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12 – Nichts weiter als Gerechtigkeit 02
27. June 2019

Du servierst die Speisen und setzt dich an den Tisch, als du realisierst, dass ich die glatte Oberfläche deiner Augen fixiere, um sie aufzuwirbeln. Es will mir nicht gelingen und du widmest dich deinem Teller zu, die Finger auf Messer und Gabel legend, um sie aufzunehmen.
"Liebst du mich noch, Dilara?"
Wenn ich Gerechtigkeit fordere, habe ich mich daran zu beteiligen.
"Ich glaube an unsere Liebe", antworte ich, nicht von dir ablassend, "Ich kann jedoch nicht verleugnen, dass ich ihr seit einiger Zeit mit Bedenken begegnen muss, weil ich begonnen habe, zu erkennen, wie wenig ich weiss." - "Das hat dich schon immer beschäftigt", bejahst du und schon diese simple Aussage der Bekräftigung macht dich unbekannter. Als hättest du mir doch zugehört und bloss eine Rolle gespielt.
"Du hast mein Herz gebrochen, weil du Geheimnisse vor mir hast, die nicht allein das deine Leben betreffen", mache ich dir ernstlich klar, "Deshalb ist mir jene Nacht vorgekommen, als hättest du sie endlich mit mir geteilt. Sie hat mich glauben gemacht, dass unsere Liebe weitergehen kann. Was geschehen ist, ist aber nicht auf deinen Wunsch geschehen." Die Dauer des Einflusses des Knotens ist begrenzt, deshalb hast du nicht gewollt, dass ich mich an ihm zu schaffen mache und deshalb bin ich erstmalig mitten in der Nacht aufgewacht. "Du musst mir alles erzählen, ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam daran arbeiten können!"
"Ich liebe dich noch, Dilara", bekräftigst du. Meine Lippen lassen voneinander los. Du schiebst die geladene Gabel zwischen deinen hindurch und lässt dir das Mahl munden, bevor du anfügst: "Ich werde dich immer lieben und deshalb will ich dir alles erzählen."
Ich höre dich an, als du zu erzählen beginnst. Die Wahrheit ist, du führst deinen Kampf bereits jahrelang und nicht die Sturmwinde sind, was Zerstörung bringt. Nacht um Nacht steigt wildes Getier an Land. Normalerweise jagt es auf hoher See, wo es sich von Fisch ernährt. Seit es jedoch die namenlose Insel entdeckt hat, steigt es des nachts an Land, um sich über die vermeintlich leichte Beute herzumachen. Du machst dir Vorwürfe, weil du es auch schon tagsüber beobachtet hast, dort draussen, als es sich hat treiben lassen und du hast nichts unternommen in der Hoffnung, irgendwann sein Interesse zu verlieren. Leider erachten Tiere wie diese überdimensionalen Reptilien und Schlangen eine sich auch künftig wehrende Beute auch künftig als frische Beute.
Der Vorhang deines gezeichneten Gesichtes wird gelüftet, als du aufschaust und zugibst, dass du mich freiwillig alleine lässt. Du fährst nicht hinaus, um dich den lieben langen Tag lang um Fische abzumühen. Ich habe es geahnt. Du brauchst bei weitem nicht so lange, um uns zu versorgen. Der Hintergrund für deine Ausfahrten, die mich alleine zurücklassen, ist der Schlaf. Du schlägst nachtsüber deinen Kampf, infolgedessen kommst du nicht zu Schlaf. Du fährst hinaus, um zu schlafen.
"Warum hast du mir das nicht früher mitgeteilt?", erkundige ich mich, ist es doch weitaus verletzender, es im Nachhinein zu erfahren, und du erklärst: "Dazu muss ich Beichte tun, fatalerweise habe ich mich dir nämlich immer unterstellt." - "Wie bitte?", entgegne ich stockend. Es kann nicht sein. Dass mich dieses Zugeständnis nicht zufrieden stimmen kann. "Wie ist das gemeint?" - "Wenn ich davon spreche, dass du alles für mich bist, dann spreche ich davon, dass du alles bist, was ich besitze." - "..." - "Ich kämpfe gegen das Getier an, um zu beschützen, was ich besitze, und ich habe es dir nicht früher mitgeteilt, weil ich korrekterweise die Befürchtung gehabt habe, dass du der Meinung bist, dass wir die Bedrohung gemeinsam stemmen müssen, anstatt dass ich sie alleine stemme, um dich der Bedrohung nicht auszusetzen. Und nachdem ich einmal damit angefangen hatte, habe ich damit weitergemacht, deinen nach und nach hervortretenden Anstrengungen für eine offenere Beziehung zum Trotz. Ich habe gewollt, dass du glücklich bist und dass du nicht böse sein musst, wenn du von meiner Geheimnistuerei erfährst, wenn du erfährst, in welchem Ausmass ich über dich verfüge. Ich bin dankbar, dass du es nicht bist."
"...was hat es mit dem Knoten auf sich?", presche ich voran. Ich bereue es augenblicklich, steigert es doch die Chance, dass du mir ausweichst. Der Plan, das Gespräch nach deiner Vorstellung vorangehen zu lassen, ist damit gegessen, und du erwiderst vom Teller aufschauend mein Augenmerk. Was auch immer, es ist getan, also nichts wie weiter: "An meinem Hinterkopf gibt es diese Stelle, in die ich hineindrücken kann, und dann ist da dieser Knoten. Diesen berührst du jeweils, um mich auszuknocken, und auch, um mich aufzuwecken. Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil eine solche Beeinflussung der Gehirnfunktionen begrenzt sein muss. Was ich nicht verstehe, ist dein Verhalten am Morgen danach. Du hast mich aufwecken wollen, obschon ich wach gewesen bin. Was hat es mit alle dem auf sich?"
"Du hast Recht", äusserst du dich schliesslich dazu, "Ich beeinflusse deinen Schlafrhythmus, damit ich meine mir selbst auferlegte Aufgabe erfüllen kann. Jetzt weisst du Bescheid, insofern will ich dir sagen, was es damit auf sich hat, damit du auch verstehst. Der Knoten ist ein Überbleibsel der Krankheit, die das Volk dieses Landes dahingerafft hat und die du und ich überlebt haben. Mittels sorgfältiger Handhabung kann dem Gehirn ein unmenschlicher Schmerz vorgegaukelt werden, der nicht zu erdulden ist, ohne dass der Verstand den Geist aufgibt. Als Reaktion setzt das Gehirn den Körper ausser Kraft." Aus ausgelaugten Augen spiegelst du mich wider. "Ich habe gelernt, wie ich den Knoten handhaben muss, um dir auch tatsächlich erlittenen Schmerz zu nehmen. Als ich gesagt habe, dass ich dich wecke, habe ich gemeint, dass ich dich vergessen mache."
Wir weiden uns aus. Ertrinkend. Einer in des anderen Augengang. Im eigenen Ebenbild, das sich auftut. Aus dem dunkel das Gewesene erinnert wird.
"Bist du... für meinen Gedächtnisverlust verantwortlich?"
Diese Frage hast du erwartet. Nicht erhofft. Meinen versunkenen Mundwinkeln gleichgesinnt antwortest du: "Nein, das bin ich nicht." Natürlich nicht. Es gibt kein Argument, das für eine andere Antwort gesprochen hätte. Was hätte dich schon zu einer solch verabscheuenswürdigen Tat veranlassen sollen?
"Ich habe dir versprochen, dass ich mich bemühen werde, und ich stehe zu meinem Wort", fährst du fort, mit dem letzen Stück Fisch die Sosse aufwischend, "Dem Versprechen kommt zu Gute, dass die Wahrheit auf dem Tisch ist. Ab sofort fahre ich nur noch so lange hinaus, wie es notwendig ist. Den Rest des Tages werde ich an Land zubringen und wenn ich nicht ruhe, werde ich dich im Garten unterstützen oder einen Spaziergang mit dir unternehmen. Es wird einiges für mich zu lernen und zu sehen geben. Wie schön, hat uns der Streit nicht auseinandergetrieben und uns stattdessen noch enger zusammengeschweisst, sodass ich dich nicht länger alleine lassen muss. Danke, dass du deine Sorgen nicht ungesagt gelassen hast, Dilara!"
Wie du dir den Fisch in den Mund schiebst und mich glücklich anstrahlst, schnüren sich die Sorgen enger um meine Brust. Kein einziges Wort bringe ich mehr hervor und ich blicke hinunter zu meinem unberührten Teller. Ich habe keinerlei Fortschritte gemacht. Und was vor mir liegt, ist unlängst kalt geworden. Wie gut, vermag das meinen Antrieb nimmer zu ersticken.
Ich nehme den Teller, erhebe mich an deinen wachsamen Augen vorüber und wärme die Speisen wieder auf, um mich dann zurück zu Tisch zu begeben, wobei mein Blick das Fenster streift. Es ist landeinwärts gelegen und auf die Plattform des Klosters ausgerichtet. Das Kloster, das weit hinter meinem Rücken gestanden hat, tritt in den Vordergrund. Letzten Endes wird es nur einen einzigen Ausweg aus unserer Disharmonie geben. Ich werde dem Herzen dieser Insel auf den Grund gehen müssen. 
Ich greife zu Messer und Gabel und schlage zu.

[Die Geschichte setzt am 2., 16. und 30. Juni, hier jeweils in der Woche danach aus!]

edited on 27.06.2019, 20:06 by Der Herr Koi
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13 – Dilara Jasminko11. July 2019

Dass ich meiner Linie treu bleiben muss, ist ganz unabhängig davon, ob du mich absichtlich in Ecken drängst. Dass du es tust, habe ich einmal mehr fast bloss geschluckt, als du frohlockend…

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