Story-Block

Go to the prequel of this Story Block
15 – Im Ursprung der Schatten 03
21. August 2019

Bestürzt betrachte ich den regungslosen Schattenmann am Boden.
Das.
Das kann nicht wahr sein.
Das habe ich nicht getan.
Das habe ich nicht gewollt.
Ich erschaudere, bemerke, wie die Leute vor dem Haus beginnen, sich aufzuraffen.
Verflucht. Ich habe wirklich keine Wahl. Ich verfluche es und dieses Schicksal, das sich meiner anzunehmen gedenkt. Wenn ich jedoch bedenke, dass es kein Schicksal gewesen ist, das mich in diese Bredouille manövriert hat, dann kann ich darauf vertrauen, dass es noch nicht zu spät ist, mein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Das Gewicht der Tat lastet nicht an ihr, sie ist bereits zuvor triefend nass gewesen. Die Tat ist das Ergebnis einer Folge von Entscheidungen gewesen. Und wer vor falschen Entscheidungen auf die Knie fällt, der wird auch zukünftig keine richtigen Entscheidungen treffen. Vielleicht strenge ich mich mit diesen Überlegungen nur an, um mich selbst davon zu überzeugen, dass es richtig ist, die einzige Option unverzüglich anzuvisieren, aber wenn ich überleben will, darf ich Hlynur bis zuletzt nicht folgen!
Liegen lassen und ab mit mir zum Strand! Es kann keine Zukunft geben, wenn ich noch länger hier ausharre, also ab mit mir und spurtend stürze ich mich zum Strand, meine schweren Beine über die gespaltene Erde befördernd, aus der hinterrücks eine Hand schiesst, sie schnappt sich mein Fussgelenk, mich fällend, verdutzt schlage ich auf, zurückblickend und hinter mir erhebt sich eine Person jungen Alters, einem Kinde ähnelnd, das sich über meine Beine hermacht und mir an die Gurgel will, ich kann es durch das Dunkel nicht deutlich benennen, will das auch überhaupt nicht tun, scheppere ihm mein verkrampftes Knie gegen die Brust, um es fortzustossen und mich nicht aufhalten zu lassen.
Um mich her spriessen Glieder aus der Erde, diese heimtückischen Leute ermannen aus ihren Verstecken, die sie sich scheinbar auserkoren haben, um des nachts über uns herzufallen, während sie tagsüber unterhalb des Klosters hausen. Ich habe keine Ahnung, was sie gegen uns haben, aber es ist hiermit bewiesen, dass wir nicht allein sind auf dieser Insel und dass es sich bei dem Getier, das Hlynur immerzu abgewehrt hat, um diese Leute handelt. Er muss es sich mit ihnen übel verscherzt haben, derart krankhaft erscheint mir ihre Gewaltbereitschaft, aber bei einem Lügner und Egomanen überrascht das wenig.
Eilig löse ich die Schlinge um den in den Strand gehauenen Pflock, werfe mich verfolgt von den schnaufenden Schattengestalten, von denen durch die Fackeln bei der Hütte lediglich die Konturen gezogen werden, in das Boot, ihm dadurch einen sofortigen Schub verschaffend, in die stille Oberfläche der sternenlosen Nacht stechend, deren Wasser ich am Boden des Bootes brechen spüre. Erleichert drehe ich mich auf den Rücken, um den aufgegangenen Mond zu belächeln.
"Was in aller Welt...?!"
Kein Mond ist in den sperrangelweit aufgerissenen Augen aufgegangen. Im persönlichen Spiegel setzt Bewegung ein, die dem schwarzen Gewölbe Leben einhaucht. Unbestimmte Strömungen durchfahren es und die alte Ordnung wird auf den Kopf gekehrt. Spiralen drehen sich zu einem aufgewirbelten Ozean. Der Wellengang lodert in ultraviolettem Gewand auf und brandet an freigelegten Eilanden von exorbitanten Dämonenaugen. Aus dem regelrecht brennenden Himmel glotzen sie in der Zahl der Sterne auf das Land hinab.
Durch den Anblick verstört brause ich auf, von irgendwoher hasse ich es, in diesem jähen Albtraum auf mich gestellt zu sein, und von irgendwoher hasse ich das, als ich panisch nach den Paddeln greifen will, um mich unverzüglich aus dem Staub zu machen. Das wiederum habe ich unverzüglich zu bereuen. Am Boot abgestützt werde ich leichenblass, als mir das Ausmass der jüngsten Entwicklungen vor Augen geführt wird. Diese leuchten hell, als sie das Flammenmeer wiedergeben, dessen sengende Wellen mein Boot reitet. Aus dem einkesselnden Inferno steigen zahlreich Wirbelstürme von rauschenden Höllenfeuern empor in das verdammte Himmelszelt.
Ein Albtraum.
Ja natürlich ist es das genaue Gegenteil von Hlynur's Definition, aber das muss ein Albtraum sein, wie ich mir mit zittrigen Fingern und in sich zusammenfallender Distanziertheit einzureden versuche. Ich bin durch die Erschöpfung sogleich eingeschlafen und träume, wie ich noch nie zuvor geträumt habe. Jawohl, das muss es sein. Mein allererster Traum, eine Vorstellung für mich allein und eine Geschichte, die erzählt werden muss und nicht erlebt werden kann. Das muss es sein: Nicht real. Demnächst wache ich auf, um mich an meinem Platz wiederzufinden. Demnächst wache ich auf, ganz bestimmt.
"DILARA!!"
Durch den durch die Feuer wallenden Aufschrei aufgeschreckt, wende ich mich in der Hoffnung auf einen Fingerzeig zum Land zurück. Je weiter ich hinfortgetragen werde, desto mehr schliesst sich der auflodernde Vorhang hinter mir. Noch sehe ich die beleuchteten Rücken der ominösen Gestalten, die kehrt gemacht haben und zur Hütte taumeln. Hlynur. Er liegt noch dort. Ich habe ihn getötet.
"DILARA, BITTE...!!"
Dieser Schrei. Diese Stimme. Unglaublich. Und dennoch ist es so. Die namenlose Insel erstrahlt im Angesicht der Nacht. Die gesetzten Fackeln sind nicht mehr auszumachen. Daheim setzt Hlynur sich gegen die Gestalten zur Wehr. Sie versammeln sich bei ihm und taumeln von der gesamten Insel zu ihm daher und ringen ihn schliesslich nieder. Vor einer Frau auf die Knie fallend, schreit er meinen Namen aus. Er schwingt ihn aus aufgeschlitzten Lungenflügeln herauf und beschwört aufgelöst in der ihn tyrannisierenden Marter meine Heimkehr.
"DILARA, BITTE, ICH KANN ES NICHT LÄNGER ERTRAGEN!!"
"Hlynur..."
"BEI FREYA, DILARA, WIE SOLL ICH MIR VERGEBEN, WENN DU MICH NICHT SEHEN KANNST?!"
"Hlynur... was treibst du denn...?"
Unmöglich zu verstehen. Mein Flüsterwort versiegt für einen Augenblick. Ich lange mir an den Mund. Sinke auf die Knie. Fassungslos. Besiegt.
Der Vorhang fällt und zwischen meinen Fingern steigt empor das abschliessende Wort. Es gibt nichts zu vergeben. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du brauchst dich nicht für die Person zu entschuldigen, die du bist. Du bist du und das bist du mit makelloser Konsequenz, denn was immer du auch tust, du schreibst Geschichte und ist nicht das und das allein, was zählt...?
Du hast nicht vor der Hütte gestanden, die hast du niemals zu beschützen versucht, das hat sich allmorgendlich an den Schäden gezeigt. Wie ich mich in Anbetracht der Schäden nie gewundert habe, dass mein Garten inmitten des aufgeworfenen Landes unversehrt gedeihen kann. Jetzt kenne ich den Grund. Und wie vernichtend es ist, zu sehen, wie du dich mit dem Rücken zum Gatter gegen das Unheil stemmst. Wie du dich immer gegen das Unheil gestemmt hast, um meine Welt zu beschützen, während ich geschlafen habe. Dies ist kein Traum. Nicht mehr. Niedergerungen sind die Fassaden und blossgestellt verrinnt meine innere Glut auf hoher See.
Mit verschwimmender Sicht und ausgelaugtem Körper hieve ich mich aus der Trauer. Ich beisse mir auf die Unterlippe und presse meine Augen fest zusammen, um mich loszureissen; ich strecke meine Hand nach den Paddeln aus, um meinen Weg fortzusetzen. Aufzugeben ist keine Option. Mein Ziel hat um jeden Preis der Neubeginn zu sein. Mein eigenes Leben, wie ich mir wiederhole, als mit einem Mal die Feuer gegen das Boot schlagen, wodurch ich in meinem unsicheren Stand das Gleichgewicht verliere. Das Boot wird von einer der Wellen geradezu meinen Füssen enthoben. Während es in die eine Seite ausschlägt, strauchle ich in die andere. Hilflos blicke ich nach dem Firmament, nur um die mich durchbohrenden Dämonenaugen zu erblicken, an die die lichterlohen Fluten einzig den Fokus spülen. Entfernt von meinem eigenen durchbreche ich die flammenden Wasser.

[Fortsetzung folgt in Form des Finales]

edited on 21.08.2019, 16:37 by Der Herr Koi
Collected Steps:
Step
2
Add to favorites
0
Walked paths
16 – Das Herz25. August 2019

Flammende Wasser. Sie wiegen vogelfrei an den schweren Gliedern vorüber, die in ihre Hinterlassenschaft kentern. In den staubigen Sog der Asche absacken. Umschwirrt von der versandenden Erinnerung…

Most walked path with2 steps

Comments