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09 – Der Punkt 02
16. May 2019

Du reisst dich los und machst einen Schritt neben mich.
Ich sinke wieder auf die Knie und schaue in die entgegengesetzte Richtung.
"Ich verlange, dass du mich tun und lassen lässt, was ich tun und lassen will", betone ich schliesslich, wozu du wiederum die Selbstverständlichkeit einer solchen Sache hervorhebst, die ich gerade eben angezweifelt habe. Wie viel dir dieses Konstrukt wert ist, ist für mich nie definierbar gewesen. Gleichwohl sehe ich deutlich, wie der Preis stetig steigt.
"Was hat dich heute so nah an die Insel getrieben?", hake ich nach.
"Die Strömungen heute sind grauenhaft, und sie werden es auch morgen noch sein", gehst du kontrollierter darauf ein, "Ich habe es gerade noch geschafft, einen Fang für heute zu machen, und wenn wir ihn einteilen, wird er auch für morgen reichen und -" - "Dann ist für einen Happen ja gesorgt, auch wenn ich mit dem Gemüse heute nicht vorangekommen bin", unterbreche ich stochernd, "Ein wahrer Meisterfischer bist du, du hast es selbst in dieser kurzen Zeit geschafft, einen Fang zu machen, der sich nicht vor dem Vergleich mit den Fängen anderer Tage zu scheuen braucht." - "Es hat keinen Zweck gehabt, es weiter zu versuchen", stellst du klar, "Du hast einmal einen Tag zusammen verbringen wollen, also habe ich es aufgegeben und bin vorzeitig zurückgekehrt, nur um dich nicht finden zu können, also habe ich mich aufgemacht, um dich zu suchen."
Das ist eine glatte Lüge, das durchschaue diesmal ich sofort. Ich glaube nicht an Zufälle. Dass sich ausgerechnet heute die Umstände fügen. Dass du ausgerechnet heute an mich denkst. Du musst irgendwie herausgefunden haben, dass ich am Vortag umhergezogen bin, und hast dann beschlossen, mich heute im Auge zu behalten. Das ist die einzige logische Erklärung.
"Da muss ich froh sein, dass dir bei den grauenhaften Strömungen nichts zugestossen ist, aber was unterschätze ich dich!", werfe ich mir über die Schulter, "Du hast es ja auch bewerkstelligt, während meiner Krankheit auf dich achtzugeben."
"Ich habe auf dich achtgegeben, Dilara", bekräftigst du mit einem verletzten Unterton, "Es ist mir wichtig, dass es dir gut geht."
"Wie ein Biest habe ich mich verhalten, aber die Zähmungskunst ist bekanntlich deine Spezialität, zähmst du doch tagtäglich die wogende See; ich muss mir wirklich keine Sorgen machen. Aber ich kann wohl nicht anders, als mir Sorgen zu machen, immerhin ist es mir wichtig, dass es dir gut geht."
"Ich bemühe mich, dir die Sorgen abzunehmen", sprichst du aus, was ich als Bestätigung für meine Angst bezüglich der Machtverteilung interpretiere, denn woran ich mich erinnere, ist der Zeitpunkt, an dem ich geäussert habe, dass ich mir wünsche, fähig zu sein, die Last der Verluste, die du erlitten hattest, mit dir zu teilen, "Ich bemühe mich, Dilara. Dieser Streit bestätigt erneut, wie essenziell es für mich ist, dich auf der Suche nach dir zu unterstützen. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um dich nicht zu verlieren, ich werde alles tun, damit du dich findest, das ist ein Versprechen!"
Suche nach mir, sagst du. Richtig, das habe auch ich gesagt. Dabei suche ich doch uns. Ich liebe dich. Oder aber ich will dich wieder lieben. Wie dem auch sei. Die Hauptsache ist, dass auch ich nicht will, dass wir auseinanderbrechen. Letztlich bist du mir trotz deiner Verschlossenheit ein Gefährte in der Dunkelheit. Auch wenn das, was ich suche, das Licht ist. Und auch wenn ich weiss, dass ich mit dir in meiner Gegenwart womöglich niemals selbst zum Licht werden kann. Womöglich kann ich das nicht, wenn du dich mir nicht auftust, anstatt mir die Richtung zu weisen. Ich will nicht, dass wir auseinanderbrechen, aber zeitgleich will ich auch, dass es Licht wird.
"Du machst dir so viele Sorgen, kein Wunder entstehen dadurch Gedanken, die dich belasten", sprichst du weiter, "Da könnten mein Körper und mein Geist ebenfalls nimmer einig sein. Da würde auch ich in alle Himmelsrichtungen zertrieben werden und ich verstehe, dass man sich dann nicht länger fokussieren kann und dass man sich von dem abzulenken hat, das einem die Sorgen bereitet. Aber wie du schon sagst, ich zähme die wogende See, entsprechend will ich mich bemühen, auch das rettende Ufer zu sein, das dich empfängt und in dessen sicherem Hafen du daheim sein kannst." 
"Du nennst meine Sorgen überflüssig?!", schnelle ich da angesichts der Realität, dass du mir nicht zugehört zu haben scheinst, herum, meine Hand nach dir auswerfend, um dich wegzustossen. Du stehst jedoch nicht in meiner Reichweite, also stütze ich mich ab, um mich zu erheben und dich zu betrachten, wie ich die nie zuvor betrachtet habe, wie du realisierst. Es ist deinen sich weitenden Augen anzusehen. Es ist fast, als würdest du dich öffnen, obschon ich mir höchstens vorstellen kann, dass du infolge meines Aufbegehrens deine Hand weiter öffnen musst, um mich wieder in den Griff zu bekommen. Ich werde nicht zulassen, dass ich nochmals in deinem Griff ersticke. Du kannst nicht verlöschen, was in mir aufzulodern wagt, denn mein Zugpferd ist mein Schatten und die Sonne als der höchste Stern hat mich seit jeher zu krönen!
"Dilara, bitte, du bist durch deine Sorgen ganz verändert!", konfrontierst du mich ob meiner dunklen Ausstrahlung ernster, "Komm, ich trage dich hinein, was du benötigst, ist Ruhe!" - "Dann lass mich in Ruhe!", schlage ich auf Augenhöhe aus, "Verstehst du denn nicht, dass dir auch diesmal nichts anderes einfällt, als eine Linie zu ziehen?! Warum kannst du mich nicht ernstnehmen, warum nicht auf mich zukommen, warum kannst du das ni-" Ich verheddere mich mit dem finalen Wort, weil du unverhofft einen Schritt auf mich zu machst, was ich umgehend angehe: "Keinen Schritt weiter!!" Irritiert und gleichzeitig wenig überrascht fixierst du mich. Durchlöcherst du mich mit einem Blick, der mich innerlich auffrisst, denn jede Pore meines Leibes empfindet diesen Blick und sieht den eigenen Lebenslauf vor sich ausgebreitet bis hin zum Tod. Und was am Ende bleibt, vom Leben und von diesem Durchblick, ist nicht der Weg, der gegangen worden ist, sondern der Tod.
"Schau mich nicht an...!!", keuche ich. Es ist schwierig, mit der Gehhilfe einen Schritt rückwärts oder zur Seite zu tun. Ich könnte mich problemlos umdrehen und weggehen. Doch im Rücken haben, im Rücken haben will ich dich auf keinen Fall.
"Ich soll dich nicht anschauen...?", entgegnest du mit erhobener Braue.
"Was denkst du dir dabei, mich in dieser Form anzuschauen...!?", rufe ich aus, "Kannst du nicht sehen, dass du mich völlig missverstehst...!?" - "...aber du hast dich doch erhoben und mir in die Augen geschaut." Aus gelichtetem Antlitz starre ich dich angewidert an.
Ich schlucke.
Breche meine Lippen entzwei.
"Wer bist du?"
"Du benötigst Ruhe", wiederholst du unbeeindruckt und ignorant, was mich an den Knoten erinnert, den du jeweils umstreichst, wenn du mich zur Ruhe bettest, weshalb ich ohne Vorwarnung meinen Kopf umschlinge und mit den Fingern rasant an meinen Hinterkopf lange, was dich aufschrecken lässt, ja förmlich wachrüttelt, ich kann beinahe fühlen, wie die Finger fern von deinen Augen deine Maske durchstossen, und sehen, wie sie von deiner ehernen Stirn bröckelt und an deiner ausgestrecken Hand zerschellt, als du zu mir aufschliessen willst.
"Keinen Schritt weiter!!", brülle ich und du hältst inne. Fixierst mich mit entblösstem, fast schon bösartig dreinschauendem Gesicht. Deine Mundwinkel sind abgesackt und aus bedrohlicher Grösse frage ich dich: "Kannst du mich wirklich nicht verstehen...?" - "Ich verstehe dich", traust du dich, zu behaupten, "Deshalb gehe ich an deiner Seite. Deshalb kann ich sagen, dass du nicht weisst, was du für Fragen stellst. Ich durchschaue dich nicht, ich verstehe dich, also lass bitte deine Hand -" - "Wundervoll, du bist über den Knoten informiert", keuche ich, "Was hat es damit auf sich und weshalb soll ich von ihm ablassen, wenn du ihn doch ohne Konsequenz berühren kannst?" - "...Dilara, bitte!", bedrängst du mich, "Du weisst nicht, was du tust!" - "Dann erkläre es mir!", verlange ich, "Wie kannst du kritisieren, was ich für Fragen stelle, ich habe alles vergessen, also werde ich alle Fragen stellen, bis ich alles wieder weiss! Wie kannst du kritisieren, dass ich etwas nicht weiss, wenn du mir nichts erklärst?!" - "Ich bin immer ehrlich mit dir gewesen und du kannst mir immer alle Fragen -" - "Das tue ich doch gerade!!"
"Ich habe dir meine Angst offenbart", grabe ich tiefer, "Wovor hast denn du Angst, Hlynur? Aus welchem Antrieb weichst du meinen Fragen aus?" - "Ich habe dir alles erzählt", antwortest du verbissen, "Alles, was es zu hören gibt!" - "Alles, was es zu hören gibt...?" - "...Dilara, es gibt Dinge, die sind unmöglich in Worte zu fassen!" - "Obwohl du so viele Worte kennst...?" - "...du musst mir vertrauen. Ich habe alles für unser Glück getan!" - "Ich weiss nicht, was du in der Vergangenheit getan hast. Dass du es jetzt nicht tust, weiss ich hingegen." - "Du musst mir vertrauen, Dilara, und ich muss dir vertrauen, das darfst du nicht zerstören...!" - "Weisst du eigentlich, dass es mehr gibt als dich und mich und diese Liebe...?", verwerfe ich die Äusserung kalt, "Ich frage mich allmählich, wer von uns beiden die Person mit dem Tunnelblick ist. Es ist meiner Ansicht nach von niemandem zu verleugnen, dass es die Person sein muss, die von Vertrauen schwadroniert, während sie der anderen Person kein Gehör schenkt!" - "Dilara, du hast mein Wort, dass ich mich bemühen werde, bitte...!!" - "...ja." Und ich lasse mein Haupt sinken, um dir die beste Sicht zu gewähren. "Dein Wort ist alles, was ich jemals gehabt habe." 
Von Terror verzerrt hechtest du voran. Zu spät. Der Finger ist in die weiche Stelle und gegen den Knoten gepresst. Noch höre ich dich aufschreien, als würde mir deine ganze Seele brach zu Füssen liegen. Als würde sie an ihnen branden. Dann nicht mehr. Nichts mehr. Da ist nichts mehr.

edited on 16.05.2019, 20:18 by Der Herr Koi
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10 – Folkwang23. May 2019

Finsternis. Nichts ausser Finsternis, doch ist es etwas. Etwas wohlvertrautes und kein Kuss, keine Hand, die mich umstreicht. Etwas schrecklich wohlvertrautes, als die Besinnung einkehrt. Die…

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