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11 – Wovor ich Angst habe
29. May 2019

Wenn das Zeitalter der Verdammnis zu einer handvoll Stunden zusammengeschustert wird, so kann das lediglich die Arbeit willkommener Sonnenstrahlen sein, die durch die Ritzen perlen und auf den bewegungsunfähigen Gliedern zerspringen. Nach wie vor verbleibe ich blind, aber ich fühle: Es ist endlich wieder Morgen.
Draussen ist es still, unterdessen stapfen schwere Schritte durch den Raum. Augenblicklich lausche ich der wohlgesinnten Annäherung, die ich dahinter vermute, ja die ich dahinter zu stehen weiss. Es bist du, der über die Schwelle tritt und entkräftet in die eigenen vier Wände einkehrt, um zu mir an die Bettstatt zu treten. Ausgebrannt von den Geschehnissen der jüngsten Stunden lässt du dich neben mich auf die Laken fallen, worauf sich die Matratze zu deinen Gunsten neigt.
Ich schweige, du hingegen nicht: "...du hast gefragt, wovor ich Angst habe." Wovor du Angst hast. Du klingst erschöpft, aber kaum wie jemand, der am Ende ist. Der am Ende ist, wodurch er aufgeben muss, was ihm wichtig ist, um überleben zu können. Du klingst wie jemand, der noch mehr aufzugeben bereit ist, um überhaupt nicht erst in Zugzwang zu geraten. Um nicht vom weissen Niederschlag berührt zu werden, der mich begraben hat, lässt du wie bisher verglühen, was in dir brennt, anstatt es mit mir zu teilen.
"...wenn ich davon spreche, dass alles verloren ist, dann rede ich nicht von dem, was wir besitzen", fährst du fort, "Ich spreche von dir, Dilara. Ich habe Angst davor, dich zu verlieren." Ich horche auf. Traue meinen Ohren nicht. Utopisch, diesem aufgedeckten Eigennutz, dieser offenbarten Aufrichtigkeit mit Sinn und Verstand Glauben schenken zu können! Und dieses Gefühl, das unter meiner Brust aufschlägt, als wäre es aus allen Wolken gefallen, wie deplatziert, seine sterblichen Überreste auf die Schnelle identifizieren zu wollen!
"Es ist also kein Geheimnis mehr", gehe ich vorsichtig darauf ein, "Dass du alles besitzt, während ich nichts besitze." - "Mir ist bewusst, dass sich deiner Meinung nach keinerlei Gleichgewicht aus diesen Verhältnissen herauskristallisiert", erwiderst du, "Deshalb will ich beteuern, dass ebendiese Verhältnisse ein Gleichgewicht erst realistisch machen. Richtig, unsere Meinungen könnten nicht in entgegengesetztere Richtungen gehen; im Gegensatz zum Gleichgewicht ist dein Verständnis ebenso undenkbar wie das meine für deine Ausschweifungen. Vermutlich habe ich vor allen mir gegenüber zu beteuern, dass ein Gleichgewicht vorliegt, für das ebendiese Verhältnisse verantwortlich sind. Eben weil es dermassen unglaublich ist." - "...wenn du dich schwer tust, daran zu glauben, weshalb erwartest du dann, dass ich daran glauben kann?" Eine kurz gehaltene Pause und du atmest aus. Mir ist, als würdest du meine Frage belächeln. "Das erwarte ich nicht", antwortest du und mich fröstelt es aus einem unguten Bauchgefühl heraus.
"Was wirst du also tun?", frage ich, um nicht in eine Sackgasse zu steuern. Dummerweise hatte ich aufgrund des Tatbestandes auf der Bettstatt nicht viel mehr zu erwarten als eine Sackgasse, die sich um mich schliesst, um mich zu verschlingen.
Auch wenn er keinen Anteil am Gewicht auf mir hat, ich bemerke, wie dein Schatten auf mich fällt, wie du dich über mich beugst. Wie du dich über mein Gesicht beugst. Mit der Hand durch mein Haar fährst und deklarierst: "Ich wecke dich auf."
Du neigst dich an meinen Lippen vorüber und mit einem verheissungsvollen Flüsterton an mein Ohr.
"Ich wecke dich auf..."
Schlagartig spriessen die verzweigenden Gedanken zu einem unüberschaubar vielgeästeten Konstrukt von potenziellen Perspektiven, die durch den in dieser Sekunde unabdingbaren Überblick zum Panorama zusammengeschweisst werden. Die Gedanken rasen und gehen die Optionen durch, die mir zustehen, denn den Weckruf, den du beabsichtigst, kann ich allein mit dem Ende meiner Bemühungen assoziieren. Meine vollumfängliche Existenz beharrt darauf, ihn zu verhindern, ich muss mir jedoch vor Augen führen, dass ich nichts tun kann, kann ich mich doch nicht bewegen. Mir bleibt nicht viel, nicht viel ausser mein Wort, mein Wort ist alles, was ich habe, mir bleibt nicht viel und zeitgleich bleibt mir unsagbar viel; ich muss wissen, was ich sagen will, was ich zu sagen habe, um mich dir in den Weg zu stellen. Dafür muss ich mich für den richtigen Weg durch das Konstrukt der potenziellen Perspektiven entscheiden.
Mein Lieber, du unterschätzt mich! Mein gegenwärtiger Überblick beweist es mir. Rückblickend ist es offensichtlich, dass der Untergang der letzten Nacht ein niemals endender Prozess gewesen ist. Mit jedem Bruchteil einer Sekunde in diesem niemals endenden Prozess hat die Nacht an mir genagt. Betrachte ich diesen Sachverhalt, heisst er mir, dass immer ein Bruchteil meines Selbst hat zurückbleiben müssen, und dadurch ohne Widerspruch, dass von Anfang an garantiert gewesen ist, dass ich davonkommen kann. Und weil es stetig kälter geworden ist, habe ich das durchschaut, ich habe durchschaut, dass ich noch nicht unten angekommen bin, auch habe ich durchschaut, dass es nicht endgültig ist und dass es wieder aufwärts gehen wird, weil auf jede Nacht ein Morgen folgt. Das ist der Lauf der Dinge.
Im niemals endenden Untergang in den sich immer weiter um mich verschliessenden Abgrund, der mit seinem ungeheuerlichen Maul niemals zur Gänze zubeisst, habe ich gelernt, mich der garantierten Zukunft zu öffnen. Die Hauer schleifen zwar den Körper, der kleiner werdende Lichtpunkt über ihm distanziert sich jedoch nur scheinbar, nur wenn dies nicht durchschaut wird, bröckelt auch der Geist auseinander. Um diesen stattdessen zu nähren, hat der Fokus darauf zu ruhen, was bleibt. Weil garantiert ist, dass es wieder aufwärts gehen wird, hat der Fokus nicht darauf zu ruhen, sich wieder aufzurichten. Ich habe mich darauf fokussieren können, was ich von dort unten mitnehmen kann. 
Zuerst bin ich überallhin zertrieben worden, dann habe ich im fortwährenden Bestand Substanz gefunden, wodurch ich erfahren habe, dass der Bestand nicht unverderblich ist; du siehst, ich habe vom Lebensabend der Zeitlosigkeit erfahren, weshalb sich diese als Reaktion auf die gegebene Zeitspanne ausgebreitet hat. Dein Martyrium hat mir darin beigestanden und wenngleich ich nach seiner Entdeckung wiederum allein gewesen bin, weil du das Elend in dich gefressen hast, anstatt es dir aus dem Leib zu schreien, ist das nicht vergleichbar mit meinem Gedächtnisverlust, in dem ich keinesfalls sicher bin, ob jemals etwas zu mir zurückgelangen wird. Du begleitest mich und ohne dich wäre ich verloren. Dies jedoch bloss, wenn ich dich niemals kennengelernt hätte. Jetzt hast du begonnen, das Elend in dich zu fressen, du hast mich allein gelassen, da ich aber von deinem Beistand erfahren hatte, habe ich sicher sein können, dass du da bist. Nicht bloss der Morgen ist mir sicher gewesen, sondern auch die Gewissheit, dass dort draussen eine Vertrautheit aufgebrochen ist, um am nächsten Morgen zu mir zurückzugelangen.
Ich habe im kalten Grab mein Herz aufschlagen hören. Und mich gewundert, ob es in dir ähnlich ausschaut. Wenn du regelmässig einen eigenen Kampf zu führen hast, was der gegenwärtige Eindruck vermittelt, dann muss es in dir zwingend ähnlich ausschauen. Weil du weisst, dass das Leben morgen weitergeht, kannst du dich deinen Dämonen stellen. Und weil du dich deinen Dämonen stellen kannst, kannst du aufrecht weiter durch das Leben gehen.
Du hast klar und deutlich einiges vor mir verheimlicht. Anstatt mir darüber den Kopf zu zerbrechen, ist dieser aufgebrochen, um mit offenen Augen durch die Dunkelheit zu wandern. Anstatt an dieser zu zerbrechen, bin ich aufgebrochen. Die Grenzenlosigkeit hat mich nicht länger gefangen gehalten. Ich habe begonnen, sie zu ergründen. Ich hatte angeklagt, dass sie mir nicht zusteht, weil ich sie nicht ergreifen kann. Erst als ich mich nicht mehr darauf konzentriert habe, was ich nicht besitze, habe ich begonnen, zu verstehen, was ich benötige. Ohne Fragen zu stellen, habe ich Antworten in der Form von Lehren ausfindig gemacht, und ich habe sie zu einem Kegel gebaut und mir ein Feuer angezündet. Ich habe mich am Feuer aufgewärmt und meinen Schatten zum Teufel gejagt.
"Wie glücklich ich bin, dass du überlebt hast!"
Du hältst in Anbetracht meiner Worte inne.
Für zwei dutzend Sekunden geschieht nichts, diesen Erfolg wirst du mir nicht nehmen. Angespannt harre ich deiner Antwort.
"Weder Tod noch Teufel wird sich mir in den Weg stellen können", sprichst du schliesslich, "Ich lasse nicht zu, dass wir uns verlieren."
Du lässt von mir ab und richtest dich auf. Der Weckruf scheint an Priorität eingebüsst zu haben. Ich kann mir nicht zusammenreimen, was überhaupt dahintersteckt und was der Knoten am Hinterkopf damit zu schaffen hat. Was bekannt ist, ist nur der Umstand, dass ich nicht auf Antworten drängen darf. Ich bin zuversichtlich, dass ich davonkommen kann. Darauf habe ich mich auszurichten. Die Zukunft wird nicht erreicht, indem man blindlings voranprescht oder sich fügt, sondern indem man erduldet und aufmerksam bleibt. Indem ich zuhöre, summieren sich die Antworten, die ich dir geben kann.
"Fürchtest du dich nicht vor dem, was sich zugetragen hat?", erkundigst du dich vorsichtig, "Ich will nicht, dass du dich fürchten musst." - "...ich fürchte mich höchstens davor, dich zu verlieren", greife ich auf, "Wie sollte ich mich vor etwas fürchten können, das ich nicht kenne, wenn ich doch kurz davor gewesen sein muss, zu verlieren, was ich kenne und was mir von Bedeutung ist?" - "Die Einsamkeit kennst du ebenfalls nicht." - "...die Tage sind länger, als du dir vorstellen kannst. Um ehrlich zu sein, erleichtert es mich, dass auch du einen Kampf zu führen hast. Was für einen Kampf auch immer du zu führen hast, dass wir das daraus resultierende Elend gemeinsam überstanden haben, hat mich auch den längsten Tag vergessen lassen. Es tut mir leid, aber es ist schon eine Weile her, dass ich mich dir so nahe wie in diesem Elend gefühlt habe."
Die bedrückende Atmosphäre pendelt zwischen uns und weil du zuerst verarbeiten musst oder darüber nachdenken musst, mit welcher Aufgeschlossenheit ich der deinen begegne, gelange ich an dich, bevor du an mich gelangen kannst: "Ich bin nicht durchwegs ehrlich gewesen, es tut mir leid. Wenn du das verzeihen kannst, will ich die Bitte an dich richten, mich nicht aufzuwecken. Wenn du mir erklären willst, dass es sich hierbei um eine Fantasterei meines durch die langen Tage verzehrten Verstandes handelt, dann handelt es sich um eine Fantasterei, aus der ich nicht erwachen will. Bitte schick mich nicht hinfort, Hlynur."
"Diese Stunden, du willst sie nicht vergessen?", ermittelst du, ehe du bedächtig umformulierst: "Ist es deine ehrliche Absicht, an ihnen festzuhalten?"
Die Atmosphäre klirrt auf. Das Bauchgefühl schlägt in Gestalt von eisiger Abweisung aus, die hinter den Aussagen verborgen gelegen hat. Sie überkommt den Raum und die Zeit steht still, als im gleichen Atemzug dein Atem mein Gesicht überkommt und deine Finger nochmalig meinen Kopf umstreichen. Ich lasse meinen Atem sofort versiegen und der deine umstreicht die kalten Wangen. Auch wenn ich das sich senkende Damoklesschwert nicht hinterfrage, ich vertraue dir keineswegs; meine Zähne sind fest zusammengebissen, aber ich vertraue auf meine Fähigkeiten.
Der Finger drückt gegen den Knoten.

[Die Geschichte setzt am 2., 16. und 30. Juni, hier jeweils in der Woche danach aus!]

edited on 29.05.2019, 21:27 by Der Herr Koi
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