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15 – Im Ursprung der Schatten
08. August 2019

Die Kerze, auf die Kerze und die Kerze allein bin ich aus, die Finger um die Kante gekrallt, über die weiter unten der schwindende Schein der Kerze flimmert, während ich den Abgrund seine Beisser ohne Eile in mein Fleisch bohren fühle und die um mein Fussgelenk geschnallte Hand umstreicht meinen Nacken als der Hauch aus einem Rachen, der dem Menschen, der durchströmt von Tatendrang Hand anlegt, des nachts seit jeher anstelle eines Mondes aufgeht.
Die zweite Hand des röchelnden Jemandes schnappt sich mein Fussgelenk, vergebens versuche ich, sie mit der Ferse meines anderen Fusses abzuschlagen, mich krampfhaft entlang der Stufen hangelnd, die Finger förmlich in den Stein gehauen. Die ominösen Schritte kann ich nimmer vernehmen, gleichwohl rechne ich mit ihnen, ich rechne damit, dass sich kurzum noch jemand dazugesellen wird, aber die Kerze, ich habe die Kerze gleich erreicht; abgequält hieve ich mich aufwärts, um über die Kante nach der Kerze zu greifen, was mir jedoch nicht gelingen will, es will mir nicht gelingen, nach ihr zu greifen, keine Chance, mit einer Hand loszulassen, ohne meinen Halt zu gefährden!
Die Hände erklimmen meine Waden.
Ich benötige schleunigst einen Plan!
Ich halte ein, im selben Moment, in dem ich das steigende Unheil bedenke und einsehe, dass ich mich nicht vollständig aufwärtshieven und auch nicht nach der Kerze greifen kann, ist es durch den Zusammenfluss dieser Faktoren totenstill, weswegen ich die Schritte unweit neben mir weitersteigen höre. Das verrät mir nicht nur die Distanz zu ihnen, sondern auch, dass der Stufengang in der Ecke dieses Bereiches einen Haken schlägt und unter mir weitergeht.
Gewillt, es lebendig aus dieser misslichen Lage zu schaffen, hangle ich mich am Abstieg entlang Stufe um Stufe abwärts, ehe ich schnaufend beginne, mich mitsamt des elendlichen Ballastes zu schwingen. Ich schwinge und schwinge und stosse ein abgehacktes Kampfgebrüll aus, loslassend und den Ballast gegen den Gipfelstürmer auf den tieferliegenden Treppen ringend, sie prallen wuchtig gegeneinander und gegen den Mauerstein, wobei ich aber auf die Treppen darunter knalle und mir die Arme an den Kanten aufschlage.
Keine Zeit verlieren, ich springe spürbar mitgenommen auf, die zittrigen Glieder tun höllisch weh, das kann ich mir ruhig eingestehen, so lange ich mich nicht davon aufhalten lasse. Mit dem Minimum von Fingerspitzengefühl, das verlangt wird, um Treppen ohne Augenlicht zu steigen, presche ich voran, an den beiden zusammengeklappten Individuen vorüber und auf die Kerze zu.
Zwei Hände. Zwei Hände binden sich um jeweils ein Fussgelenk und stürzen mich in meinem Höhenflug, es müssen die beiden sein, die ich soeben passiert habe, das ist kein grosses Geheimnis, wie ich weiss, den Sturz mit meinen Armen abfangend und meine eigene Hand ohne Unterbruch voranstossend. Denn die Kerze ist in Reichweite.
Das ist.
Ungläubig und im Vorhaben wie schockgefroren starre ich durch den Kerzenschein.
Auf der anderen Seite des fast verloschenen Kerzenscheines steht jemand auf den Stufen.
Hinuntersteigend und ich folge konsterniert dem aufsteigenden Licht, das über die nackten Füsse, die Beine und den zierlichen Körper der Person streicht, die Schatten mit einem bedachten Pinselzug über die weisse Robe ziehend, über die blutverschmierte weisse Robe dieser Frau, hinter derer verzogenen Schattengrimasse ich ein hübsches Engelsgesicht befürchte.
Das ist ausgeschlossen.
Sie kommt auf mich zu und geistesgegenwärtig reisse ich eine Reservekerze auf sie zu, da tritt sie auf die Kerze zwischen uns und radiert die Flamme aus. Das schwellende Kerzenwachs tritt unter ihrer Ferse hervor, neben der meine Hand die zweite Kerze mit entfachtem Docht hält. Gerade noch rechtzeitig.
Prompt holt mich die Tragweite meiner eigentlichen Sorgen wieder ein, als mich die beiden Hände an meinen Fussgelenken ruckartig mit sich zerren, ich will mich schon umwenden, um mich zu befreien, und der Vorhang fällt vor der Frau über mir, diese durchbricht ihn aber unversehens mit einem gezielten Schritt auf meinen Unterarm, ihn an Ort und Stelle festsetzend, was ich verdattert verzeichne, die Kerze hinter dem feindlichen Fuss erblickend.
Über der aufwogenden Robe beugt sich die Frau zu mir herunter, die Hände vorangehend und nach meinem Kopf ausgestreckt, das lasse ich mir nicht zweimal sagen, sofort sei eine der Hände aus der Luft und das Leichtgewicht dahinter aus dem Gleichgewicht gepflückt, und wie sie fliegt! Frontal gegen die vermeintlichen Kameraden, die durch den Zusammenstoss auseinandergetrieben werden, doch noch ehe ich den Zustand der Kerze ermitteln kann, werde ich des Sachverhaltes gewahr, dass der eine von ihnen über die Kante taumelt, ohne losgelassen zu haben, weshalb ich ein zweites Mal mitgerissen werde.
Infolge meines Entschlusses, die Kerze nicht nochmals fallen zu lassen, und meines Wissens über die hakenschlagende Treppe jage ich die Finger meiner einzigen zur Verfügung stehenden Hand in den Stein, um dann, bevor ich dem Ballast nachgeben muss, dessen Schwung mitzunehmen und zu optimieren, ich schwinge ihn an meinem Punkt vorüber, lasse los und schmeisse mich in die entgegengesetzte Richtung, beidsamt werden wir böse gegen die Stufen gepfeffert, er jedoch weiter unten und entsprechend schmerzhafter, dennoch lockert er seinen Griff nicht. Er lockert seinen Griff nicht und kentert über die nächste Kante; ohne lange zu überlegen schnelle ich auf, ich packe den Unterarm hinter dem bindenden Griff, den wabernden Schein der Kerze über mir haltend, weshalb es die Geistesabwesenheit ist, die aus meiner ausdruckslosen Miene spricht, als ich meinen anderen Fuss gegen den Kopf hinter dem Arm schelle. Die Finger um meinen Knöchel lösen sich und der Ballast stürzt in den Abgrund, derweil falle ich wegen meiner rasanten Bewegung und der verstrickten Körperhaltung vorneüber, die Stufen ein gutes Stück hinunterpolternd.
Für eine handvoll Sekunden stehe ich neben mir, ehe ich wieder zu mir komme. Alles tut mir weh. Alles. All das. Wo habe ich mich hier bloss hineingeritten? Es ist so finster hier unten. Aufstöhnend raffe ich mich vom Boden auf. Der Boden. Nackte Erde.
Wie finster es ist, sage ich mir, warum es so finster ist, frage ich mich, nach der Kerze Ausschau haltend. Etwas entfernt liegt sie auf Bodenplatten, einen Durchgang in einen anderen Bereich beleuchtend.
Von überall dringt das schwere Atmen aus aller Munde heran zu mir und auch wenn ich sie nicht sehen kann, das bange Grausen in meinem Herzen signalisiert mir zu Genüge, dass sie näherrücken. Näher und näher rücken.
Ich stosse mich empor und voran, renne auf die Kerze zu, meine Füsse entschlossen in die Erde stossend, ich erreiche den Durchgang und festen Boden unter den Füssen, hebe die Kerze auf, schaue hinter die Blase des Lichtes und die Neugierde lässt mich entgegen Sinn und Verstand, aber ganz gemäss meiner Natur die Hand mit der Kerze ausstrecken, um einen kurzen Blick zu wagen, in dem sich eine Gasse mit Büchern und umgeworfenen Schemeln zwischen zwei gigantischen Bibliotheksregalen eröffnet.
Eine Hand schiesst von hinter dem Durchgang nach der meinen, erwischt sie auch, ich sauge in Fassungslosigkeit über mich selbst die Luft durch spitze Lippen ein, reisse die ergriffene linke Hand zurück und damit den Angreifer zu deren Linken, gleichzeitig aber auch mein rechtes Bein, mit dem ich gegen den Kopf des Angreifers und diesen gegen die Fassade hämmere.
Schlagartig nehme ich die Beine in die Hand und spurte zurück zum Stufengang, um die Flucht aus dem Untergrund des Klosters anzusteuern, mir ununterbrochen den Weg leuchtend. Die Erde ist zu gebrochenen Wellen geschichtet, verwinkelte Fussspuren zeichnen ein Bild von ziellosen Streifzügen zwischen wenige abgestorbene Bäumchen. Es erinnert mich vage an meinen Garten, nur weitaus grossflächiger. Das ist sie, die ungeschminkte Wahrheit. Hier unten im Ursprung der Schatten. Das ist sie, eine vollkommen andere Welt.

edited on 08.08.2019, 17:29 by Der Herr Koi
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15 – Im Ursprung der Schatten 0215. August 2019

Die Stufen erklimmend höre ich die dort zurückgelassenen Angreifer schon kommen, ich habe schon auf sie gewartet, da entern sie mit ihren Händen meine Lichtblase, die Kerze schützend vor mich…

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