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14 – Du bist nie allein 02
01. August 2019

Mit Schrecken muss ich feststellen, dass das heisse Wachs über meine Hand tropft. Die Kerze ist so gut wie niedergebrannt, also sei rasch umgekehrt! Unverständlich, wie ich nicht daran habe denken können, noch Reservekerzen einzupacken. Wie dem auch sei, ich werde gleich zurück sein. Wie die Statuen aber auch glotzen! Aus meiner begrenzten Lichtsphäre schaut das durchaus einschüchternd aus. Wenn ich sie passiere, ist es, als  würden sie ihre Augen aufreissen und zum Leben erwachen, um mich zu ergreifen und mir mit dem stummen Marmormund die Kehle zu zerfleddern. Sie tauchen vor mir aus der Finsternis auf, die den Eindruck vermittelt, auch dann tiefer zu ziehen, wenn ich mich hinaufbewege. Allein um das Licht zu verlöschen und nach erfolgtem Misserfolg die Augen vor meinem Fortgang zu verschliessen. Allein um immer und immer wieder aufzutauchen und nach dem Licht zu schnappen und sich letzten Endes abermals zur Ruhe zu legen. Was für abscheuliche Fratzen sie tragen, wenn sie nicht gerade in Frieden ruhen!
Da, ein gellender Schrei! Verflucht, nein, es ist nichts weiter, als dass ich auf einen hölzernen Gegenstand getreten bin. Gleichwohl hat mir das Geräusch einen solchen Schauder über den Rücken entsandt, dass ich automatisch innegehalten habe. Wie sich herausstellt, habe ich einen Pfeil zertreten. Ich beschliesse mit einem verstohlenen Blick über die Schulter, es vorerst bleiben zu lassen, mich nach ihm zu beugen. Vollkommen harmlos!, versuche ich, mich zu beruhigen.

Bewaffnet mit zusätzlichen Kerzen finde ich wieder zum verschlossenen Tor. Der Vorrat wird hoffentlich ein gutes Stückchen Weg reichen. Wobei ich inständig hoffen will, dass sich dieser nicht mehr allzu sehr voranschlängelt. Nicht zuletzt weil die Priesterinnen ihn ständig zurückgelegt haben müssen. Ich glaube nicht daran, dass ein Volk die Vertreterinnen oder Vertreter seiner Gotteserscheinung lange Wege beschreiten lässt.
Ich presse mich gegen die Flügel und lege meine Hände auf dem kalten Stahl auf, kraftvoll dagegen drückend, drückend und stossend, heftig ausschnaubend und röhrend, sodass es durch den Flur rumort und ich mir einzubilden habe, ich würde die blutrünstigen Engel aus ihrem Schlummer erwecken, hätte nicht unvermittelt der Mauerstein aufgeächzt. Auffällig ist dadurch, dass es sich umständlicher gestaltet, diese Flügel zu stemmen; erst jetzt schwebt mir vor, dass sie sich auch in die meine Richtung öffnen könnten. Dass sie sich in die meine Richtung öffnen müssen. Dass sie sich nur in die meine Richtung öffnen lassen müssen.
Das verheissungsvolle Ächzen aus dem Mauerstein nimmt mit herabrieselndem Sand ein jähes Ende, als die Scharniere auseinanderspringen und das Tor mit einem ohrenbetäubendem Gepolter gleich einem Bombardement vorwärtsschallt. Schutt und Sand wird mir um die Ohren geblasen, zwischen welchen der erschütternde Glockenschlag weiterpendelt, als ich mich aus unsanfter Landung aufrapple. Eine Hand an die Stirn gelegt, legen sich die Finger der anderen um eine Kante. 
Die Kerze. Ich lange benommen nach der Kerze und beleuchte, was ich ertastet habe. Zweifellos, vor mir fällt der Boden ab. Demoliert worden ist er aber nicht, es gehört zum Bau dazu. Nicht nur ist die Bruchstelle gerade, auch die Bodenplatten unterzeichnen, dass es ab dieser Stelle nach rechts weitergeht, während es links von mir ebenfalls abwärtsgeht. Das hätte übel ausgehen können.
Ein nächster Glockenschlag und ich erschaudere. Aus der Tiefe lärmt er zu mir empor. Gebannt stiere ich in die Finsternis. Das Tor muss unten aufgeschlagen sein und was mir das eröffnet, was mir der Widerhall eröffnet, der in der Tiefe in alle Richtungen ausschlägt und entlang der Wände rauscht, ist die Weitläufigkeit dieses Bereiches des verlassenen Untergrundes, in den ich mich gestürzt habe. Ich kann sie mit in der Distanz verklingendem Widerhall erkennen, dem ich wie einem aufrichtigen Versprechen lausche. Ich erkenne sie klar und deutlich.
Ich leuchte nach rechts. An der Wand entlang führt eine steinerne Treppe hinunter. Am Abgrund entlang. Ich könnte auch gut eine Kerze opfern, indem ich sie fallen lasse, und schauen, ob dort unten etwas auszumachen ist. Wenn sie denn auf ihrem Flug nicht verlöscht. Es wird besser sein, persönlich hinunterzusteigen, um keine Ressourcen zu verschwenden. Fehlt nur noch, dass der Brummschädel langsam mal nachlässt, aber das wird schon, will ich hoffen, mir an die pochende Stirn langend.
"Nanu?"
Perplex äuge ich hinüber zur ausgestreckten Hand, zu den ersten sichtbaren Stufen, die in der Sphäre meiner Kerze tiefer führen. Grundsätzlich ist es ausgeschlossen. Dass ich mich nicht täusche. Doch ich muss mich täuschen. Das können keine Schritte gewesen sein, die ich vernommen habe.
"...ist da jemand?"
Ausgeschlossen.
Absolut ausgeschlossen.
Eine Hand, ich kreische auf, sie grabscht unversehens von hinter mir, vom aufgestossenen Tor nach mir und die Finger verschliessen sich um meinen Hals, scharfe Fingernägel schneiden in die Kehle, als ich endlich reagiere und panisch meinen Ellenbogen rückwärtsknalle, gegen einen festen Körper knalle, der auf der Stelle loslässt, ich will ihn unwillkürlich identifizieren, stelle viel zu spät fest, dass ich vor Entsetzen die Kerze losgelassen habe, die wie in Zeitlupe über die Stufen gleitet und meinen Rücken bescheint; vor mir quäkt der getroffene Körper auf, als er über die Kante in den Abgrund stolpert, während ich durch den Schwung gegen die Wand an meiner Seite schlage und für einen Moment zusammensacke. Die Kerze brennt weiter unten weiter.
Die Kerze. An der Wand abgestützt schiele ich über meinen Arm zur Kerze. Zur einzigen Lichtquelle weit und breit. Mitten auf dem Treppengang und ich hier oben. Und dort unten. Das müssen Schritte gewesen sein, die ich vernommen habe. Aber was ist das eben gewesen? Was zur Hölle kann das denn überhaupt gewesen sein?!
Schritte. Jemand besteigt den Treppengang. Antwortet nicht auf meine Frage. Verdrossen fasse ich den Entschluss, mich nicht länger damit auseinanderzusetzen. Mich nicht der potenziellen Bedrohung auszusetzen, weshalb ich nach losgebrochenen Felsbrocken fische und mich erneut gerade hinstelle. Mich dem Abstieg stellend, feuere ich die Brocken über die Kerze hinweg, um fernzuhalten, was da ist, mich im Nu den Geschossen hinterherstürzend, um die Kerze an mich zu reissen und im Nullkommanichts an die Erdoberfläche zurückzukehren.
Dass ich nicht von vorne attackiert worden bin, habe ich unbewusst ausgeblendet.
Noch bevor sich das Ebenbild des Feuers in meinen Augen vollständig ausdehnen kann, schnallt sich eine Hand von abseits des Abstieges um mein Fussgelenk.
Die Luft angehalten, schiesse ich das abgestrafte Feuer aus den Augen in den Abgrund, stoppend, meinen freien Fuss dem fremden Arm entlangschleissend und gegen den Schädel schellend, denn es wäre doch wirklich ungerecht, wenn ich hier die einzige sein müsste, die einen Brummschädel leiden muss! Knochen brechen, Finger geben nach, ich verziehe die Miene analog zum bösen Spiel.
Eine zweite Hand, sie schnallt sich um meinen ausgestreckten Fuss und wie der dazugehörige Körper fällt, falle ich auf meinen Allerwertesten, ich japse erschlagen auf, starre empor, in das empor, in das die gewichtige Fessel mich mit sich hinunterreisst. In die Schwärze.

edited on 01.08.2019, 11:12 by Der Herr Koi
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15 – Im Ursprung der Schatten08. August 2019

Die Kerze, auf die Kerze und die Kerze allein bin ich aus, die Finger um die Kante gekrallt, über die weiter unten der schwindende Schein der Kerze flimmert, während ich den Abgrund seine Beisser…

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