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13 – Dilara Jasminko
11. July 2019

Dass ich meiner Linie treu bleiben muss, ist ganz unabhängig davon, ob du mich absichtlich in Ecken drängst. Dass du es tust, habe ich einmal mehr fast bloss geschluckt, als du frohlockend verkündet hast, fortan mehr Zeit an Land zu verbringen. Bei mir. Während ich mir das zwar gewünscht hatte, bekomme ich doch nur zu spüren, wie es mich einschränkt. Ich kann in deinem Schatten nicht länger zu beleuchten versuchen, auf was für einem Boden unsere Beziehung aufgebaut ist, wenn du mit deiner Geheimnistuerei gegen meinen Willen auch die meine aufgibst, um die Kontrolle über mich nicht zu verlieren. Zumal ich der Berichterstattung bei Tisch nicht wie gebannt, sondern skeptisch gegenübergestanden habe. Aber wie gesagt, alles, was ich zu tun habe, ist, meiner Linie treu zu bleiben und aus den Ecken wieder hervorzutreten.
Bevor du hinausfährst, um noch vor Mittag einen Fang für die nächsten Tage zu machen, damit wir die nächsten Tage beisammen verbringen können, nimmst du mich an die Brust. Du drückst mich herzlich und verabschiedest dich mit einem innigen Kuss. Die Hand tief in meinen Haaren vergraben, versetzt du sie von Grund auf in Wallung, indem du mich streichelst, und meine Wangen scheinen zu verglühen, weil ich zuversichtlich bin. Auch wenn ich zum wiederholten Male in eine Ecke gedrängt werde, so habe ich doch Fortschritte gemacht. Und ich werde nicht aufhören, Fortschritte zu machen.
Mit der Bitte, auf die genesenen Beine weiterhin achtzugeben, verabschiedest du dich. Für die ersten Minuten deiner Abwesenheit bleibe ich sitzen, ehe ich praktisch aufspringe, um eine zügige Exkursion zum Kloster zu absolvieren. Denn infolge der Berichterstattung bei Tisch halte ich es für unbestreitbar, dass beim Kloster keine Bedrohung droht und die Warnungen deinerseits allein dazu gedient haben, mich von einer Sache fernzuhalten. Wenn es sich um eine waschechte Bedrohung handeln würde, dann hättest du mir mitgeteilt, worum es sich bei der Bedrohung wirklich handelt, so aber muss es mehr sein als die auflauernde Krankheit und bevor ich das Gedächtnis verloren habe, muss ich informiert gewesen sein. Da ich das Gedächtnis in den Fluten und nicht im Kloster verloren habe, habe ich nichts zu befürchten, ausser dass der Eindruck entsteht, dass du nicht willst, dass ich mein Gedächtnis zurückerlange.
Ich schenke dir keinen Glauben.
Nachdem ich mich gemäss deiner Aussage beim Kloster angesteckt hatte, hast du mich gesundgepflegt. Als ich wieder zu mir gekommen bin, hast du geräderter als je  zuvor ausgesehen. Dabei bist du an Land geblieben und hättest den Tag damit zubringen können, dich von den nächtlichen Attacken zu erholen. Auch die Reparaturen am Haus hast du vernachlässigt. Du hast gesagt, ich hätte mich wie ein Biest verhalten. Das Problem ist, dass ich mich an nichts erinnere, was sich während der Krankheit zugetragen hat. Zeitgleich scheine ich eine sehr lange Zeit krank gewesen zu sein. Davon dass der Angelhaken in dieser Zeit vergraben worden sein muss, da ich ihn ansonsten davor gefunden hätte, will ich überhaupt nicht erst anfangen.
Ich glaube nicht, dass ich krank gewesen bin. Wenn ich mich recht entsinne, hast du mir an den Hinterkopf gelangt, als du mir zum Kloster gefolgt bist, ohne selber krank zu werden. Ich habe geschlafen, das ist meine Theorie. Das wiederum bedeutet, dass ich schon einmal tagsüber eingeschlafen bin. Das jedoch beisst sich mit dem Glauben, dass ich erst einmal nachtsüber aufgewacht bin. Aber selbst wenn ich nicht alles über die Begrenzungen der Einflussnahme auf die Körperfunktionen weiss, müsste ich mich daran erinnern, dass ich aufgewacht bin. Auch wenn du mich direkt wieder schlafen geschickt haben solltest. Immerhin ist das zuletzt genau so passiert.
Jetzt wo ich weiss, dass du mich vergessen machen kannst, ergeben sich Optionen, die ich nicht für denkbar gehalten hatte. Anders als die bisherigen, die begreiflich gewesen sind, beantworten sie sogar Fragen. Anders gesehen bist du befähigt, mich mit dem Wissen des letzten Zubettgehens aufzuwecken oder die letzten Wachestunden auszulöschen und mich mit dem Wissen des vorletzten Zubettgehens aufzuwecken. Die Entscheidung hast du zu fällen, wenn du mich schlafen schickst.
Ich muss davon ausgehen, dass du das bereits genutzt hast und dass mir demzufolge Erinnerungen fehlen, die nicht mit dem Gedächtnisverlust zusammenhängen. Kein Wunder, kann ich mir kein Bild von der Situation machen. Was du dir erlaubst, ist widerwärtig, und ich werde das nicht nochmals durchgehen lassen, aber wenigstens weist du mich entgegen deinem Mutwillen darauf hin, dass ich mich zwar nicht zum Kloster begeben darf, es jedoch allemal kann.
Ich eile nach draussen, setze an, um zum Strand hinunterzugehen und mich zu versichern, dass ich dich nicht mehr sehen kann. In diesem Moment der Entschlossenheit passiert es, dass ich sie im Augenwinkel erhasche. Der nächste Schritt ist direkt langsamer gesetzt und mit dem darauffolgenden stehe ich still. Ich drehe mich nach ihnen um. Der Steg, der von hier fortführt. Was von ihm übrig ist, sind die in die Erde gehauenen Pflöcke in den Ecken. Die Bretter und Balken sind allesamt verschwunden, auch jene, die in das Bett getrieben worden sind. Klar sind es zerstörte Pfade gewesen, aber es sind Pfade gewesen, und dass sie nun verschwunden sind, ist wie ein Stich in das Herz. Ich habe sie gehen können und wenn ich jetzt ein Bett passieren will, muss ich durch das Wasser waten. Wie auch immer ich es auch anstellen würde, du würdest mich durchschauen, durchschauen mit deinen frohlockenden Augen. Weil ich es nicht mehr spurlos anstellen kann.
Wie weh es tut, keine Spuren hinterlassen zu wollen.

Als du nach Mittag an Land zurückgelangst, ist mir überhaupt nicht klar, wie du dir nicht hast denken können, dass ich auf dich warte, aber wenn ich ehrlich bin, wäre es mir auch egal, wenn du entgegen deines Wortes später an Land zurückgelangt wärst, weil du schonmal zwei, drei Stündchen gedöst hast, um danach länger über mich wachen zu können.
Du legst mit dem Boot am Strand an und haust zügig den Pflock in die Seilschlinge, um durch den aufgeweichten Sand zu stapfen und dich über mir zu erheben. Die Beine angewinkelt und die Arme darumgeschlungen, plansche ich mit den Füssen ungeduldig im sich zurückziehenden Spiegel, in dem die Szenerie zertreten wird.
Verärgert blitze ich empor und du merkst sofort, wie die Gewichte sich verschieben, als ich innehalte und mich auf deine Augenhöhe erhebe. Aus merklich aufgewirbelter Gelassenheit schaffst du es nicht, mich einzunehmen, weil ich damit beschäftigt bin, dich auszunehmen.
"Du siehst gut aus."
Jedes Wort zergeht auf meiner Zunge. Wenngleich ich sie systematisch formuliere, speie ich sie dir gegen diese vermaledeite Maske.
"...ist das so, wie taktvoll von dir, Dilara", gehst du darauf ein, "So fühle ich mich nur leider nicht, noch immer fühle ich mich durch letzte Nacht zerrüttet." - "Es ist eine stürmische Nacht gewesen", meine ich, "Du solltest dich nicht überanstrengen. Hast du einen guten Fang gemacht? Du solltest dich ausruhen und mir für einmal das Abendessen überlassen. Ich will mich darum kümmern, sobald ich die heutige Arbeit in meinem Garten abgeschlossen habe." - "Das ist sehr liebenswürdig, aber willst du nicht bei mir ruhen?" - "Aber was soll das denn bringen, ich habe letzte Nacht durchgeschlafen," bin ich verdutzt, was du schlagartig konfrontierst: "Das hast du, weil ich es so gewollt habe." Der paralysierende Giftstoff dieses hinterhältigen Schlangenbisses entfaltet seine vollumfängliche Wirkung sofort. Ich schweige.

edited on 11.07.2019, 18:47 by Der Herr Koi
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13 – Dilara Jasminko 0218. July 2019

"Du hast immer bloss geschlafen, weil ich es so gewollt habe", schilderst du, "Ich bin der Meinung, dass ich kein Recht habe, in einem solchen Mass Einfluss auf dich zu haben. Zugegebenermassen…

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