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10 – Folkwang
23. May 2019

Finsternis. Nichts ausser Finsternis, doch ist es etwas. Etwas wohlvertrautes und kein Kuss, keine Hand, die mich umstreicht. Etwas schrecklich wohlvertrautes, als die Besinnung einkehrt. Die Glieder sind schwer. Glaube ich. Ich spüre sie nicht. Zumindest drückt mich das tonnenschwere Gewicht eines noch nicht definierten Verlustes in die Laken, die sich meines Rückens annehmen, in den die Falten schneiden wie der erste Sonnenstrahl eines fabelhaften Tages in die Schatten schneidet. Es ist ein Indiz der sterblichen Schwerelosigkeit, in der des nachts ein Albtraum zu erdulden ist. Wenn in einem solchen die Gegenständlichkeit in die Unvergänglichkeit geschickt wird, ist es durchaus lobenswert, von substanziellen Nichtigkeiten kopfvoran auf den Boden zurückgeholt zu werden. Dadurch verschlingt mich zwar die Finsternis und meine Sinne werden von überall von ihren Klauen gepackt, um sie tiefer in das Gefühl des Verlustes zu tauchen, dank dem Anker jedoch, der mir den Rücken freihält, kann ich die Sterblichkeit dieses Albtraumes im Auge behalten und meine Sinne beisammen halten.
Ich blicke in die ewige Nacht und allein der erreichte Grund in der endlosen Schwärze erinnert mich an den Morgen, aber auch wenn ich mich nicht erheben kann, es kann nicht sein, dass ich schlafe. Denn dann wäre da kein Grund, der mich empfängt. Dann wäre da nichts, nichts, das einen Albtraum ausmacht.
Ich sehe nichts, aber ich kann hören.
Ich kann dich hören.
Wie du aus vollen Lungen brüllst. Wie du frei von Autorität brüllst und das machtvolle Gebrüll noch im freien Fall verglüht. Wie du frei von Geistesgegenwart brüllst, als wäre dir der Geist in Höllenqualen verbrannt worden. Der Geist verlöscht, während die in der Asche zu versanden drohende Stimme aus jedem Funkenflug erneut erhoben wird, um nochmals dem Zenit entgegengeschwungen zu werden. Um nochmals in Flammen aufgehend niederzugehen.
Ich kann dich hören, wie du in peinigender Qual die Stimme schwingst und mit ihr deinen Körper, den du ebenfalls aus den Augen, aus dem Sinn schickst, wie ich im masochistischen Elan zu verstehen glaube. Automatisch will ich mich erheben, ohne dazu befähigt zu sein, und automatisch will ich dir beistehen, ohne dazu befähigt zu sein. Denn der Grund macht den Abgrund greifbar und die endlose Schwärze wird endlich, ich spüre, wie zwischen deiner und meiner Position eine Scheidelinie dem Leben die Endlichkeit verfinstert: Der Abgrund schliesst sich um mich als Blase und du verbrennst bei der ersten Berührung mit ihrer Atmosphäre, in deren Sphäre du aus deinem konzeptionslosen Kosmos einzudringen verlangst. Immer und immer wieder zerschellst du an meiner Sphäre und die zerstiebenden Funken umtanzen die Oberfläche als Boten eines Sternes, der fern von meiner Sohle den Horizont erleuchtet.
Ich kann dich hören, du schreist, wie ich dich niemals habe schreien hören; ich erkenne deine Stimme kaum wieder, die Stimme, der ich gerne gefolgt bin im Vertrauen, auf ihr geordnetes Leitbild bauen zu können, dafür erkenne ich die uns verbündende Verwandtschaft in dem vom Unwetter ruinierten Obdach, das mir in dieser Sekunde fehlt.
Diese Sekunde. Gewiss, es müssen Minuten gewesen sein! Eine Sekunde und die Schreie malträtieren meine Ohren gleich einem donnerbauschenden Blitzgewitter, das niemals endet und dessen Welt vierzigtausendfach schneller dreht als die des Baumes, um den es aufzieht.
Eine Sekunde. Das Ende ist greifbar! Indessen stemmst du alleine eine Allgewalt, die dich auf der Erdenkugel meines blinden Augapfels zermalmt und die Schreie gleich abschliessenden Glockenschlägen gegen die Trommelfelle schellt. Und die Walküren musizieren auf dir wie auf einem Instrument und schneiden ihre Bögen in die Glieder immer wieder, denn die Flügel zu Folkwang verbleiben verschlossen, wie oft du dich auch wieder erhebst. Und gefällt wirst.
Eine Sekunde und das Ende ist doch greifbar, aber noch kann ich es nicht erhaschen! Nicht mehr schwerelos durch die Nacht treibend, wird mir das Gewicht in der Brust erst so richtig bewusst... und du brüllst getroffen auf, ein unheilvoller Lärm rumpelt gegen die Fassade und ein beissendes Röcheln aus unbekannten Mündern ruft die Klauen, die mich nicht verschleissen, dennoch packen können, in das Gedächtnis, in dem mir das verdammte Ende vorgeführt wird, das einfach nicht eintreten will, obschon die Sekunden zu Äonen verkommen und kein Ozean das Wasser fassen kann, das ich infolge der drangsalierenden Reizüberflutung vergiessen will, ohne die Augen aufzuschlagen, fürchte ich doch, dass du zweifellos auf ihnen aufzuschlagen drohst!
Du schiesst brüllend aus dem sicheren Grab auf und brichst die Wolkendecke, die mich bettet, trotzdem ist mir, als würde es regnen. Ein fürchterlich vergrämtes Schluchzen hallt durch die Gräben und noch bevor ich mir wünschen kann, dass du mich endlich erweckst, kenne ich den Grund: Du gehst schon wieder unter.
Es regnet und ich kann es nicht spüren. Die Regentropfen zerplatzen auf der Oberfläche meines Abgrundes innerhalb einer einzigen Sekunde allesamt und noch in der selben Sekunde erflehe ich die Fähigkeit, meinen Anker lichten zu können. Was will ich mit der Fähigkeit, die Grenzenlosigkeit eines Albtraumes greifen zu können?! Ich will, dass die Norm zurückkehrt, die Kopf und Kragen bis in alle Ewigkeit zertreibt und in der ich anschliessend ohne Erinnerung erwache!!
Auch wenn du untergegangen bist, glimmen deine Überbleibsel über der Oberfläche, damit deren illusorische Zerbrechlichkeit nicht vergessen geht. Ich will meinen Anker lichten und wenn mir das nicht zusteht, was will ich dann mit meinem verfluchten Stolz?! Bitte, bitte lichte dann du meinen Anker, durchstosse bitte meine Fassade und gib mir blaue Flecken, wenn du mich nur erreichen kannst, wenn du nur nicht weiter bei lebendigem Leib verbrennen musst und ich nicht weiter bei ganzem Verstande ertrinken muss!!
Auch wenn das alles ist.
Auch wenn mir nicht mehr zusteht.
Wenn das alles ist, was dort draussen auf mich zukommt, dann will ich das nicht.
Dann will ich heimkehren.
Aber ich bin aufgebrochen. 
Ich bin aufgebrochen und zerbreche.
Ich zerbreche.
Sekunde um Sekunde.
Ewigkeit um Ewigkeit.
"Bitte...", quillt es gebrochen von der erschütterten Zunge, die unverzüglich innehält, als sie sich entringt: "Bitte... mach, dass es aufhört...!"
Und von draussen ruft es gebrochen an mein Ohr: "...Dilara?!"
Und betreten erhasche ich die Stimme. Deine Stimme, die aufbrüllt, und es rumpelt gegen die Fassade und ich realisiere, dass ich neben dem Gehör auch die Stimme nicht verloren habe. Ich habe die Stimme nicht verloren. Und du hast mich gehört.
"Hlynur...!," schluchze ich, "Hlynur, bitte..., du musst machen, dass es aufhört!!"
Was auch immer es ist. Es macht uns leiden.
"Bitte mach, dass es aufhört!!"
Das furchteinflössende Gebrüll zerpflückt die verzweigenden Gedankenstränge. Dessen ungeachtet erreicht der Fokus die Aussicht auf dein Wort, denn es gibt keinen, der nicht darauf ausgerichtet ist.
"Bitte..."
"Du musst es erdulden...", rufst du und direkt verkeilt sich die Aussicht in der Hoffnung, "Du musst es erdulden, Dilara...!!" - "Hlynur...!!" - "Ich kann nicht zu dir kommen, sonst ist alles verloren!!"
Der um dein Wort geworfene Klammergriff lockert sich ob des verneinenden Inhaltes nicht. Nicht weil sich die Finger darin gleich einem Widerhaken verfangen haben. Sondern weil ich ihn nicht lockern will. Wie mir das ein Verlangen sein kann, ist und bleibt ein Rätsel, ist das, was du mir gibst, doch alles, was ich habe. Ganz unabhängig davon ob es meine Lebenslage verbessert oder nicht.
Ich kann mich nicht bewegen und sehen kann ich auch nicht, allein dein gramerfülltes Gebrüll, das aus brodelnden Lungen hervorkocht und die Flügel auflodern lässt, erreicht das Gehör. Wie es mich schmerzt. Es schmerzt so sehr, deiner Zerstörung beizuwohnen. Und wie es mich zerstört. Und aus kalter Asche aufleben lässt, denn wir teilen dieses Schicksal.
Die Bitte, wenigstens auf die Schreie zu verzichten, versiegt auf den Lippen. Das kann ich nicht verlangen. Einzig auf meinen Schmerz zu verzichten, ist nicht mein Verlangen. Bitte. Bitte steh mir noch eine Weile bei. Ich will es erdulden. Es ist dein Leben, das sich nimmermüde aufbäumt. Das will ich unterstützen.
Unvermittelt verlöscht das durch die Oberfläche schimmernde Licht. Mit weit geöffneten Augen verkomme ich zu einer Blinden, um die das einzige Dunkel, die sie zu kennen vermag, die Arme verschliesst, weil die Begleitperson verstummt.
Ich flirre innerlich geradezu auf und verzage beim fruchtlosen Kraftakt, die Lider in zusätzliche Höhenmeter zu hieven, um deine Stimme aus der schwarzen See zu fischen. Dein Schweigen bricht das meine und wie fallen gelassen erhebe ich das Wort. Nur ein Wort: "Bitte...!"
Der Aufruhr wird vernehmbarer, es rauscht und klirrt begleitet vom zahlreich von ausgestossenen Atemzügen zersiebten Schnaufen, während ich mehr als ein Wort nicht erheben kann, letztlich schweigst du nämlich um meinetwillen. Um meinetwillen erduldest du ein Vielfaches deines Unglückes. Um mich zu stützen. Eine solche Entscheidung darf in einer solchen Gegebenheit unter keinen Umständen angefochten werden. Und ist es nicht genauso egoistisch, mich über deine Entscheidung, dich mir zu unterstellen, zu erheben, wie wenn ich dich selber darum gebeten hätte, es um meinetwillen zu erdulden? Es ist nicht zu verschweigen, dass deine Entscheidung unserer Verbindung schadet. Aber sollte ich nicht für deine Selbstaufopferung dankbar sein, muss ich dafür wirklich wissen, was in den Schatten lauert? Wann, oh bei Freya wann ist endlich wieder Morgen...?
Mein einziger Stern ist verloschen. Noch dreht er seine Kreise, doch geht er auf eine Weise, der ich nicht länger folgen kann. Fern von meinen Gründen geht er unter, fern von meinen Gründen geht er auf. Die Hitzewallungen seiner malerischen Züge wissen die Anteilnahme meines Geistes beileibe nimmer aufzugleisen. Sie sind mir abhanden gekommen und so atme ich aus dem Graben zwischen unseren Läufen die russverschmierten Wasser des steigenden Meeresspiegels.
Ich erfriere.
Ich erfriere, denn obschon es nie im Leben hat kälter sein können, wird es stetig kälter.
Ich stemme meine unverwandten Blicke aufwärts. Wie entschlafend, die Augen allerdings weit aufgerissen, schliesslich kann einem in Blindheit keine Decke auf den Kopf fallen. Aufwärts aus dem Kältetod. Bitte. Bitte gib mir Feuer. Gib das alte Feuer mir zurück...!

edited on 23.05.2019, 18:58 by Der Herr Koi
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11 – Wovor ich Angst habe29. May 2019

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