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12 – Nichts weiter als Gerechtigkeit
13. June 2019

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass ich gut geschlafen habe. Denn als ich wieder zu mir komme, muss ich mich auf dich verlassen. Verwässert ist der heisse Kuss infolge der jüngsten Strömungen, weshalb einmal mehr bloss deine Hand bleibt, um mich dem Schlaf zu entheben. Ich fühle, ich kann mich auf sie verlassen, darauf, dass sie sich um mich krallt, als gäbe es da noch etwas, das sich unter den Nagel zu reissen ist. Dabei bin ich doch schon seit geraumer Zeit nackt, was glaubst du denn, weshalb es mich zum Feuer zieht?
Ich kann sehen. Das Sehvermögen ist zurückgekehrt. Misstrauisch blinzle ich der Schlafzimmerdecke entgegen, als du mich aufrichtest. Die Bettdecke rutscht mir dabei vom Oberkörper. Langsam. Ohne Eile und einig mit der Gemächlichkeit des Aufrichtens rutscht die Decke vom Oberkörper hinunter in den Schoss, wo sie sachte zusammensackt. Das Sehvermögen scheint mir sofort wieder zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein, denn das Absacken der Decke hat mich in mancherlei Hinsicht verdutzt. Es ist zum alleinherrschenden Mittelpunkt meiner Wahrnehmung geworden, weil. Weil ich es fühlen kann. Den Laken enthoben tagt es mir bezaubernder als der Tag an sich, dass ich den Laken entkommen bin.
Weil ich es fühlen kann, will es mich schaudern, weshalb ich die Hand erhebe, um meinen Arm zu umfassen. Aber anstatt meinen Arm zu umfassen, starre ich sie an. Ich kann mich wieder bewegen. Vor mir erstrecken sich die verwinkelten Gassen auf der weissen Handfläche und ich sehe, dass ich mich wieder bewegen kann.
"Deine Beine sind ebenfalls genesen", teilst du mit, nachdem du aufgestanden bist, mich verfolgend, wie ich die Handfläche begutachte, wobei ich aus meiner Position sofort zu dir hinüberblicke. Am liebsten würde ich dich bitten, das zu wiederholen. Eine Notwendigkeit, das zu wiederholen, besteht jedoch nicht. Ich habe dich schon verstanden. Es verwundert mich auch überhaupt nicht mehr. Dazu gibt es keinen Grund mehr.
"Lass uns bei Tisch bereden, was sich zugetragen hat", führst du auf, "Es soll uns dabei unterstützen, uns noch näher zu finden. Ausserdem will ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und mich entschuldigen, weil auch ich nicht durchwegs ehrlich gewesen bin. Ich werde das ändern und dir berichten, wozu ich bisher kein Wort gefunden habe." Eine perfekte Vorlage, um auf dich einzugehen, aber ich will nichts riskieren. Dass du mir neuerdings berichten kannst, ist bereits dem bisherigen Konfrontationskurs zu verdanken. Es wäre nicht sonderlich intelligent, dir weiterhin auf die Pelle zu rücken. Ausserdem schlägst du vor, bei Tisch auf mich zu warten: "Du kannst jederzeit nachfolgen, wenn du deine Gedanken gesammelt hast." Einverstanden.
Aufschauend fixiere ich deinen abgehenden Rücken. Berichten willst du. Dann tu das. Es ist nicht ausserordentlich viel, aber tu das. Ich will dir zuhören und durch deinen Bericht meinen Grundstein erweitern.
Als du abgegangen bist, rutsche ich unter der Bettdecke entlang an die Kante, um meine Füsse aufzusetzen. Mit einem munter anmutenden Zehenspiel tue ich das. Fast schon behäbig versuche ich, mich aufzurichten. Als hätte ich es verlernt. Umso überraschender ist es, dass ich nicht auf wackeligen Beinen stehe. Sie sind tatsächlich genesen.
Mir fehlt nichts. Ich gebe es ungerne zu, aber es hat mich eben doch ziemlich mitgenommen, körperlich beeinträchtigt zu sein. Selber zum Ballast zu verkommen, der die Arbeit von jemandem, in diesem Fall von mir selber drosselt. Es ist überstanden, wie ich begreife, der Körper ist wieder vollständig funktionsfähig und ich atme erleichtert auf, mich auf das Bett zurückfallen lassend, wo ich sitzen bleibe und für einen Augenblick vor mich hinsinniere.
Auch sonst fehlt mir nichts. Ich erinnere mich an die lange Nacht. Danach bist du zu mir getreten und ich bin eingeschlafen. Als ich dann erwacht bin, bist du nach wie vor bei mir gewesen und ich habe überlegt, ob ich es bewerkstelligen würde, selbstständig ein Boot zu manövrieren. Ehe ich gleich wieder eingeschlafen bin, hatte ich es ausgeschlossen, und jetzt bin ich vollständig genesen aufgewacht und ein klärendes Gespräch steht bevor. Auch wenn zu bezweifeln ist, dass alles besprochen werden wird, was du mir verheimlichst, so wäre es dennoch recht kontraproduktiv, sich in den zweifellosen Tod zu stürzen. Auch wenn ich darauf vertrauen kann, dass du mich aus den Fluten ziehen würdest.

Draussen bricht das Dämmergrau entzwei, als ich mich zu dir an den Essenstisch setze, worauf du dich erhebst, um das Morgenmahl zu servieren. Ich betrachte aufmerksam deinen Rücken, als du am Ofen am werkeln bist, von dem zusammen mit einem ansprechenden Aroma eine heimelige Temperatur ausgeht.
"Das ist der zweite Tag nach der Nacht, in der ich wach gewesen bin", beleuchte ich die Erkenntnis, die du bestätigst und erweiterst: "Du hast den ersten Tag und die darauffolgende Nacht durchgeschlafen. Aber wem wäre das zu verübeln?"
Ich verstehe. Es muss dir bewusst sein, dass ich mittlerweile verstehe, dass der Knoten am Hinterkopf bestimmte Gehirnfunktionen beeinflusst und dass die Ausübung von Druck mich ohne grossen Aufwand ausknocken kann, bis die Funktionen wieder zugelassen werden. Bestimmt ist der Grad der Einflussnahme begrenzt, weshalb ich nicht tatsächlich durchgeschlafen habe und kurz aufgewacht bin. Es muss dir bewusst sein. Dass du trotzdem so tust, als hättest du keinen Einfluss auf mein Schlafverhalten, heisst im Klartext, dass du nicht im Sinn hast, alles zu besprechen. Ich bin gespannt, an welchem Punkt du glauben wirst, dass ich befriedigt bin.
Wonach ich fordere, ist nichts weiter als Gerechtigkeit in unserer Beziehung. Ja, da ist dieser Fluchtreflex, aber wem wäre das zu verübeln? Ich will fortfahren, mein Land zu erforschen, bevor ich zu neuen Ufern aufbreche. Auch wenn ich mittlerweile ein mulmiges Gefühl habe, wenn ich bei dir weile, darf ich den Konfrontationskurs nicht scheuen. Er ist fortzuführen, um mitzunehmen, was mitzunehmen ist. Das nächste Kapitel folgt auf die eine oder andere Weise, es ist an der Zeit, mich auch explizit daran zu beteiligen.

[Die Geschichte setzt am 2., 16. und 30. Juni, hier jeweils in der Woche danach aus!]

edited on 13.06.2019, 20:55 by Der Herr Koi
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12 – Nichts weiter als Gerechtigkeit 0227. June 2019

Du servierst die Speisen und setzt dich an den Tisch, als du realisierst, dass ich die glatte Oberfläche deiner Augen fixiere, um sie aufzuwirbeln. Es will mir nicht gelingen und du widmest dich…

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Comments

Ich habe zuerst Konfrontationskuss gelesen, was mich dann in dem Kontext zum Schmunzeln gebracht hat. :D

Freue mich schon auf den nächsten Teil!