Die Hand erhebt sich von meinem Rücken und mit ihr erhebst du dich über mir.
"Es ist selbsterklärend", eröffne ich mit bröckelnder Fassung, "Dass ich auf meinen Körper achtzugeben habe, aber zählt das denn nicht gleicherweise für meinen Geist? Was will ich mir vorgaukeln, wenn ich mir denke, dass du mich niemals verstanden hast, wenn es doch offensichtlich ist, dass du mich immerzu durchschaust? Es geht also nicht um meine Bedürfnisse, sondern um meine Emotionen gegenüber der Tatsache, dass du alles im Griff hast; meine Bedürfnisse kennst du seit Anfang an in und wendig, ist dem nicht so? Auch wenn dich mein Schweigen nicht anschreit, es sagt dir ohne Zweifel alles; wenn ich nichts zu erzählen habe, liest du alles von meinen Lippen ab, und wenn ich einmal den Mund aufbekomme, kannst du nicht von dir aus verstehen, dass es von absoluter Wichtigkeit ist, mir zuzuhören?"
Herniedersinkend fahre ich meine Ellbogen in der Erde fest.
"Mein Gedächtnisverlust beschäftigt mich ausserordentlich, aber auch wenn ich dich mit diesem Thema zu Genüge bedrängt haben sollte, so ist es doch verzehrend, dass du so viel weisst und ich so wenig. Wie kann da bitte jemand mit einem Funken Restverstand davon sprechen, Seite an Seite zu gehen? Du weisst so viel und ich so wenig, ich habe endlich wahrzunehmen, dass mir das Angst macht! Du hast nie aufgehört, mir die Hand zu reichen und mir aufzuhelfen, damit ich an deiner Seite gehen kann, aber ist das nicht eine beängstigende Macht, die du dadurch an mir verübst? Beraubst du mich nicht der Selbstständigkeit, indem du mich aufrecht hältst, obschon mir der gegangene Weg verloren gegangen ist? Dadurch enthebst du mich dem Verlust nicht, im Gegenteil, du drückst mich mit ganzer Härte tiefer in seinen Abgrund!"
"Und wenn ich mich einmal selbstständig aufrichten will", fahre ich leicht bebend fort, "Weisst du ausnahmsweise nichts, nichts anderes als meine Bemühungen im Keim zu ersticken! Du weisst weitaus mehr als ich, ja du weisst weitaus mehr über mich als ich, aber wenn es dazu kommt, dass ich mehr erfahren will, fällt dir nichts anderes ein, als eine Linie zu ziehen?! Willst du dein Verständnis von einem Liebespaar, das Seite an Seite geht, um jeden Preis aufrecht halten; ist es dir unbedeutend, wie massiv sich das Ungleichgewicht zwischen uns präsentiert?! Ist es denn deiner Ansicht nach nicht ein Fakt, dass du für mich der Inbegriff meines Verlustes bist?! Ist es dir unbedeutend, dass ich auch dich wiederfinden will?!"
Ich habe geglaubt, dass das, was wir haben, mir vertraut ist. Dabei ist es immer fremd gewesen. Ich habe nicht abseits des Vertrauten gesucht. Ich habe schlichtweg nach Vertrautem gesucht. Ich will es wiederfinden.
"...wer bin ich?", frage ich.
Du antwortest: "Du bist Dilara Jasminko, du -" Und ich fahre mir nichts, dir nichts auf und schnappe dich mir, ich vergrabe meine Finger in deinem Hemd und brülle betroffen auf: "Du hast mir nicht zugehört!!" - "Was willst du dann von mir hören?!", gibst du aus entgleister Beherrschung zurück, worauf ich brülle: "Nichts, ich will nichts von dir hören!!" Aus finsteren Augen nehme ich mich deiner an.

edited on 16.05.2019, 20:30 by Der Herr Koi
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09 – Der Punkt 0216. May 2019

Du reisst dich los und machst einen Schritt neben mich.
Ich sinke wieder auf die Knie und schaue in die entgegengesetzte Richtung.
"Ich verlange, dass du mich tun und lassen lässt, was…

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