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13 – Dilara Jasminko 02
18. July 2019

"Du hast immer bloss geschlafen, weil ich es so gewollt habe", schilderst du, "Ich bin der Meinung, dass ich kein Recht habe, in einem solchen Mass Einfluss auf dich zu haben. Zugegebenermassen werden wir uns dennoch zusammenraufen müssen, da ich trotzdem nicht möchte, dass du dich an meiner Seite gegen die Attacken auf unsere Heimstatt stellst, aber dass du lernst, eigenständig zu schlafen, halte ich allemal für eine wichtige Angelegenheit." Daran hatte ich gar nicht gedacht.
Mit einem flüchtigen Lächeln auf den Lippen erwartest du meine Antwort in der Hoffnung, nichts falsches gesagt zu haben. Als hättest du etwas richtiges sagen können.
"...das stimmt wohl", kommentiere ich lediglich, ehe ich mir im aufgeworfenen Zusammenhang erfrage: "Als ich in der Nacht aufgewacht bin, bin ich blind gewesen und ich habe mich nicht bewegen können. Ich will nicht, dass das passiert, weil etwas beim Einschlafen nicht korrekt gelaufen ist, also wie hat das passieren können?" - "Das muss passiert sein, weil du keine Übung im Umgang mit dem Knoten hast", antwortest du, "Die Körperfunktionen werden deshalb nicht in einem einzigen Ruck, sondern in Stücken zurückgekehrt sein, ich werde mich bemühen, es dich richtig zu lehren -" - "Kannst du mir dann auch beibringen", schweife ich mit beiseiteschwingender Hand hinüber, "Was es mit dem Verschwinden der Stege auf sich hat?" Ohne den Kopf zu wenden, folgst du entgeistert der richtungsweisenden Hand.
"Dilara, sie sind zerstört gewesen, ist das nicht so...?", fixierst du mich, "Wenn wir spazieren gehen wollen, muss ich sie zuallererst reparieren -" - "Wenn wir spazieren gehen wollen, bin ich der Ansicht, dass wir auch einmal eine Ausfahrt auf die See machen sollten", durchstosse ich deine Fixation, "Du hattest es Ingvar versprochen, es gibt nichts, was dich abhält, mir ebenfalls zu zeigen, was mir entgeht, immerhin bist du ein meisterlicher Fischersmann und du hast keinerlei Laune der See zu fürchten, du hast selber zugegeben, dass du ein Meister bist!" - "Nein!", stösst du aus, "Das kommt nicht in Frage! Die Welt ist nicht für uns gemacht, nach allem, was wir durchgemacht haben, würden wir dort draussen nie im Leben Frieden finden können!" - "Wie bitte?" - "Hier haben wir unseren Frieden und wenn wir nur wieder zusammenfinden und uns wieder wie vorher lieben können, dann ist das doch alles, was wir verlangen können, ist das nicht so?!"
Als ich ein Feuer angezündet habe, um mich aufzutauen, habe ich nicht ahnen können, dass es zwischen uns brennen würde. Es brennt lichterloh.
"Es ist wirklich schön, dass du weisst, was du alles besitzt und nicht aufzugeben bereit bist." - "Dilara..." - "Da ist nichts, was mich ausmacht. Da ist keine Gerechtigkeit. Einzig dass wir wissen, was wir wollen, verbindet uns. Und sogar gegen diese Verbindung sträubst du dich." - "Es gibt sehr wohl etwas, das dich ausmacht", beteuerst du und ich sehe dir an, dass du zuerst dazu tendiert hast, auf unsere Liebe zu schwören, "Du bist Dilara Jasminko und den Barrieren zuwider, die dich davon abhalten, auf die Geschichte dieser Person zuzugreifen, sie ist da in dir und ich erachte es als meine Pflicht, dich auf dem Weg zu dir zu unterstützen!" - "Aber von mir bin ich doch losgelaufen...", entgegne ich, "Auch wenn du nicht für meinen Gedächtnisverlust verantwortlich bist... wegen dir bin ich, wer ich bin." - "Wegen...?" - "Bloss auf mich bedacht zu sein, ist das nicht die Barriere an sich...? Darüber muss hinauszuwachsen sein!"
Die Bestürzung spricht dir aus den Augen. Dann, mit einem Blick wie aus einem Totengesicht, schlägst du zu meiner ausgestreckten Hand aus. Langsam lässt du die deine steigen, um sie zu greifen.
Pfeilgeschwind schnelle ich mit meiner Rechten aus, um die deine zu greifen. Du versuchst vergebens, dich zu befreien. Stierst herüber. Ich erwidere dies über meinen rechten Arm hinweg und du kommentierst bissig: "Das kann nicht sein, was du willst." - "Natürlich nicht." Ich ziehe deine ausgestreckte Hand zurück in ihre unbeteiligte Position und lasse los. "Was verheimlichst du mir?" - "...stetig diese Fragen", meinst du frustriert, über meine ausgestreckte Hand hinauf zum Kloster stierend. In diesem Ton habe ich dich ja noch nie reden hören: "Läuft das erneut auf das Kloster hinaus?" 
"Lass uns das Zuhause bereden und klären", richtest du dich an mich, "Das sind wir einander schuldig." Das stimmt. Das sind wir. Aber anstatt auf den auch mir entsprechenden Vorschlag einzugehen, bin ich auf den Umstand fokussiert, dass ich mit dem Rücken zur angepeilten Richtung stehe. Ich müsste mich umdrehen, um loszulaufen.
Ich schenke dir keinen Glauben.
Ich schenke dir kein Vertrauen.
So weit sind wir also schon gekommen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich an deine Seite treten muss. Um nicht vor dir gehen zu müssen. Das verfolgst du mit einer Intensität, die mich noch schwerer belastet als alles, was mich jemals unten gehalten hat.
Aus dem Nichts rast deine Hand herauf, als ich an deine Seite trete. Mit dem Rücken zum Land jagt meine Konzentration augenblicklich von der schillernden See an meine Seite und zu deinen Füssen und deren verräterischen Drehung in meine Richtung, während du nie unser Zuhause angepeilt hast und meinen Hinterkopf mit ausufernder Besessenheit aufzuspiessen drohst. Deine Hand rast herauf.
Ein Schritt vorwärts, ein Schritt in das kalte Wasser und ich weiche aus, fahre umher, da schiesst du mir entgegen, du hast dich von der Erde abgestossen und springst mir mit ausgestreckten Armen entgegen, krallst und reisst mich in den sich zurückziehenden Spiegel, der entlang meines Gesichtes aufgeworfen wird, als ich mit dem Rücken absacke und du deine ganze Masse auf mich packst, die Hände reisst du von meinen versunkenen Schultern hoch und die perlende Gischt illuminiert ihren Fall aus dem glattgeputzten Firmament, als du einerseits meinen Hals umschlingst und andererseits zu meinem Hinterkopf voranpreschst.
Ich kann nichts sagen.
Einmal mehr redet er über mich hinweg.
Mit diesem scheusslich lamentierenden Gesicht eines verzweifelten Mannes.
Aber hey.
Wenigstens hat er seine Maske abgesetzt.
Die Augen weit aufgerissen, zerspringende Wassertropfen auf den Wangen und ich schnappe nach Hlynur's Unterarmen, an Land schlagen meine Füsse ein und ich stemme meinen Unterleib und ihn mit einem vorantreibenden Aufschrei empor, ihn vollends aus dem Konzept und über mich hinwegringend, wo er Hand in Hand mit einem haarsträubenden Knackgeräusch aufklatscht.
Ich habe bei dem Geräusch losgelassen. Flink fische ich seinen Kopf aus den seichten Wassern. Ich packe die Chance beim Schopfe und taste ihn ab, ehe ich ihn seinen Mühen, sich aufzurichten, überlasse.
Mich aufgerichtet und mich von ihm entfernend, betrachte ich finster seine erbärmliche Gestalt, die unter mir kauert und aus brechenden Zügen zu mir hochschaut.
Kein Mitleid sei zu verschwenden, ich renne los, meine nassen Haare hochbindend und auf die ersten Zeichen des fehlenden Steges zu. Es fehlt an Hlynur's Hinterkopf kein Stück und er hat keinen Knoten. Wenn der Knoten ein Überbleibsel der Krankheit ist, dann ist er nicht krank gewesen. Bisher habe ich lediglich an der Oberfläche gekratzt. Ich muss tiefer graben. So viel tiefer. Und mit gebrochenen Armen wird er mir nicht durch die Betten folgen können. Ich werde Geschichte schreiben! Ich schreibe Geschichte!

edited on 18.07.2019, 21:04 by Der Herr Koi
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14 – Du bist nie allein25. July 2019

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