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14 – Du bist nie allein
25. July 2019

Erklommen ist die Stufensteige hoch zum Felsplateau und ich setze Hand an die schwerfälligen Flügel des Haupttores, stemme mich mit hart zusammengebissenen Zähnen gegen den ausgebeulten Stahl. Der befeuernde Glorienschein zerläuft hinter den Schultern, dem Rücken entlang auf der durchnässten Kleidung, die am feingliedrigen Körper klebt.
Auffällig ist, dass es schweisstreibender geworden ist, die Flügel aufzustemmen, aber ob jetzt das Salz des Meeres oder das Salz des Leibes mich kleidet, ist nicht von Belang, so lange es mich für die Deklaration meiner Unabhängigkeit kleidet, an der ich  obenauf stehen und das Glück des festlichen Aktes gebührend empfinden werde.
Das einfahrende Geräusch von splitternden Knochen peitscht durch den Spalt des Tores, dessen Flügel ich mit einem Schlag aufschwinge, noch ehe mich das Geräusch überraschen kann. Die Flügel schwingen auf und donnern gegen die steinernen Wälle, ich erhebe mich besonnen auf der Schwelle und werde Zeuge von niederprasselnden Splittern von Holz, das das Tor von innen verbarrikadiert haben muss.
Der Widerhall der aufschlagenden Flügel wallt durch den Innenhof. Ringsum bestaunen die Lauben mit offenen Mündern meinen Zutritt. Der Ahornbaum im Klosterhof kann meine Sicht auf das Kirchenschiff nicht verneinen. Schweigsam folge ich der Verbindungsstrasse, übergehe jedoch den Bordstein, der im Zentrum des Hofes Raum für den Ahornbaum belässt. Das Laub knirscht unter meinen Füssen nicht auf, es ist hinfortgeweht worden. Nachdem ich den Hof das erste Mal betreten hatte und bevor Hlynur das Tor auf ein Neues verschlossen hat.
Ich fahre dem Baum durch die harzdurchzogenen Wunden und betrachte die verschmierte Hand mit den zusammenklebenden Fingern. Ja, dieser Baum ist nur zu beneiden. Er gibt nicht auf, so oft er auch durch die schonungslosen Jahreszeiten getrieben wird. Seine Blösse steht nicht für das Ende, sondern für einen kommenden Neubeginn. Er wird alsbald wieder in mannigfaltiger Herrlichkeit erstrahlen. Lieber Baum, du bist nie allein, auch ich bin aufgebrochen, um Farbe zu bekennen. Hier und jetzt auf die Knie zu fallen, wäre der sichere Tod, wie ich mir vorübergehend und die Hand an der alten Rinde abwischend untermauere.
Mit dem aufgehenden Ziegelrot des Kirchendaches in den Augen marschiere ich auf das eindrucksvolle Schiff auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes zu. Ich besteige die überschaubaren Stufen und finde mich vor dem aufgerissenen Maul des Einganges. Keine Tür hängt in den verbogenen Scharnieren, weshalb ich hineintappe, für den Bruchteil einer Sekunde den Atem anhaltend. 
Beunruhigung ist es, die mich logischerweise zuerst heimzusuchen vermag, dann aber muss sie weichen, nicht bloss weil der Eingang letztmals offen gestanden hat und ich trotzdem nicht krank geworden bin, sondern hauptsächlich weil das verhüllte Herz durch die erstaunliche Entdeckung eines Dunkels, das infolge eines zerbrochenen Blendwerkes erleuchtet, freigelegt wird. Von draussen schwemmt der Tag meinen Schatten durch das Schiff und zwischen den über den Haufen geworfenen Sitzreihen hindurch, ich folge ihm und lasse mich von der geräumigen Halle einnehmen, in der sich dankenswerterweise imposante Bleiglasfenster bis zur nicht definierbaren Decke erstrecken. Sie sind zu grossen Teilen zerstört und Scherben funkeln auf dem Fussboden auf, was ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge feststelle. Einerseits fördert es die Fähigkeit, etwas zu erkennen, andererseits verschleiert es, was auf ihnen abgebildet ist.
Ich bemühe mich, in den Fenstern eine Aussage auszumachen, betrachte sie nacheinander. Und auch wenn allein über ihre Bruchstellen die späte Nachmittagssonne wabert und das bunte Glas das Firmament entfremdet, glaube ich, dass ich einen vagen Erfolg verbuchen kann: Ich glaube zu lesen, wie ein Mann vom offenen Meer an ein lichtdurchflutetes Land gespült wird, wo er unter dem allgegenwärtig erstrahlenden Gestirn die Hände zum Gebet faltet. Die Allgegenwart enthält eine Gestalt in der Form von einer engelsgleichen Frau, bei der es sich um Freya handeln muss. Eine Gemeinschaft von Menschen versammelt sich unter ihr und errichtet ihr zum Dank das Kloster auf einem weiten Blumenfeld. Darüber erscheint immerwährend das strahlende Gestirn namens Freya.
Verblüfft tappe ich zwischen den Reihen voran an den Altar. Das steinerne Podium, auf dem er sich befindet, ist von der Zerstörung nicht betroffen, die hölzerne Montur hingegen ist fürchterlich zerschrammt. Kleine Skulpturen von der stets gleichen Frau und halb abgebrannte Kerzen liegen davor verteilt und eine beachtliche Platte aus Gold krönt die Wandverkleidung. Dreieckige Figuren umfassen sie in regelmässiger Abfolge, abwechselnd von ihr ab- und in sie eingehend. Ich muss von ihr wegschauen, um infolge der Lichtreflektion nicht geblendet zu werden, da fallen mir auch zerrissene Bücher auf, die in der Halle verteilt herumliegen. Eines unter die Lupe nehmend, muss ich aber einsehen, dass es sich lediglich um Liederbücher beschrieben mit Lobgesängen handelt.
Als ich mich von den Bodenplatten aufhebe, entdecke ich einen abgehenden Seitengang. Das macht schon Sinn. Immerhin haben neben Mönchen auch Priesterinnen im Kloster gewohnt. Ich nehme nicht an, dass sie unter dem gewöhnlichen Volk der Fischersleute gewohnt haben, und auch nicht, dass sie beieinander gewohnt haben. Nicht wegen dem Geschlecht, sondern vielmehr weil die Priesterinnen direkt Freya's Willen empfangen und demzufolge wohl auch verkündet haben. Da werden sie bestimmt ihre eigenen Räumlichkeiten gehabt haben. Die Kämmerlein in den Lauben im Innenhof müssen den Mönchen genügt haben, also ist ein solcher Seitengang zu zusätzlichen Räumlichkeiten nur zu erwarten gewesen.
Flugs nehme ich eine der Scherben und eine Kerze, um mich nach draussen zu gesellen und mich in Geduld zu üben. Es kommt meinem aufreibenden Forscherdrang zu Gute, dass ich darin Übung habe, dennoch kann ich es kaum erwarten, die Räumlichkeiten der Priesterinnen auszukundschaften.
Nach einer langen Weile entzündet sich der Docht unter der Scherbe. Schnellen Schrittes marschiere ich durch das Kirchenschiff und auf den Seitengang zu, in den ich mit vorgehaltener Kerze hinabspähe. Den Flur säumende Statuen erwidern die Aufmerksamkeit aus in Schatten dahinschwindenden Marmorgesichtern und als ich ihnen zu trotzen wage, schauen sie aus schwarz maskierten Teufelszügen auf mich herunter. Schon nach den ersten der immergleichen Statuen halte ich jedoch inne, um sie mit der Kerze zu demaskieren und als pittoreske Nachbildungen der Frau in ihrer Engelsgestalt zu enthüllen, die Freya darstellt. Die Sockel weisen den einen oder anderen Kratzer auf, die erhabenen Statuen an sich sind makellos.
Der Flur führt tiefer, als ich erwartet habe. Wie in einer Spirale dreht er sich in das Plateau des Klosters und mich schliesslich zu einem nächsten Tor. Gleich jenen des Haupttores sind auch diese stählernen Flügel verschlossen und verbeult.

edited on 28.07.2019, 19:53 by Der Herr Koi
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14 – Du bist nie allein 0201. August 2019

Mit Schrecken muss ich feststellen, dass das heisse Wachs über meine Hand tropft. Die Kerze ist so gut wie niedergebrannt, also sei rasch umgekehrt! Unverständlich, wie ich nicht daran habe denken…

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